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Spiele, Helden, Kokain

Die Kolumne aus dem Heft: Der Bitprofessor

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Der Bitprof erzählt von einer alkaloiden Odyssee zurück ins Herz der Kindheit. Und erklärt, was das Gute daran ist, wenn man drei Jahre lang zugekokst vor dem Rechner sitzt.

Ach, das Heldentum. Wo ist es nur hin? Früher, als man sich – dem Odysseus gleich – noch Zyklopen und der Skylla entgegenwarf, war es einfach für einen jungen Taugenichts, sich in den Heldenstand zu erheben. Doch heute? Heute gibt es zum Glück Computerspiele. Die strotzen nur so vor Helden.

Interessant am Akt des Videospielens ist vieles, zum Beispiel seine Fixierung auf das Ausleben von Macht und sein Androzentrismus. Am faszinierendsten aber ist das Phänomen des Eskapismus, des totalen Einstiegs in eine Fantasiewelt, für den sich Videospiele viel besser zu eignen scheinen als Bücher oder Filme.

Wie weit das gehen kann, zeigt die Geschichte des US-amerikanischen Schriftstellers Tom Bissell. Drei Jahre lang hat Bissell exzessiv »Grand Theft Auto IV« gespielt und dabei eine schwere Kokainsucht entwickelt. Bissell ging einen sehr erwachsenen Weg zurück in die totale Hingabe an den Spieltrieb der Kindheit. Er ließ das Kind in sich Amok laufen und zog dabei eine Line nach der anderen. Die Verbindung von Spiel und Droge brachte den vorher diszipliniert arbeitenden Autor an den Rand des Zusammenbruchs und trotzdem zog Bissell eine positive Bilanz seiner Zeit in Liberty City.

Er sammelte wertvolle Erfahrungen, schrieb Bissell später – keine Ersatzerfahrungen, sondern echte, er lernte sich selbst kennen. Es war eine Zeit der Meditation, Bissell nannte es die elektrifizierende Einsamkeit des Geistes beim Spielen in einer anarchistischen, digitalen Welt. So ungefähr muss Odysseus sich gefühlt haben auf seiner Reise durchs wilde Mediterana – wenn es ihn und seine Fahrt wirklich gegeben hätte. Aber vielleicht hat es das ja, wer weiß das schon.

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