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Schöne Schamlippen, straffe Hodensäcke

Streben nach Schönheit: Nicht nur bei Körperleiden macht Schönheitschirug Nuwayhid intime Eingriffe

Grafik: Annabell Goldacker Größeres Bild

Die Genital-Ästhetik boomt, Leipzig ist eine gefragte Adresse für den Schnitt im Schritt. Ein Besuch beim Intimchirurgen.

Klick. Die Powerpoint-Folie wechselt. Auf dem Flachbildschirm an der Wand sind weitere Vaginen zu sehen, mehr als ein Dutzend hat Marwan Nuwayhid, deutschlandweit gefragter Fachmann im Bereich Intimchirurgie, bis hier¬hin schon gezeigt. »Ich schätze, jede zehnte Frau ist unzufrieden mit ihrem äußeren Genital«, sagt er. Die Bilder sollen verdeutlichen, warum. Wulstige, extrem ungleichförmige oder äußerst weit hervorstehende Schamlippen sind da zu sehen, die Aus¬gangslage für einen Leidensdruck, den Nuwayhid hervorhebt. Es sind extreme Beispiele, die der Gynäkologe für die Präsentation ausgewählt hat, aber keine Einzelfälle.

Ein Fünftel Schmerz, ein Fünftel Scham

Und doch kommen nicht alle Patientinnen aus rein medizinischen Gründen zu ihm. Viele von ihnen sind Kundinnen – mit dem Wunsch nach kosmetischer Verbesserung. Die Motive für den Schnitt im Schritt ließen sich für seine Patientinnen auf zwei Pole aufteilen, erklärt Nuwayhid. Da gibt es zum einen die Frauen, die sich mit dem Aussehen ihrer lan¬gen, breiten oder asymmetrischen Scham arrangiert haben, in gewissen Situationen aber körperlich beeinträchtigt sind. Deren Schamlip¬pen beim Radfahren aneinander reiben, beim Reiten, beim Sport. Die nicht unbeschwert enge Jeans tragen können. Zum anderen gibt es diejenigen, die keine physischen Beschwerden haben, ästhetisch aber ausbessern wollen. Die sich in der Sauna schämen oder beim Entblößen vor dem Partner. Etwa zwanzig Prozent mache jede dieser Gruppen aus, die restlichen 60 Prozent stellten sich mit einer Mischung aus beidem bei ihm vor.

7000 Intim-OPs jedes Jahr

Wie schmal der Grat zwischen Körperleiden und Schönheitsstreben ist, gibt die Örtlichkeit in der Brühl-Arkade, keine fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, unfreiwillig Preis. Nuwayhids »Lanuwa Aesthetik Klinik« ist von seiner gynäkologischen Praxis nur durch eine weiße Tür getrennt. Hier, in der sechsten Etage, trifft der Blick durch die breite Fensterfront das brach liegende Astoria-Hotel direkt gegenüber. Während drüben der Verfall haust, soll bei Nuwayhid die Schönheit einziehen.

Die Anzahl intimchirurgischer Eingriffe hat sich in den vergangenen vier Jahren fast verdreifacht, die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) spricht von 7.000 Operationen pro Jahr. Tendenz steigend. Am häufigsten wird das Skalpell an den inneren Labien angesetzt, den kleinen Schamlippen. 5.440 Mal allein im Jahr 2011.

Ein medialisiertes Wunschbild

Es gibt ein Ideal für den weiblichen Schambereich«, sagt Ada Borkenhagen, Psychologin und Therapeutin in Berlin, Gastwissenschaftlerin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinkikum Leipzig. Seit Jahren erforscht sie das menschliche Streben nach Selbstverbesserung und die psychosozialen Folgen von Körperoptimierung. Der Einzug der Intimrasur habe der Intimchirurgie die Tür geöffnet, sagt die Wissenschaftlerin. Was vorher von Haaren verdeckt war, ist nun sichtbar – und vergleichbar. »Immer, wenn ein Körperteil freigelegt wird, wird auch der Wunsch nach Veränderung größer.« In islamischen Ländern, wo der weibliche Körper zum Großteil durch Schleier und Kopftücher verdeckt ist, steigt deshalb die Zahl der Augen- und Nasenkorrekturen.

Das Problem: Die Unterschiede, die Frauen als vermeintliche Makel entdecken, sind einem medialisierten Wunschbild unterworfen – und nicht dem tatsächlichen Durchschnitt. »Wo hat eine Frau denn ein äußeres Genital 30 oder 40 Mal gesehen, um zu wissen, was normal und was unnormal ist?«, fragt Nuwayhid.

Die Traum-Vagina ist ein Brötchen

Während der Penis schon frühzeitig von oben bis unten vermessen wurde, es Durchschnittswerte und Ländervergleiche in puncto Länge gibt (Deutschland: knapp 15 Zentimeter), ist der weibliche Intimbereich längst nicht enttabuisiert. Bislang gibt es keine einzige wissenschaftliche Studie, die sich ein paar Hundert Vaginen zum Untersuchungsgegenstand gemacht hätte, um repräsentative Vergleichs¬werte zu erhalten. Der Trend, die Traum-Vagina einem Brötchen anzupassen – gleichmäßig geformt mit glatten äußeren Schamlippen, die die inneren straff bedecken – ist ein Produkt von geschönten Bildern in Frauen- und Lifestyle- Magazinen, von makellosen Fleisch-Standards der Porno-Industrie. Und mittlerweile in die Realität übergegangen. Auf der Venus Berlin, Deutschlands größter Erotik-Messe, wird im Oktober eine polnische Schönheits-klinik ihr Angebot an Intim-Operationen vorstellen. »Eine perfekt operierte Frau mit großen Brüsten, prallem Hintern und straffer Haut verfehlt die Wirkung nie«, erklärt deren medizinischer Betreuer in der Juni-Ausgabe des Männer- Heftes Penthouse. In den USA gibt es schon die nächste Mode: Anal Bleaching, das Bleichen des Analbereichs für ein rosafarbenes Ergebnis – das Verfahren wird mittlerweile auch auf den Penis und die Vagina angewandt.

Von Vaginastraffung bis G-Punkt-Unterspritzung

Unterdessen bieten deutsche Ärzte zunächst die »Standardpalette« der Genital-Ästhetik an. »Möchten Sie wieder eine enge, straffe Vagina – so wie früher?«, fragt der Münchner Schönheitschirurg Stefan Gress, Ikone der deutschen Intimchirurgie, auf seiner Website. »Vagina-Picasso« nennt ihn ein Modemagazin. Für 2.700 Euro ist die Vaginalstraffung bei ihm zu haben, durch Unterspritzung mit Eigenfett aus Rücken, Po oder vom Knie. Allerorts ebenso machbar: Fettabsaugungen am Venushügel, wahlweise auch Fetteinspritzung, um diesen aufzupolstern. Straffung des Klitorismantels, Verlagerung der Klitoris, Aufspritzen der äußeren Schamlippen, Vergrößerung des G-Punktes durch Eigenfett oder Hyaluronsäure. Dabei ist wissenschaftlich noch nicht einmal klar, ob der G-Punkt, der in Wirklichkeit kein Punkt sondern eine Region dicht unterhalb der Harnröhre ist, überhaupt existiert.

Auch Marwan Nuwayhid bietet die G-Punkt- Unterspritzung an. Allerdings unter Vorbehalt. Er sei Schulmediziner – eins und eins ergebe für ihn immer zwei. Seine Patientinnen sprächen aber von einem besseren sexuellen Empfinden nach dem Eingriff. »Letztlich zählen die Ergebnisse.« Zudem dürfe man den psychologischen ‘Ich-habe-etwas-machen-lassen’-Effekt nicht vernachlässigen. »Die Sexualität einer Frau liegt nicht zwischen ihren Beinen sondern zwischen ihren Ohren«, sagt er. Warum dann eine Operation im Intimbereich? »Wenn eine Störung allein durch psychologische Betreuung zu beheben ist, begrüße ich das. Generell ist es bei mir so: Wo es keine Notwendigkeit für einen Eingriff gibt, rate ich Patientinnen ab.« So kommen immer wieder Frauen in die Passage am Brühl, denen Nuwayhid den Befund ausstellt: »Frau Müller, das ist normal, damit können Sie leben.« Diese Frauen seien dankbar, berichtet Nuwayhid. Manche kämen nur, um das zu hören.

Der Westen exportiert den Schönheitswahn

Eine Zeit, in der Normalität vom Arzt bestätigt werden muss. Ist das noch normal? »Schönheit wird heute als Leistungsmerkmal betrachtet«, sagt Ada Borkenhagen. Soziologisch müsse man das infrage stellen. »Weil mit jeder Norm ein Druck entsteht, dieser Norm entsprechen zu müssen.« Die britische Psychoanalytikerin und Feministin Susie Orbach geht noch einen Schritt weiter. Für sie ist die Beschäftigung mit dem Äußeren zu einer gesellschaftlichen Obsession, einer kulturellen Krankheit geworden. In England würden sich junge Frauen heute alle 15 Minuten mit ihrem Körper befassen, sich im Viertelstundentakt fragen, was denn noch zu verbessern sei. Das Schlimmste: Der Westen exportiere diesen Wahn in den Rest der Welt. In ihrem jüngsten Buch »Bodies« beschreibt sie, wie die Anzahl der Bulimie- Erkrankungen unter jungen Frauen auf den Fidschi-Inseln nach der Einführung eines US-Fernsehsenders um rund 12 Prozent anstieg. Weil sie dem vermittelten Ideal entsprechen wollten. In Brasilien sei die vormals unberücksichtigte Brustgröße in jüngster Zeit sexuell relevant geworden, Brustvergrößerungen hielten dort Einzug, samt Po- und Gesichtsliftings.

»Das grenzt an Verstümmelung«

Das ist die moralische Krux. Die ganz reelle Gefahr der Intimchirurgie liegt jedoch bei der Wahl des ausführenden Arztes. »Schönheitschirurg« ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Eine entsprechende Ausbildung und vor allem Erfahrung sind keine Voraussetzung dafür, sich so zu betiteln. Nuwayhid hat auch Bilder von misslungenen, stümperhaften Eingriffen in seiner Präsentation. »Das grenzt an Verstümmelung«, kommentiert er. Aus diesem Grund hat er vor knapp einem Jahr die erste Fachgesellschaft seiner Zunft, die Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie Deutschland (Gaerid) mit Sitz in Leipzig gegründet. Fachliche Standards festlegen, Erfahrungen und Methoden austauschen, Seminare und Tagungen organisieren, die Beratung professionalisieren und eine wissenschaftliche Betreuung liefern – all das hat sich die Gaerid zur Aufgabe gemacht. 70 Mitglieder hat die Gesellschaft derzeit.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe allerdings kri¬tisiert, dass es noch an Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten für intimchirurgische Eingriffe mangelt – oder dass diese verharmlost werden. Zudem gebe es keine Nachuntersuchungen über lange Zeiträume hinweg. Hier will Nuwayhid ansetzen. Die Gaerid hat jüngst beschlossen, alle Operationen ihrer Mitglieder künftig in einem Register festzuhalten.

Ein Mann auf 20 Frauen

Was die Männer angeht: Sie machen derzeit noch einen recht geringen Teil der Intim-Kundschaft aus. Einer auf 20 Frauen, sagt Nuwayhid. Trotzdem steigt auch hier die Nachfrage, etwa bei Hodensackstraffungen. Penisvergrößerungen und -verdickungen hingegen machen einen geringen Teil der Eingriffe aus, gerade einmal 150 solcher Operationen verzeichnet die DGPRÄC für 2011. Die Methode ist derzeit noch zu unausgereift. Der Erfolg beschränkt sich auf ein sichtbares Ergebnis von einem bis drei Zentimetern. Mehr geht nicht.

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