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Eindrücke aus schlaflosen Nächten

Rückblick auf die Leipziger Jazztage

Eva Klesse Quartett_37Jazztage_UT Connewitz_270913_Foto Susann Jehnichen Größeres Bild

Der »Central Scrutinizer« aus »Joe’s Garage« ist verstummt, Stian Westerhus hat die Reste seiner Gitarre zusammengefegt und Rudi Mahall kann endlich, endlich sein Feierabendbier genießen. Die 37. Leipziger Jazztage um Wagner und Zappa haben ihr Ende gefunden. Ein Rückblick.

Oper, Moritzbastei, UT Connewitz, Telegraph, Galerie KUB, Horns Erben, Völkerschlachtdenkmal – die Spielorte waren auch in diesem Jahr so vielseitig wie die Musik, die es dort zu hören gab. Von Fußwipper-Swing bis Hardcore-Noise, von Bebop bis zum DJ-Set war in diesem Jahr alles dabei, was mehr oder weniger zum Jazz gezählt werden kann. Highlights herauszustellen fällt angesichts solcher stilistischen Unterschiede enorm schwer, ist aber nicht unmöglich.

So gehört sicherlich das Auftaktkonzert in die Reihe derer, die noch lange in Erinnerung bleiben werden. Das Eva Klesse Quartett um die gleichnamige Jazznachwuchspreisträgerin gab den ungeahnt leisen und filigranen Startschuss für die 23 Bands und Ensembles, die vom 27. September bis zum 6. Oktober die gesamte Innenstadt bespielten. Auffällig viele Leipziger waren auf den Bühnen zu sehen, die den großen Namen des Jazz in nichts nachstanden. Dennoch war von der Underdog-Mentalität des letzten Jahres, als Lee Konitz beispielsweise Evgeny Ring nicht das Wasser reichen konnte, weniger zu spüren.

Extrem laut und unglaublich nah

Die größten Erwartungen lagen gewiss auf Joshua Redman. Und die Vorschusslorbeeren, die ihm kistenweise entgegengebracht wurden, waren in jedem Fall gerechtfertigt. In Sachen Bühnenpräsenz, Präzision und Tempo wirkten die Amerikaner gerade auch dank ihres Bassisten Reuben Rogers in jeder Hinsicht einen Zacken schärfer, weiter und klarer als viele ihrer Kollegen. Zuvor hatte schon der Schlagzeuger Samuel Rohrer mit seinen Mitstreitern Claudio Puntin (cl) und Skúli Sverrisson (b) einen dicken, flauschigen Klangteppich in der Oper ausgebreitet und mit ruhigen Schritten betreten. Interessant war zu sehen, bei wie vielen Ensembles ausgerechnet die Schlagzeuger das Heft in der Hand hatten – zumindest namentlich. Ebenso interessant die Tendenz, dass viele Bands offenbar weniger Wert auf klare, voneinander abgegrenzte Stücke mit Wiedererkennungswert legen, sondern ihren Auftritt vielmehr als Erlebnis, Stimmung und Gesamtkunstwerk verstanden wissen wollen. Besagter Abend war zweifelsohne ein Höhepunkt der Jazztage, auch wenn drei Konzerte am Stück schon ziemlich an die Substanz gehen konnten. Umso erstaunlicher, dass doch einige Zuhörer noch nach Mitternacht zum vierten Konzert in die gut besuchte naTo taumelten. Robert Lucaciu (b) und Philipp Scholz (dr) hatten zur zweiten Episode ihrer Serie »Reihe2« den Pianisten Yves Theiler und die Saxophonisten und Klarinettisten Rudi Mahall und Ulli Kempendorf eingeladen, die eine unglaublich gute Show boten. Nachdem in der Oper dank hervorragender akustischer Voraussetzungen riesige Räume bespielt werden konnten, war in der naTo plötzlich alles extrem laut und unglaublich nah. Die familiäre Atmosphäre eines engen Clubs hat doch noch einmal einen ganz eigenen Charme – insbesondere, da mit Rudi Mahall nicht nur ein versierter Jazzer, sondern auch noch ein begnadeter Entertainer auf der Bühne stand.

Bitte nicht mitklatschen!

Richard Wagner und Frank Zappa, deren »Siggi und der Gelbe Hai« quasi als Galionsfiguren den Tenor der Jazztage vorgaben, kamen ab und an tatsächlich sehr deutlich zum Vorschein: Eric Schaefer + The Shredsz woben als Rock-Dub-Jazz-Band je einen Wagner-Gassenhauer in ihre Stücke, Werner Neumanns Drei vom Rhein ging zeitweise gleich als Zappa-Cover-Band an den Start: komplett mit Ansagen des »Central Scrutinizers«, der schon in Zappas Rock-Oper mit blecherner Stimme durch die Handlung führte. Trotz technischer Raffinesse boten ausgerechnet diese beiden Bands jedoch nur wenig Neues und gingen schnell im kreativen Überangebot der Jazztage unter. Insbesondere, als die Drei vom Rhein eine schmalzige Und-jetzt-alle-mitklatschen!-Ballade brachten, war ein befremdetes Raunen in der Menge zu vernehmen. Deutlich mitreißender waren da solche, die Eigenes im wagnerischen oder zappaischen Geist auf die Bühne brachten. Ensembles wie das Andromeda Mega Express Orchestra oder DEKAdance erinnerten in ihrer Virtuosität und Selbstironie an Zappas »Yellow Shark«. Und beim Dieter Ilg Trio musste man schon sehr genau die Ohren spitzen, um Wagner herauszuhören – auch wenn er zweifellos irgendwo im Detail steckte.

Zugabe vs. Raum verlassen

Jenseits von alledem standen ganz gewiss die Norweger Supersilent feat. Stian Westerhus. Denn was die auf die Bühne brachten, ist kaum in sinnvolle Worte zu zwängen. Die wenigsten Zuhörer des ausverkauften UT Connewitz werden hinterher mit Sicherheit gesagt haben können, ob es ihnen nun tatsächlich »gefallen« hatte oder nicht. »Gefallen« klingt zu stark nach organischem Klang, nach gut oder schlecht. Supersilent drehten alle Regler auf elf und waren – ungeachtet ihres Namens – von der ersten bis zur letzten Minute vor allem eines: brutal laut. Und haben mit ihrer Show fern von jeder rhythmischen, melodischen oder harmonischen Struktur in der Frage nach Wesen und Definition von »Musik« ganz neue Parameter in den Raum geworfen. Die fünf Gäste, die den Saal verließen, taten dies bereits innerhalb der ersten zehn Minuten, die anderen gaben – nachdem sie sich aus ihrer Schockstarre gelöst hatten – donnernden Applaus. In den vergangenen Monaten wurde immer mal wieder der Vorwurf laut, dass es dem heutigen Jazz an Ecken und Kanten fehlte, und dass auf den Bühnen zu glatte, zu massentaugliche Musik gespielt würde. Voilà: Supersilent waren Ecken und Kanten pur. Und damit jenseits von Ge- oder Missfallen ein gigantischer Höhepunkt und sicherlich die größte Überraschung der Jazztage.

Im krassen musikalischen Gegensatz dazu stand die Band um die dänische Schmuse-Swing-Sängerin Nanne Emelie, die unmittelbar vor Joshua Redman die Aufmerksamkeit der ausverkauften Oper genießen durfte. Eine ähnliche Fluktuation wie bei Supersilent hält die verblüffende Erkenntnis bereit: Es wird immer Leute geben, die entsetzt den Raum verlassen, während andere Zugabe um Zugabe fordern.

Verpuffter Bombast

Zu guter Letzt sei noch Bugge Wesseltoft erwähnt. Der große Pionier des elektronischen Jazz, der zu nachtschlafender Zeit ebenfalls die Oper bespielte. Als einer der ersten, der vor vielen Jahren das Potential der Synthese aus improvisierter Musik und Live-Elektronik erkannte, hätte dieser Teil des Abends bombastisch werden müssen. Zumal er nicht nur vom wunderbaren Bassisten Dan Berglund, sondern ebenso vom hoch gehandelten Lounge-DJ Henrik Schwarz flankiert wurde. Eine hochexplosive Mischung, deren Wirkung im Zusammenspiel – völlig verpuffte. Sobald Wesseltoft und Berglund Sphäre auf Sphäre geschichtet hatten und auf das Publikum zurollen ließen, brachte Henrik Schwarz etwas hilflos eine Hand voll Klicks und Bips, die einfach nicht zu einem organischen Ganzen fusionieren wollten. Wie auch, wenn Klavier und Bass eben nicht mechanisch exakt spielten, sondern verhältnismäßig frei über dem Takt schwebten. Die Klangschnipsel, die er seinen Mitmusikern entnahm und elektronisch verwandelte, brachte er zu den harmonisch ungünstigsten Momenten, und man wollte ihm einfach nicht zutrauen, dass sich dahinter ein wissender, absichtlich handelnder Geist verbarg. Einzig einen Track gab es, bei dem Schwarz gleich zu Beginn das Ruder in die Hand nahm, so dass sich Berglund und Wesseltoft quasi notgedrungen nach der Drumspur richten mussten. Selbst hier dauerte es ein paar Minuten, bis man sich eingegroovt hatte, doch als dies erst einmal geschehen war, ließ sich erahnen, zu welch wunderbar atmosphärischer Musik das Trio in der Lage war – oder gewesen wäre.

Nicht erst an diesem Abend wurde der Trend deutlich, dass elektronische Klangerzeugung, -wandlung und -synthese immer stärker Einzug in die Welt des modernen Jazz halten. Während der diesjährigen Jazztage fand sich kaum ein Ensemble, das seine Musik nicht irgendwo an Dioden und Operationsverstärkern vorbeileitete – mit phänomenalem Ergebnis. Durch solche Erkenntnisse wurden die 37. Jazztage spannend. Durch die vielen filigranen und irre guten Trios und Quartette wurden sie hervorragend. Und durch überwältigende Erlebnisse à la Supersilent und Joshua Redman unvergesslich.

Insgesamt war es wieder einmal das ungeheuer vielseitige Programm in Kombination mit einer tollen Auswahl an charismatischen Spielstätten, das den Reiz und den Erfolg der Jazztage ausmachten. Behaltet das bei, macht weiter so!

http://www.jazzclub-leipzig.de

Fotos: Susann Jehnichen

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