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Früher war mal mehr Lobbyismus

Saufen, kickern und tanzen auf dem SPD-Bundesparteitag

Singen für die Partei Größeres Bild

Wenn man einen Tag auf dem Bundesparteitag der SPD mitmacht, merkt man schnell: Die Partei ist am Ende. Und man selbst auch. Ein Erlebnisbericht.

Ein Vater singt mit seinem Sohne – beide in rote Hemden gekleidet – linke Volkslieder. Auf einer für diesen Zweck überdimensionalen Bühne, eine Revue zu 150 Jahren SPD soll das werden. Etwa eine Person hört zu, die von den Vortragenden mit Namen angesprochen wird, ob sie mal das Wasser von dem Stand da hinten holen können. Zehn Minuten später sprengt die Zahl der Menschen auf der Bühne die davor noch eindeutiger. Völker, hört die Signale. Unter einer Decke versteckt sich nun eine Gruppe, die glücklicherweise von einem Sozialdemokraten mit Zauberzylinder gerettet wird.

Das ist nicht der einzige Moment des SPD-Bundesparteitages, in dem man den Eindruck bekommt, dass es nicht gerade gut bestellt ist um die Genossen. Gerade hat Sigmar Gabriel seine Rede gehalten und nein, eine Aufbruchsstimmung zieht sich nicht durchs Leipziger Messegelände. Die Option der Großen Koalition gefällt hier eigentlich niemandem und doch wird sie beworben, immer wieder beschworen nahezu.

Am besten also raus aus dem Plenumssaal, in dem der »heute show«-Horst noch Leute zum Verarschen sucht (und sie auch findet) und ab zum Vorwärts-Stand. Der steht inmitten der Messehalle zwischen Ständen von e-on bis zu Audi. Früher war mal mehr Lobbyismus, werde ich aufgeklärt. Und darüber, dass es bei Vorwärts Bier für einen Euro gibt, der dann an ein Demokratieprojekt gespendet wird. Saufen für den guten Zweck. Man tut, was man kann. Auf Flachbildschirmen kann man hier die Ereignisse weiterverfolgen, richtig zu interessieren scheint sich aber niemand für die Delegierten, die jetzt alle das Wort bekommen. GroKo hier, GroKo da. Ja! Nein! Was denn sonst?

Man kann auch Kickern. Den besten Kickertisch hat der Stand der Berliner Republik, die mussten dafür aber auch sehr lange recherchieren, wie eine Mitarbeiterin erklärt. »Ich weiß jetzt sogar, wo man Kickerbälle kaufen kann, die nicht so einen Krach machen.« Jemand kommt von den Seeheimern rüber und will Kaffee. »Eurer ist nämlich viel besser!« Die Mitarbeiterin ist stolz. Sie zumindest hat hier alles richtig gemacht.

Drei Tage dauert der Parteitag und alle sind sie da. Kurt Beck schart eine Gruppe Asiaten um sich, die fröhlich auf ihn einredet. Peer Steinbrück spaziert derweil allein herum – das war im Mai noch anders, als ihn eine Brigade Bodyguards über den Leipziger Marktplatz begleitete. Wowi flirtet mit den Damen der Deutschen Bahn. Dabei laufen auch einige Mitarbeiter von Air Berlin herum, die in Stewardessen-Uniformen für ihr Unternehmen werben und wohl auch gerne mal gewusst hätten, ob wenigstens die Lichtschalter in Schönefeld schon repariert wurden.

Der beliebteste Parteikollege: Willy Brandt. Der wäre jetzt 1o0 und taucht deswegen überall auf. Auf Büchern, Taschen, Plakaten, in dem immer wieder zitierten »Mehr Demokratie wagen«. Einige tragen Buttons, auf denen steht: »Willy wählen«. Bestes im Shop erhältliches Souvenir: Ein aus einer Fahradkette bestehender Bieröffner. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Dann müssen alle wieder rein zur Wahl. »Auch wenn es sehr peinlich wäre, sich jetzt zu melden, aber hat noch jemand Fragen zum Abstimmungsgerät?«, fragt der Wahlleiter. Scheinbar nicht (doch wird es überraschend viele ungültige Stimmen geben). Ja, nein, Enthaltung – sind hier die drei Antwortmöglichkeiten bei Personalentscheidungen von Vorstandsmitgliedern, die halt auch nichts dafür können oder zumindest nicht abtreten wollen. Und daher fast alle schlechte »ehrliche« Ergebnisse einfahren.

Was hilft’s? Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, also stürmen abends alle das 4Rooms, wo die Berliner Republik ein paar Getränke ausgibt. Doch selbst dieser Reudnitzer Schuppen scheint nicht ausreichend vorbereitet zu sein auf den Schwarm sauffreudiger Sozis, der jetzt drängelnd an der Bar steht. Die großen Biergläser sind aus, weswegen man alle paar Minuten wiederkommen muss. Im Raucherraum gibt die Zigarettenlobby einzelne Zigaretten aus (»früher gab’s ganze Schachteln«) und wer bislang noch nicht politikverdrossen war, der wird es in diesem verquarzten Billardraum. Ein Mann erzählt, ihm drohe Harz IV, nachdem er kein Abgeordneter mehr war. Ein anderer berichtet von seinem Jobverlust bei einem SPD-nahen Medienunternehmen und seinen Zukunftsängsten. Das Klischee der oft beschriebenen »Versorgungsmentalität in der Politik« bestätigt sich hier im Tabaknebel zumindest nicht.

Gute Laune aber auf der Tanzfläche. DJ Jürgen, dem mal zu recht der Spitzname DJ Nachtleben und der Laptop des Grauens zuteil wurde, ist voll und ganz in seinem Element, dem Rausch. Und erschreckend viele Menschen brüllen erschreckend inbrünstig und textsicher »Verdammt, ich lieb dich« mit. Am erschreckendsten die Erkenntnis: Viele von ihnen könnten uns in den nächsten vier Jahre regieren. Neben Matthias Reim sorgen auch die Toten Hosen für Euphorie, eine weitere Gemeinsamkeit mit der CDU. Also dann, gute Nacht.

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3 Kommentare

  1. Ste | 23. November 2013 | um 10:59 Uhr

    Schön beschrieben und gut zu lesen. Und die Erkenntnis am Ende ist wirklich meist eine erschreckende, wenn man die Leute in echt erlebt hat, die dann die Mitregierung stellen. Demnächst in ähnlicher Zusammensetzung beim Kirchentag wieder zu erleben.