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Glücklicher Landstreicher

Flötenmusik, Jonglage und Gaukelei in der Innenstadt

DanielAvRutick Größeres Bild

Daniel AvRutick hat seine Berufung zum Beruf gemacht. Der Straßenkünstler mag Unabhängigkeit, Souveränität und seinen frei gewählten Lebensstil.

»Warst du auch im Konzert?« Nach dem Grossen Concert im Gewandhaus ist die Haltestelle am Augustusplatz gerammelt voll. Feuer hat aber nur einer, Daniel AvRutick, der lässig an der verglasten Reling lehnt. Im Austausch gibt es eine Zigarette für ihn. Schnell kommt das Gespräch zustande, die gemeinsam erlebte Musik ist der Einstieg. AvRutick, der Mann mit weißem Bart, Schirmmütze und vielen Lachfältchen, weiß, wovon er spricht: Er hat Musik studiert und praktiziert Musik täglich, und zwar vor dem großen Publikum auf den Straßen Leipzigs.

Damit entsteht ein Problem, das einem lange geplanten Artikel über ihn im Weg steht: Wie kommt man mit jemandem ins Gespräch, den man täglich in der Fußgängerzone sieht, aber nicht von der Arbeit abhalten will? Nun, beim zufälligen Treff an der Haltestelle, schweigt die Flöte, die Hände jonglieren nicht mit Bällen, AvRutick scheint Feierabend zu haben – und entschwindet mit der nächsten Bahn. Er steckt mir noch seine Autobiografie zu, auch eine Gelegenheit, ihn besser kennenzulernen.

Zur Piccolo-Flöte ist der 1951 in Washington Geborene in einer Militärkapelle gekommen, die Freiheit des Lebens als Straßenkünstler lernte er Ende der Sechziger in San Francisco kennen. Von dort verschlug es ihn nach Kanada, Ecuador, Brasilien, Chile, Argentinien. Zwischendurch beendete er sein Studium an der Universität Maryland, hat in Marokko Schlangenbeschwörer gesehen, war Au-pair in Paris, lernte jonglieren und verdiente sich mit Musik etwas hinzu.

Die Rahmenbedingungen der Straßenkunst haben sich in diesen 40 Jahren verändert: Heute wird Straßenmusik mit dem MP3-Player im Ohr oft überhört und eine kleine Flöte behauptet sich schwerlich gegen schlecht beherrschte Akkordeons. Unverändert besteht die Szenerie immer aus Menschen, die vorübergehen, Anerkennung und Geld geben oder Ignoranz zeigen. AvRutick hat die Rolle des »glücklichen Landstreichers« gewählt, um sein Publikum zu unterhalten und zu überraschen. Die Straße verliert ihre Anziehung auch im Winter nicht, obwohl es dann schon mal kalt an den Fingerspitzen werden kann. Angst vor Erkältungen hat er nicht und auch nicht vor der Zukunft – das spart Versicherungen. Seine Straßenkunst scheint ein einsames Geschäft zu sein. AvRutick hat zwar früher Kammermusik oder Trio-Sonaten aufgeführt, mittlerweile agiert er aber vorwiegend allein und lediglich im Rhythmus mit den Elementen der Umgebung. Dennoch entsteht automatisch eine Beziehung zu anderen Straßenkünstlern, mit denen er sich Raum teilt und die Konkurrenz und Unterstützung in einem bilden. AvRutick ist es sogar gelungen, mit den Akkordeon-Spielern Kooperationen herzustellen.

Der Karren mit Taschen ist sein Werkzeugkoffer. Glocken, Jonglierbälle, Ringe oder Gummihühner gehören zu seiner Ausrüstung und Spielzeug hat er immer dabei, um Kinder zu bespaßen. Am Marktplatz kommt es bald nach dem Gewandhauskonzert zu einem erneuten Treffen. Die Flöte spielt »Bruder Jakob«, es folgt »Wohl mir, dass ich Jesum habe«, ein Choral aus einer Bach-Kantate. Barock-Konzerte in der Thomaskirche empfindet der seit 1998 in Leipzig Lebende als großes spirituelles Erlebnis. AvRuticks Habe passt in einen Wohnwagen in Plagwitz. Sein Leben findet ohnehin draußen statt.

Daniel AvRutick: Ein Straßenkünstler packt aus. Leipzig: AndreBuch-Verlag 2011. 102 S., 9,90 €

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