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Warum die Hölle nach Schwefel stinkt

Dead End in Venice liefern eine schicke Draufsicht und wir schauen uns am Rand um

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Der neue kreuzer handelt von Pyramiden und Ufos, ja: und Riesenschnecken – irgendwie. Ich halte gerade das erste Heft in den Händen, das aus der Druckerei kam. Wie’s geworden ist, müsst Ihr selbst entscheiden, das Cover ziert immerhin, so viel kann ich verraten ein Grab. Aber darum geht es dann nur am Rande; die Titelstory Randlust bezieht sich auf die Leipziger Peripherie, wovon wir unsere Fotografen hingeschickt haben, um ungewöhnliche Ansichten mitzubringen. Warum ich hier vom kreuzer schwafle? Ich durfte mal wieder Boss spielen und Metal in die Chefetage tragen – da wo er hingehört.

Die Leipziger Peripherie hat im Osten längst dort begonnen, wo der Hellraiser zum Nationenrock ruft. Im Westen zieht der Stadtsaum dann irgendwo hinter dem Bandhaus seine Kreise. Bis dahin sollten es am Freitag all jene schaffen, die sich unter einer Sackgasse in Venedig mehr vorstellen können als einen Thomas-Mann-Aufguss. Dead End in Venice geben sich in der Saarländerstraße die Ehre. Muss man die kennen? Könnte, ja sollte man. Melodic-Metal-Bands gibt’s in Leipzig ja nicht so viele. Und auf dem Niveau schon gar nicht! Dabei stimmte mich »A view from Above« anfangs irgendwie skeptisch, das Ding brauchte zwei Anläufe, um mich umzublasten. Vielleicht lag’s daran, dass nach einem wunderschönen Intro – das gefiel mir sofort – es irgendwie eine Spur zu sehr nach Core klang und es dauerte, bis ich das wieder aus dem Ohr hatte. Ja, ich musste mich reinhören in diese Platte, um zu merken, dass einem hier nicht einfach einmal mehr eine fade In-Flames-Copy, auf der ein bisschen Midtempo-Gekloppe als Vorwand reicht, man hätte es mit Metal zu tun. Nach Durchlauf Nummer zwei drückte ich nur noch auf den Repeat-Button – die kreuzer-Belegschaft wird sich gefreut haben. Immerhin geht’s in einem Song auch um Schiffe, Heavy Celeste gewissermaßen: »Straight backward our black ship is sailing’«.

Mit ihrer bestechend schönen Singstimme und klaren Englisch legt Annabell Klein eine Straße aus Zucker über das schwedisch getönte Instrumentenspiel. Ein bisschen Pathos schwingt beim Growling von Christian Litzba mit, dessen leicht überdrehtes Grunzen sich dann aber doch immer wieder fängt, bevor es zur Parodie wird. Insgesamt erschafft dieser Doppelgesang eine anhaltende Dynamik, das dialogische Prinzip kann also auch im Metal auftrumpfen (Sokrates und Martin Buber wären überrascht gewesen.) Hinter und durch den melodiös-melancholischen Subsound drücken sich treibende Teile, Treibholz quasi, durch, und sorgen dafür, dass sich »A vie from Above« als Ohrsturm dort verkeilt, wo auch kein Audispray junior hilft. Kurzum: Die Platte klingt so extrem groovig, dass man auch eine zweiwöchige Redaktionskreuzfahrt damit locker durchschifft.

Der Drang an den Rand: Noch mal kurz was zur Peripherie: Der Blut- und Nebelmonat November naht, also wird’s Zeit, spätestens jetzt die Boots wieder rauszuholen und mal den Gang in die Botanik zu wagen. Zur Abwechslung kann man statt auf Pilzjagd ja auch Hinkelsteinsuche gehen. Jepp, von den stehenden Steinen gibt’s ein paar auch in Sachsen. Und ihrer Entstehung wird die Mitwirkung des Teufels nachgesagt – wenn man an so was glauben mag. Insgesamt können im ganzen Raumkonstrukt, dass sich »Mitteldeutschland« nennt, rund 150 Megalithbauten über Wald und Wiesen erwandert werden, davon sind die meisten Menhire, also Hinkelsteine. Im Landkreis Leipzig lockt der Spitze Stein aus rotem Granit auf einer Anhöhe zum Blick in die und von der Peripherie. Im Thümmlitzwald stehen gleich zwei Monolithlein im Walde herum: Ganz still und stumm sollte man beim Besuch sein – immerhin heißt einer Teufelsstein. Um zu erfahren, ob es dort wie in der Hölle nach Schwefel stinkt, muss man sich schon hinaus begeben. Denn darüber steht im schicken Bildband »Menhire in Deutschland«, der wirkliche alle stehenden Steine mit Bild auflistet leider nichts. Alle anderen können ab morgen den kreuzer kaufen und schauen, wie viel Einfluss eine Band wie Dead End in Venice aufs neue Heft genommen haben könnten.

P.S.: Die Erklärung, die die Überschrift einfordert, schiebe ich nächstes Mal nach. Slainte!

Dead End in Venice: 25.10., 20 Uhr, Bandhaus
http://www.deadend-in-venice.de. »Menhire in Deutschland«, Halle 2013, 505 S., 49,90 €, http://www.menhire.net

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