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»Alles muss im Überfluss vorhanden sein«

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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»Alles muss im Überfluss vorhanden sein« könnte das Motto des Entertainers Liberace gelautet haben. Soderbergh zeigt in seinem vermeintlich letzten Film den Aufstieg und Fall der Beziehung zwischen Liberace und dem wesentlich jüngeren Scott – mit zwei Schauspielstars in Höchstform und einer fantastischen Glitzer- und Glamourwelt. »Liberace« ist unser Film der Woche. Daneben legt Edgar Reitz in seiner Heimat-Reihe nach, Daniel Brühl beherrscht die Lauda-Mimik, Michel Gondry verzapft sich im Kuriosenszenario, eine Schnecke läuft zur Höchstform auf und Sandra Bullock und fade Dialoge sind keine seltene Kombination.

Und wieder ein »letzter Film« von Steven Soderbergh, der einmal mehr seinen Rückzug von der Traumfabrik ankündigt. Zum Abschied zeichnet er die Biografie des schillernden Entertainers Walter Liberace, der zu den bestbezahlten Entertainern von Amerika gehörte. Die Kerzenleuchter auf dem Klavier wurden zum Markenzeichen. Der überaus populäre Star hatte freilich zwei bestgehütete Geheimnisse: Zum einen die Glatze, die er unter einer Perücke verbarg. Zum andern die Homosexualität, die sein Manager mit erfundenen Frauenliebschaften kaschierte. Im Sommer 1977 beginnt der exzentrische Pianist eine Affäre mit dem hübschen Landei Scott. Hochkarätige Hollywoodstars wie Michael Douglas und Matt Damon als schwules Liebespaar? Das war vor wenigen Jahren völlig undenkbar. Gar so weit her ist es mit der Liberalität der Traumfabrik bis heute nicht. Trotz der Oscargewinner vor und hinter der Kamera traute sich kein Studio an das Projekt. Erst mit HBO konnte Soderbergh das Gay-Drama stemmen. Fast wie aus Trotz geben Douglas und Damon das Liebespaar mit erstaunlich freizügiger Lässigkeit, lümmeln nackt im Whirlpool oder vergnügen sich lustvoll im Bett. Die ganze Kritik können Sie im Oktober-kreuzer nachlesen.

»Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll«: ab 3.10., CineStar, Passage Kinos

In fein kombinierten Schwarz-Weiß-Bildern reist Edgar Reitz in seinem neuen Film »Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht« ins Hunsrück Mitte des 19. Jahrhunderts und zeigt die verarmte deutsche Provinz als Ort, den man unbedingt verlassen möchte. Sein Held Jakob (Jan Dieter Schneider) träumt von der Ferne, von Brasilien und lernt sogar die Dialekte der Indianer. Sein Bruder kommt ihm zuvor und ergreift heimlich die Initiative.

»Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht«: ab 3.10., Passage Kinos

Statt das Grillrestaurant seines Vaters in Ecuador zu übernehmen, ging Darío nach Deutschland, um Kunst zu studieren und wurde Vegetarier. Zehn Jahre später ist der Vater pleite und Darío kehrt zurück. Charmant-warmherzige Vater-Sohn-Geschichte – und weil es auf der Leinwand so schön brutzelt, wirft das LURU-Kino auch den Grill an. Grill-Premiere mit Regisseur Dario Aguirre.

»Césars Grill«: ab 3.10., LURU-Kino in der Spinnerei

Michel Gondry ist ein Meister skurriler und faszinierender Details. Bereits in »Vergiss mein nicht« (2004) verzauberte der Filmemacher mit verblüffenden Ideen von Strandhäusern, die mit dem Vergessen zusammenfallen oder Bahnhofshallen, aus denen Menschen mit dem Gedächtnis verschwinden. In seinem neuen Film, der Tragikomödie »Der Schaum der Tage«, entführt Gondry den Zuschauer erneut in eine Welt, die voller entzückender Details einer ganz eigenen Logik folgt. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Boris Vian erzählt Gondry vom Tagträumer Colin (Romain Duris), der mitten in Paris in einem alten Eisenbahnwaggon haust. Sein bester Freund und Koch Nicolas (Omar Sy) kocht ausgefallene Köstlichkeiten für den jungen Mann, der schon bald feststellt, das ihm etwas fehlt. Denn Geld, dekadente Feierlichkeiten und ein Cocktailpiano können die Leere in seinem Herzen nicht füllen. Colin beschließt sich zu verlieben – und es dauert nicht lange, bis die Herzensdame in sein Leben tritt. Wie eine magische Traumwelt breitet sich dieses filmische Kuriositätenspektakel auf der Leinwand aus und reiht sich ein in die Tradition surrealer Zauberkünstler. Gondry erschafft ein Welt, in der keine einzige Sekunde vergeht, in der nicht irgendeine Skurrilität sich ihren Weg an die Oberfläche bahnt. Doch so faszinierend die Welt ist, die Gondry auf der Leinwand vor dem Zuschauer ausbreitet, die Figuren und ihre Geschichte verblassen unter der hübschen Oberfläche. Die ganze Kritik können Sie im Oktober-kreuzer nachlesen.

»Der Schaum der Tage«: ab 3.10., Passage Kinos

Im Jahr 1976 gerät Laudas Ferrari in der zweiten Runde des deutschen Grand Prix am Nürburgring ins Schleudern und er selbst verbrennt bei dem Crash beinahe. Sein Konkurrent Hunt (Chris Hemsworth) gewinnt das Rennen. Sechs Wochen später sitzt Lauda (Daniel Brühl) wieder am Steuer und beginnt eine furiose Aufholjagd im Kampf um den Gesamtsieg.

»Rush – Alles für den Sieg«: ab 3.10., CineStar, Regina Palast

Die Außenseiter-Schnecke Turbo fühlt sich zur Rennschnecke geboren und möchte unbedingt schneller sein als alle anderen. Doch keiner seiner Freunde, die mit ihm in einer Garten-Kolonie schuften, hat Verständnis für Turbos seltsamen Wunsch.

»Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum« (3D): ab 3.10., Cineplex im Alleecenter, CineStar, Passage Kinos, Regina Palast

Die Bio-Medizinerin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) geht auf ihre erste Weltraum-Mission. An ihrer Seite ist der Astronaut Matt Kowalsky (George Clooney), ein Veteran auf seinem letzten Trip ins All vor dem Ruhestand. Doch ein Routineausflug der beiden Astronauten außerhalb der Raumkapsel endet im Desaster. Das Shuttle wird zerstört, Ryan und Matt befinden sich plötzlich ganz alleine in den dunklen Tiefen des Weltraums. Unser Autor Martin Schwickert hat sich für uns »Gravity« (3D) angesehen und entdeckt hier den Sinn der 3D-Ästhetik.

Filmfutter fernab der Neustarts:

Paranoid Paradise küsst Entzaubert Teil I + II

»Entzaubert« versteht sich als radical queer diy noncommerical Filmfestival und schafft seit 2007 in Berlin einen Ort für DIY-Produktionen queerer Filmemacher_innen. An zwei Abenden zeigt das UT 19 Kurz- und Langfilme. Mit einer persönlichen Auswahl aus dem Filmprogramm des »Entzaubert« 2012 will Paranoid Paradise den vielfältigen Begehren der Filme – Gesellschaftskritik, persönliche Lebensentwürfe und queeren Performances – in Leipzig einen Raum geben.  5./6.10., UT Connewitz

Auftakt der Reihe »Erfindung des Raums«: La Roue

Die Geschichte eines Lokomotivführers, der ein Adoptivkind großzieht, das sich in seinen Sohn verliebt, wurde mit großem Aufwand über drei Jahre hinweg gedreht. Mit seiner innovativen Gestaltung und Montagetechnik gilt der Film von 1923 als Meilenstein der Filmgeschichte, der viele bekannte Regisseure wie Sergej Eisenstein oder auch Akira Kurosawa beeinflusste. Das Team aus der Cinémathèque hat den Streifen vom Staub befreit und zeigt ihn mit Piano-Livebegleitung zum Auftakt der Reihe »Erfindung des Raums«. 6.10., Cinémathèque in der naTo, mit Livemusik und Einführung

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe. Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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