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Trutzburg gegen die Krise

Die Leipziger Baumwollspinnerei zwischen Chic und Krise

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Vor vier Jahren zogen Leipzigs führende Galerien in die Baumwollspinnerei und machten das Gelände international bekannt. Es folgten weitere Galerien, Künstler, Kunstspediteure, Druckereien, Läden, ein Callcenter. Doch während die Spinnerei ihr Gesicht verändert, schlägt die Finanzkrise auch in den Leipziger Galerien ein. Ein Stimmungsbild von Robert Schimke

Vor vier Jahren zogen Leipzigs führende Galerien in die Baumwollspinnerei und machten das Gelände international bekannt. Es folgten weitere Galerien, Künstler, Kunstspediteure, Druckereien, Läden, ein Callcenter. Doch während die Spinnerei ihr Gesicht verändert, schlägt die Finanzkrise auch in den Leipziger Galerien ein. Ein Stimmungsbild von Robert Schimke.

Mit deutlichen Worten meldete sich Spinnerei-Galeristin Arne Linde vor ein paar Tagen aus New York. »Die Veränderungen hier sind enorm«, schrieb sie in einer E-Mail und fragte fassungslos: »Was macht die Krise mit der Kunst?« Linde hatte an der Kunstmesse Pulse Art Fair teilgenommen und aus nächster Nähe beobachten können, wie die letzten Reste des weltweiten Kunsthypes unter der Last der Finanzkrise pulverisiert wurden: Privatmuseen, die ihre Sammlungen verkaufen, um der Insolvenz zu entgehen, Wirtschaftsleute, die noch vor wenigen Monaten Bilder im Dutzend kauften und jetzt schulterzuckend auf ihre leeren Auftragsbücher verweisen, bescheidene Wein-Empfänge an Orten, wo letztes Jahr noch Champagner floss und Edelhäppchen gereicht wurden. Kunstmarkt in Katerstimmung.

Was das mit der Spinnerei zu tun hat? Einerseits sehr viel, wenn man bedenkt, dass der Erfolg der jüngeren Leipziger Malerei zum großen Teil von Kunstkäufern aus jenen Ländern getragen wurde, in denen die Krise härter und früher zugeschlagen hat als hier. Ende April sollen internationale Sammler und Museumskuratoren wieder nach Leipzig einfliegen. Dann öffnet der nächste Galerienrundgang auf der Baumwollspinnerei, der erste in der Krise. Er wird eine Art Lackmustest werden für die Frage, wie das kleine Leipzig sich gegen den großen Abwärtssog des Kunstmarktes behaupten kann.

Leipzigs Alpha-Kunsthändler: Judy Lybke

Der Spinnerei-Ableger der Londoner Galerie Fred: seit mehreren Monaten in einer Winterpause, die wohl so schnell nicht zu Ende gehen wird. Die Dependance der New Yorker Galerie Pierogi, deren Ansiedlung für die erfolgreiche Internationalisierung des Geländes stand: geschlossen. Und die Leipziger Galerien? Judy Lybke, Leipzigs Alpha-Kunsthändler, erzählt ganz offen von Umsatzeinbußen: »Natürlich sind wir beängstigt und rammeln rum.«

Dass Leipziger Spinnerei-Galerien schließen müssen, davon geht derzeit aber kein Galerist ernsthaft aus. Optimist Lybke, der die Spinnerei schon des Öfteren durch selbsterfüllende Prophezeiungen gestärkt hat, sagt: »Es werden eher Galerien hinzukommen. Der Mietpreis hier ist selbst in der Krise noch ein richtiges Argument.«

Auf der anderen Seite hat die Kunstmarktkrise mit der Spinnerei relativ wenig zu tun. Neben den 13 Galerien und rund 100 Ateliers prägt eine mehr oder weniger krisenunempfindliche Vielfalt den ziegelroten Lindenauer Koloss. Auf dem Gelände tummeln sich heute Druckereien, ein Hutmacher, ein Gitarrenbauer, Medienbüros, Geschäfte für Künstlerbedarf, Computer, Fahrräder und Luxusklaviere. Oder eine Galerie wie b2.

Deren Leiter Michael Grzesiak fragt: »Welche Krise? Wir kommen aus der Krise.« Ein Teil seiner Künstler lebt seit jeher unabhängig von den Turbulenzen der Weltwirtschaft von Brotjobs und Stipendien. An seinem Galerieprogramm kann man gut ablesen, dass Kunst nicht gleichbedeutend mit Kunstmarkt ist. Diese Binsenweisheit drohte auch in Leipzig in den letzten Jahren vergessen zu werden, als Galeristen Sätze sagten wie: »Nur ein verkauftes Bild ist ein gutes Bild.«

Einer der international bekannten jüngeren Leipziger<br />Maler: Tilo Baumgärtel“ class=“attachment-medium wp-post-image“ title=“Einer der international bekannten jüngeren Leipziger<br />Maler: Tilo Baumgärtel“ /></figure>
                <p> Halle 18, Treppen rauf, ein langer, breiter Gang, von dem eine Stahltür abgeht, dahinter das Atelier von Tilo Baumgärtel. Der Maler überreicht Atelierbesuchern neuerdings mitunter eine Packung Eier aus der eigenen Mini-Hühnerzucht. Baumgärtel, einer der international bekannten jüngeren Leipziger Maler, ein krisenbewusster Selbstversorger? Immerhin, romantische Untergangsszenarien malt er schon seit einiger Zeit.</p>
                <p>Er wehrt ab. »Du bist zu früh hier«, antwortet er auf die Frage, ob die Krise die Künstler schon erreicht habe. Baumgärtel hat zu tun dieses Jahr, er malt für zwei kommende Ausstellungen und produziert einen Trailer für das japanische Fernsehen. »Den Notstand hat hier noch keiner ausgerufen. In den Ateliers wird gemalt, es ist Musik an. Wie immer.«</p>
                <p>Eng kann es werden für die Künstler im Mittelfeld, die in den letzten Jahren gut verkauft haben und die jetzt nicht auf namhafte Galerien oder institutionelle Sammler bauen können. Deren Sorge sind ihre zum Teil riesigen Ateliers. Trotz niedriger Quadratmeterpreise summieren sich die Mieten für manche Künstler schnell auf 800 Euro pro Monat und mehr. »Die müssen vielleicht in einem halben Jahr ihre Koffer packen«, sagt Baumgärtel, »dann sind ihre finanziellen Polster weg.« Halb im Spaß, halb ernst spielt Baumgärtel das Thema für sich durch. Wenn er in ein kleineres Atelier umziehen müsste, dann gebe es eben mehr Zeichnungen und mehr Videos von ihm.</p>
                <p>Geeint sind Künstler und Galeristen dieser Tage trotzdem durch einen Rest Gelassenheit. Ob nun ostentativ zur Schau gestellt oder nicht – die Fallhöhe der Leipziger Kunst sei letztlich zu vernachlässigen, bekunden sie. »Es ist nicht lange her, dass wir auf viel niedrigerem Level waren«, betonen seltsam einmütig Kunstschaffende und Kunsthändler.</p>
                <p>Tatsache ist: Die Mehrzahl der Leipziger Galerien kommt ohne größere Mitarbeiterstäbe aus, die Mieten sind überschaubar im Vergleich zu anderen Städten auf der Kunstweltkarte, und die Galeristen erinnern sich gut an die Zeit vor dem Boom. Einer von ihnen arbeitete früher auf dem Bau, um seine Galerie zu finanzieren. Eigen+Art-Mann Lybke jobbte, auch wenn das schon ein bisschen länger her ist, als Aktmodell.</p>
                <p>Auf jene Zeit aber, auf die Wende, kommt er jetzt zu sprechen. Als die Menschen 1989 auf die Straße gingen, zeigte er keine Kunst mehr, sondern öffnete seine Galerie für Diskussionen. Wenn es jetzt ähnlich dicke komme wie im Herbst vor 20 Jahren, sagt er, hätte eine klassische Galerie ohnehin ausgedient. Die Erfahrung des Systemwechsels als Immunschild gegen die Auswirkungen der Krise?</p>
                <p>Der Ruf des Geländes als international beachteter Kunst-Hotspot hat der Spinnereiverwaltung in den letzten Jahren viele neue Mieter verschafft – und mit ihnen das Geld, die Sanierung der riesigen Industrieetagen voranzutreiben. Langsam wird es enger in der Spinnerei.</p>
                <p>Waren 2001 gerade mal wenig mehr als 5.000 Quadratmeter vermietet, die Hälfte davon an Künstler und kunstnahe Nutzer, ist es heute die zehnfache Fläche. Die gemeinnützig genutzte Halle 14 herausgerechnet, stehen auf dem Gelände »nur« noch 8.000 Quadratmeter leer. Ohne Frage, die Spinnerei hat ihr Gesicht verändert.</p>
                <p>Geht man über den neuen Parkplatz, am sanierten Schornstein und der ersten geregelt angelegten Grünfläche des Spinnereigeländes vorbei, kommt man zum Eingang des Callcenters CCC. Auf 2.000 Quadratmetern Fläche werden hier die Kunden einer Internetbank, eines Auktionshauses, einer Versicherung und eines Energieunternehmens betreut.</p>
                <p>Zwischen den gusseisernen Säulen im Innern der Callcenter-Etage sind Glaswände aufgespannt. Der Boden ist mit anthrazitfarbenem Teppich belegt, ausgespart an zwei, drei Stellen, um den Objekten mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, die als Reminiszenz an die alten Spinnereitage hier geblieben sind: eine riesige, hammerschlaggrüne Waage neben dem Cola-Automaten, eine archaische Turbine im Besprechungsraum. Der Rest: Computerarbeitsplätze für bis zu 200 Mitarbeiter, Freischwinger, Ledersofas, Bürogrün. Noch vor wenigen Jahren wäre das ein unvorstellbarer Anblick an diesem Ort gewesen.</p>
                <figure class=Manager und Chef eines Callcenters: Andreas Ortmann

»Wir sehen uns nicht als Teil einer Aufhübschungstendenz der Spinnerei«, sagt Callcenter-Chef Andreas Ortmann. Hochglanz brauche er nicht. Im Gegenteil, manche seiner Auftraggeber, anspruchsvolle Global Player, fänden das Gelände anarchisch: »Für die Kunden sieht das nach Aufbruch, nach Innovation aus.«

Profitiert das Callcenter vom symbolischen Kapital, das die Künstler gestiftet und die Galerien vermehrt haben? »Nein«, sagt Manager Ortmann. Aber etwas Besonderes sei die Spinnerei schon. »Wir werden Teil davon. Mir gefällt, dass hier so verschiedene Leute und verschiedenste Weltsichten miteinander leben.«

Leute und Weltsichten: Im Café der Spinnerei, in der Mule, treffen sie aufeinander. Künstler Oliver Kossack kommt auf einen Kaffee vorbei, eine teuer gekleidete Dame lässt sich an einem der Tische nieder, im Mule-Laden kauft der Fahrer einer Kunstspedition Reiseproviant ein.

Lebt von Künstlern, Gewerbetreibenden und Touristen:<br />Mule-Chefin Suzanne Wittig“ class=“attachment-medium wp-post-image“ title=“Lebt von Künstlern, Gewerbetreibenden und Touristen:<br />Mule-Chefin Suzanne Wittig“ /></figure>
                <p> Mule-Chefin Suzanne Wittig hat von ihrem Café einen guten Blick auf die Spinnerei-Einfahrt, auf das Tor zur Stadt in der Stadt. Gerade marschiert eine Gruppe Rentner mit umgehängten Regenschirmen und kleinen, braunen Lederrucksäcken herein, Besucher, wie sie immer häufiger kommen, seit Leipzig mit der Spinnerei für sich wirbt. Ihre Auftragsbücher seien gefüllt wie immer, sagt Wittig, die längst nicht mehr nur von den Künstlern auf dem Gelände lebt, sondern auch von all den neuen Gewerbetreibenden und den Touristen.</p>
                <p>Spätestens zum 125. Geburtstag der Spinnerei im Juni soll Wittig Konkurrenz bekommen. Ins alte Öllager wird Tibor Herzigkeit einziehen, ein Koch, der zurzeit in der Kirow-Kantine ein paar hundert Meter weiter täglich Mittagessen bereitet. Herzigkeit eilt der Ruf voraus, auch für gehobenere Ansprüche kochen zu können. Vielleicht steht auch das für die Veränderungen der Spinnerei.</p>
                <figure class=Chef der Spinnerei-Verwaltung: Bertram Schultze

Callcenter, Steinway-Händler, Weinladen: Geht die Spinnerei den Weg der Gentrifizierung? Der Chef der Spinnerei-Verwaltung, Bertram Schultze, bekennt sich ganz offen zu dem Begriff, mit dem Stadtplaner beschreiben, dass billige Viertel durch Künstler und Nischennutzer so lange geadelt werden, bis sie für gehobenere Ansprüche, für Kapitalgeber und Immobilienmakler interessant werden. »Ja, das ist Gentrifizierung, aber im positiven Sinne. Wir verdrängen hier niemanden. Wir revitalisieren immer noch eine Brache.«

Gerade eben haben Spinnereigesellschaft und Halle 14 e. V. vertraglich geregelt, dass die riesige Halle 14 mit ihren Tausenden Quadratmetern unverbauter Fläche die nächsten 15 Jahre lang gemeinnützig genutzt werden muss. Wenn Galerist Lybke zum Thema Gentrifizierung süffisant sagt: »Ich finde, es ist ein Fortschritt, dass das Wasser jetzt aus dem Hahn kommt und nicht mehr durchs Dach«, dann trifft das auch für die Halle 14 zu. Die poröse, riesige Dachfläche, auf der im Sommer der Schnittlauch blüht und von der aus man einen fabelhaften Panoramablick aufs Leipziger Festland genießen kann, wird nun mit Fördermitteln saniert.

Ein Grafikdesigner auf dem Gelände, der sich noch vor zwei Jahren über die Bevorzugung der neuen gewerblichen Mieter als »Premiummieter« beschwerte, freut sich heute über die Nähe zu Plottereien und Fotosatzbüros. Maler Baumgärtel, der gelegentlich Druckgrafik in einer der Druckwerkstätten herstellen lässt, spricht von »Symbiosen und Myzelen«, die sich im Laufe der Jahre in der Spinnerei gebildet hätten. »Die sind viel wertvoller als das Rundgangstrara.«

Sicher, das Leben in der Baumwollspinnerei hat sich verändert, Ateliers sind teurer geworden, manch Altmieter darf aus Rücksicht auf die Neuen die Musik nicht mehr ganz so laut aufdrehen. Aber noch gibt es die toten Flure, die den Künstlern in ihren Ateliers ein Gefühl der Abschottung geben, noch gibt es den holprigen Schienenweg und das wild wachsende Gebüsch auf den Dächern.

Das Leben hier hat sich, vier Jahre nach dem Einzug der Galerien, verstetigt. Neue Nachbarschaften, Netzwerke und Cliquen haben die Spinnerei in ein Fahrwasser geführt, dem die Finanzkrise und das Wegbrechen des Kunstmarktes nur bedingt etwas anhaben können. Kursänderung? In absehbarer Zeit ist damit kaum zu rechnen.


Kunst | aus dem kreuzer-Heft 04/09

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