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Kann man leben, ohne Musik zu machen?

Der Konzertveranstalter Berthold Seliger spricht über das Geschäft mit der Musik

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Will ein Künstler wirklich »Sperma sein, mit dem das Ei der Industrie befruchtet wird«, fragt sich nicht nur Tom Waits, sondern auch Berthold Seliger. Der Konzertveranstalter hat ein ganzes Buch über »Das Geschäft mit der Musik« geschrieben, eine Streitschrift für die selbstbestimmte Kunst, manchmal gar ein Pamphlet gegen die Kulturindustrie.

Seliger kennt sich aus in der Materie, seit 25 Jahren ist er Agent für Künstler wie Calexico oder Lambchop, veranstaltet unter anderem die Europatourneen von Patti Smith und Lou Reed. Vor kurzem hat er erklärt, dass er seine Konzertagentur nun einstellen wird: »Im Wesentlichen gründet die Entscheidung, diese Firma zu schließen, auf der Erkenntnis, dass das ›Geschäft mit der Musik‹ sich im letzten Jahrzehnt massiv in die falsche Richtung entwickelt hat und sich für eine kleine Agentur wie diese immer weniger Einflussmöglichkeiten ergeben, die Richtung des Schiffes mitzubestimmen.« Wie genau diese falschen Richtungen aussehen, davon handelt sein Buch, aus dem er beim Nachhollesetermin am Mittwoch lesen wird. Es ist ein kämpferisches Werk geworden, so wie man es aus seinem lesenswerten Blog oder den Texten für Konkret oder Berliner Zeitung kennt, in dem er immer wieder gegen Kultursponsoring, Verblödung oder kritiklose Hinnahme des Kapitalismus anschreibt – oder gegen das derzeit gültige Urheberrecht, für das er seit Langem neue Modelle fordert. Wie sollten die aussehen, Herr Seliger? »Stellen Sie mir den ganzen kreuzer zur Verfügung?«, fragt er zurück. Leider nicht, also fassen wir seine Ansichten zusammen: Erstes Ziel sei ein faires Verhältnis zwischen Musikern und Verwertern, inzwischen werde der Vorstandsvorsitzende von CTS Eventim als »Dollar-Milliardär« geführt, das Durchschnittseinkommen von Musikern unter 30 Jahren hierzulande belaufe sich dagegen laut Künstlersozialkasse auf 9.430 Euro im Jahr. Zudem fordert Seliger ein System, das nicht länger auf Menge tariert ist. Dass Kultur nach Menge, also Quote, berechnet wird, hält er für fantasielos. »Wie wäre es denn, wenn ein neues Musikstück, das das erste Mal im Radio gespielt wird, hoch vergütet wird, sagen wir mit 1.000 Euro? Das würde jungen Musikern wirklich weiterhelfen.«

Auch wenn von ihm kritisierte Menschen wie beispielsweise Marc Chung, einstiger Bassist der Einstürzenden Neubauten und jahrelang Vorstandsvorsitzender beim Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), Seliger nicht ganz unberechtigt Polemik vorwerfen, macht seine Leidenschaft ihn so interessant für den hiesigen Popdiskurs. Eine Leidenschaft für die Musik, die er auch von Künstlern fordert: »Es geht darum, ob man leben kann, ohne Musik zu machen. Wenn dieses ›ich muss‹ besteht, dann geht es darum, sein Leben nach dieser Notwendigkeit auszurichten.« Und zwar nicht, indem man seine Musik an einen Werbespot oder ein Cola-Festival verkauft, sondern sich durch die Clubs spielt. Like the Rolling Stones.

Nach Pere Ubu, Patti Smith oder Bratsch kommt deren Konzertveranstalter zur Lesung nun selbst nach Leipzig, dessen Szene er wegen der »unabhängigen soziokulturellen Zentren, wo mit großer Leidenschaft eine andere Kultur präsentiert wird«, schätzt. »Ganz ehrlich: Es ist nicht so einfach, alle Bands und ihre Manager davon zu überzeugen, in Ostdeutschland zu spielen«, erklärt er. »Aber für mich gehört Leipzig zu den besten deutschen Konzertstädten.« Ihm kann man das sogar glauben.

Das Geschäft mit der Musik, Lesung mit Berthold Seliger: 11.12., Wer 2, Halle D, Einlass: 19:30 Uhr, Beginn: 20 Uhr

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form in der Oktober-Ausgabe des kreuzer.

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