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Überzeugende Debüts

Die Kinostarts der Woche und was sonst noch so Filmisches in der Stadt geschieht

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Gleich zweimal geht es diese Woche nach Irland: »Voll und ganz und mittendrin« erzählt ungeachtet des schnöden deutschen Titels eine feinfühlige wie überraschende Familiengeschichte. Das Psychodrama »Shadow Dancer« dagegen will mehr, als es eigentlich kann. In »Vijay und ich« reibt sich Moritz Bleibtreu ein bisschen am Komödienfach. Und Haifaa Al Mansour gelingt etwas ganz Großartiges mit ihrem Debüt »Das Mädchen Wadjda«. Und noch ein Tipp fernab der Neustarts: In der Kinobar Prager Frühling steht wieder Filmkunst aus dem Osten Europas im Fokus. Ab Montag zeigt die Slowakische Filmreihe einen Mix aus Premieren, Kurzfilmen und Klassikern im Rahmen des Festivals »Off Europa«.

Ein wenig unüblich ist es für den kreuzer, an dieser Stelle auf einen Neustart im UCI im Nova Eventis hinzuweisen, aber da es ein feiner Film in das Kino im Günthersdorfer Shoppingland geschafft hat, soll auch mal der Blick über Leipzigs Stadtgrenzen hinaus geworfen werden. Als ihr Mann Conor (Edward MacLiam) einen Schlaganfall erleidet und einen Monat im Koma liegt, ändert sich das Leben von Vanetia (Maxine Peake) und den Kindern in einem beschaulichen irischen Dorf grundsätzlich. Conor ist nicht mehr der alte, als er in die Familie zurückkehrt. Er zieht sich lieber in die Holzwerkstatt zurück, als sich um die Alltagspflichten zu kümmern. Er verhält sich wie ein verärgertes Kind, wenn ihm etwas nicht passt. Anfangs glaubt Vanetia, die Situation auch ganz gut alleine bewältigen zu können, doch schon bald stößt sie an ihre Grenzen. Der leicht verstockte amerikanische Neuropsychiater Ted Fielding (Will Forte) zieht mit ins Haus, um Conors Verhalten zu studieren. Mehr und mehr lässt sich Vanetia auf die Situation und auch auf den Fremden ein. Ted bietet nicht nur Conor eine kleine Stütze. Der steten Nähe ist es geschuldet, dass Ted schon bald vom beobachtenden Wissenschaftler zum zwischenzeitlich teilhabenden Ersatzvater wechselt. Die Filmemacherin Steph Green zeichnet mit »Voll und ganz und mittendrin« ein feinfühliges wie auch überraschendes Porträt einer Familie, die versucht mit dem Verlust eines Menschen klarzukommen, der im Grunde genommen gar nicht weg ist. Ihr Langfilmdebüt hat sie größtenteils mit Handkamera gedreht. Green zeigt keine Eile, ihre Geschichte voranzutreiben und mit dramatischen Versatzstücken zu dekorieren. Sie lässt ihren Figuren freien Lauf, sich mit der Situation zu arrangieren. In sonnenwarmes Licht getaucht und von einem dreampoppigen Sound begleitet erzählt Steph Green eine optimistische und unkonventionelle Familien- und Liebesgeschichte.

»Voll und ganz und mittendrin«: ab 5.9., UCI Kinowelt (Nova Eventis)

Es scheint nur in den freudlosen Alltag des verkannten Schauspielers Will (Moritz Bleibtreu) zu passen, dass nicht nur sein Agent, sondern auch seine Familie seinen 40. Geburtstag vergessen hat. Und dann wird auch noch sein Auto gestohlen. Das Auto wird in einen Unfall verwickelt und Will erfährt von seinem Tod aus dem Fernsehen. Er nutzt die Gelegenheit von seinem vermeintlichen Ableben, um noch mal von vorne anzufangen und spielt allen einen Streich. »Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir« von Sam Gabarski (»Irina Palm«, »Der Tango der Rashevskis«) ist eine allenfalls nette Komödie mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle, der genauso wie die Geschichte hinter seinen komödiantischen Möglichkeiten zurückbleibt.

»Vijay und ich – Meine Frau geht fremd mit mir«: ab 5.9., Schauburg

Ein innerer Konflikt im äußeren: Im nordirischen Belfast der frühen neunziger Jahre angesiedelt, sind die sogenannten Troubles der Ausgangspunkt für einen Gewissenskonflikt. Collette (Andrea Riseborough) lebt mit ihren Brüdern und der Mutter zusammen – alle gehören der IRA an. Als sie dabei erwischt wird, eine Bombe in der Londoner U-Bahn zu legen, stellt sie der britische Inlandsgeheimdienst in Person des smarten Mac (Clive Owen) vor die Wahl: Entweder sie wird seine Informantin oder sie wird für 25 Jahre weggesperrt und darf ihren kleinen Sohn nicht sehen. Sie entscheidet sich dafür, ihre Brüder auszuspionieren und ans Messer zu liefern. Alle Voraussetzungen für ein packendes Psychodrama sind also gelegt. Nur will das nicht so recht Fahrt aufnehmen. Derweil ist die Optik in derart blassen Farben gehalten und mit vergilbter Patina versehen, weil man Collette ja das Freudlose ansehen soll. Ebenso gewollt sieht die Statik aller Interaktionen aus. Auf spielerischer Eben ist dem Film nichts abzugewinnen und auch inhaltlich wird es zunehmend befremdlicher. Dass man Dublin als Belfastkulisse nahm, ist pikant, aber verzeihlich: Die Umgebung der Handlung ist sowieso austauschbar, so wie es Suburbs eben sind. Auch den Nordirlandkonflikt braucht es als Hintergrund eigentlich nicht, denn bald wächst sich das Psychodrama zum Verwirrspiel um einen zweiten IRA-Maulwurf aus. Die ganze Kritik können Sie in unserer Septemberausgabe nachlesen.

»Shadow Dancer«: ab 5.9., Schaubühne Lindenfels

Wilhelm Reich (gespielt von Klaus Maria Brandauer) ist einer von Deutschlands gefragtesten Wissenschaftlern und Psychologen. Doch die Ansichten des Österreichers kollidieren mit denen der Nazis und so muss er im Jahre 1939 in die USA fliehen, wo er hofft, seine Forschungsarbeiten fortsetzen zu können. Seine Tochter Eva (Julia Jentsch) und seine neue Frau Ilse (Jeanette Hain) unterstützen ihn bei seiner Forschungsarbeit, doch als ehemaliger Kommunist ist er Senator Joseph McCarthy ein Dorn im Auge. Unprätentiöses Biopic über den Wissenschaftler Wilhelm Reich.

»Der Fall Wilhelm Reich«: ab 5.9., Schaubühne Lindenfels

Thomas Müllers (Olli Dittrich) Leben ist typisch deutscher Durchschnitt. Seine Ehe zu Sabine (Veronica Ferres) steckt in der Sackgasse, seinen pubertierenden Sohn Alex (Jonas Nay) sowie dessen Freundin Mira versteht er kaum. Müllers’ Alltag ist sowohl im Job, bei dem lediglich Kollegin Ute einen täglichen Lichtblick darstellt, als auch privat von langweiliger Routine geprägt. Als er aber unvorhergesehen seinen Arbeitsplatz verliert, bricht seine durchschnittliche Welt zusammen. In »König von Deutschland« hätte sicher etwas mehr Biss gesteckt, als es der Film sich letztlich zutraut.

»König von Deutschland«: ab 5.9., Passage Kinos

Wo Schablonen und Action sind, da ist auch ein Roland Emmerich. Dieses Mal wütet sich der Filmemacher mit geballter Zerstörungskraft durch das Weiße Haus und lässt das Duo Channing Tatum und Jamie Foxx als Polizist John Cale und US-Präsident James Sawyer gemeinsame Sache machen. Cale bewirbt sich als Personenschützer im Weißen Haus und als er während einer Besichtigungstour mit seiner kleinen Tochter im selbigen von Terroristen angegriffen wird, liegt es an ihm, den Präsidenten und das Mädchen zu retten. Eindimensionale Figuren, geballte Action und viel Pathos – »White House Down« reiht sich ein ins Emmerichsche Actionkino.

»White House Down«: ab 5.9., Cineplex im Alleecenter, CineStar, Regina Palast

Man muss schon ein Freund sein von René Marik und seinen Puppen, um sich diesen Film anzutun. Ungesehen, aber nicht ohne Bauchschmerzen präsentieren wir hier, ohne weitere Worte darüber zu verlieren, den Trailer zu »Geld her oder Autsch’n!« über einen Maulwurf und seine plüschigen Freunde.

»Geld her oder Autsch’n!«: ab 5.9., CineStar

Und »Jurassic Park« wurde noch mal 3-D-technisch aufgemotzt. An der Geschichte hat sich aber nichts geändert.

»Jurassic Park« (3D): ab 5.9., CineStar

Jeden Tag auf dem Weg zur Schule läuft die zehnjährige Wadjda an einem Spielzeuggeschäft vorbei. Ein grünes Fahrrad hat es ihr angetan, doch Mädchen ist es untersagt, Rad zu fahren. Doch Wadjda lässt sich davon nicht entmutigen. »Das Mädchen Wadjda« ist das berührende Debüt von Haifaa Al Mansour, der es als Frau gelungen ist, in Riad den ersten saudi-arabischen Spielfilm zu drehen. Martin Schwickert hat sich für uns »Das Mädchen Wadjda« angesehen.

Filmfutter fernab der Neustarts:

Slowakische Filmreihe:

Es sei einer der am stärksten diskutierten Filme der letzten Jahre: »Mein Hund Killer« über den 18-jährigen Marek, der mit seinem Vater, seinen Hooligan-Kumpels und seinem besten Freund, einem Hund, in einer rassistischen Umgebung sein Dasein fristet. Mira Fornays Film läuft im Rahmen der Slowakischen Filmtage, die mit einem Filmmix aus jüngeren Arbeiten und Klassikern einen Einblick in die vielfältige Kinematografie des Landes gewähren. Weitere Informationen zum Programm finden Sie auf www.kinobar-leipzig.de.

Slowakische Filmreihe: 9.–13.9., Kinobar Prager Frühling

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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