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Back to the Nineties

Noiserock, Sadcore, True Indie, whatever – Chokebore erfreuten im Werk 2

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Es existieren nicht mehr viele Bands, die im Laufe ihrer Karriere die Ehre hatten, Shows für Nirvana zu eröffnen. Chokebore gehören dazu, und so ist es wohl wirklich nicht unwahrscheinlich, dass Kurt Cobain höchstselbst sie als eine seiner Lieblingsbands bezeichnete. Am Donnerstag spielten sie im Werk 2.

Für Nirvana eröffnet zu haben – es war unter anderem bei deren allerletztem US-Konzert in Seattle im Januar 1994 – heißt auch, dass es Chokebore, nun, schon etwas länger gibt. 1992 findet man als Gründungsjahr, die Band selbst denkt eher an das Folgejahr, schließlich liest man den Schriftzug »20th Anniversary« auf ihrer Homepage. Das wiederum bedeutet, dass man vier Herren gesetzteren Alters auf der Bühne sieht, es dominiert graues und grau meliertes Haar. Die Band beginnt mit dem kontemplativen Opener ihres ersten Albums, »Shine«. Das Publikum mit erstaunlich niedrigem Durchschnittsalter ist sofort in den Bann gezogen, vielleicht wegen des hippen Transfers in die 90er, wahrscheinlicher wegen Frontmann Troy Balthazar, als Troy von Balthazar auch solo unterwegs. Walddorfschüler lernen, wie man seinen Namen tanzt, Balthazar tanzt mit umgehängter Gitarre seinen kompletten Output, seine düsteren Sätze, seine Gitarrenriffs, seine Soli sowieso, alles fließt in geschmeidigen Gesten. Ähnlich Nirvana und ihrem Sänger Cobain verhält es sich auch bei Chokebore – es dominieren auf unaufdringliche Weise Balthazars Gesang und sein Wesen.

Die Band spielt ausschließlich Songs ihrer beiden ersten Alben, »Motionless« von 1993 und »Anything Near Water« aus dem Jahr 1995 (beide erschienen seinerzeit übrigens auf dem Szene-renommierten Label Amphetamine Records aus Minneapolis, das unter anderem auch Bands wie Helmet und die Melvins beherbergt; zu ihrem 20. Geburtstag veröffentlichen Chokebore die beiden Alben als schicke coloured Vinyls nun noch einmal). Man hört weniger den Songs als vielmehr dem Klanggewand der Band an, dass sie ihre Sozialisierung und musikalische Pubertät in den frühen Neunzigern hatte. Der Bass holpert trocken, die beiden Gitarren sägen und kratzen in den Gehörgängen und das Schlagzeug rumpelt dumpf dahin. Den Leuten in der knapp halb vollen Halle D des Werk 2 gefällts, vor allem die Resonanz auf den Merchandise nach dem Konzert ist erstaunlich.

Einen Bruchteil dieses Feedbacks hätte sich sicherlich auch die Vorband des Abends gewünscht. Fünf Improvisationsmusiker, die unter dem Namen Kerrankin firmieren, versuchten sich mit einem Gast am freien Spiel. An sich ist das immer ein spannendes Projekt, das Unerwartete dominiert, Spontanität ist der rote Faden. Stimmt die Chemie zwischen den Musikern, können erstaunliche Klangergebnisse erwartet werden. Kerrankin hatten allerhand technisches Spielzeug auf der Bühne, Laptops, massig Effektgeräte und herkömmliches Instrumentarium. Standen zu Beginn Klangflächen im Mittelpunkt, versuchten alle Musiker mit der Zeit rhythmische Elemente einzustreuen. Das wirkte stellenweise etwas komisch, als sich trockene Licks mit Diskobässen und Britpop-Riffs mischten. So verlor der Bassist nach und nach etwas die Lust, der Funke wollte einfach nicht so recht zünden: Auf der Bühne nicht und im Publikum leider auch nicht.

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