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»Wollen Sie noch einen Sekt?«

Die Grünauer freuen sich über ihre neue S-Bahn-Strecke – die am Ende sogar ganz kurz durch den Citytunnel führt

Knalleffekte gabs zur ersten Einfahrt der Züge in den Citytunnel Größeres Bild

Sonnabendfrüh, ein eisiger Wind weht durch die Plattenbausiedlung. In der Miltitzer Allee, das ist mitten in Grünau, wartet man gespannt auf den neuen Zug.

Für diesen frostigen Dezembertag hat die Bahn zum Festakt am S-Bahnhof Miltitzer Allee eingeladen. Von hier aus soll die »Sternfahrt zur Eröffnung des Citytunnels« die neue Zugverbindung zum Stadtzentrum feiern. Doch wir werden heute von Grünau aus nur kurz den Tunnel durchqueren.

Aber erstmal heißt es: »Wollen Sie noch einen Sekt?« Ein bisschen unbeholfen beginnt der Trubel im Bierzelt vor der Grünauer S-Bahnstation, es werden Sekt und Orangensaft gereicht. Die meisten Gäste sind ältere Herren, gut gekleidete Senioren, eingesessene Leipziger. Sie tragen neongelbe Schlüsselbänder über dunklen Wintermänteln, als Fahrkarten für diese bedeutsame Fahrt. Im Hintergrund dudelt Weihnachtsmusik, einen Sitzplatz sucht man vergeblich. Es ist wie auf dem Weihnachtsmarkt, nur förmlicher und kälter. Und mit Grußworten. Die Bürgermeisterin Dorothee Dubrau und ein Vertreter der Bürgerinitiative für die S-Bahn sprechen wortreich von ihrer Freude über die Eröffnung und wünschen allen eine gute Fahrt. Schon weht ein Hauch von Pathos durch das Bierzelt, als die Vertreter vom Citytunnel sprechen: »Ein Traum, der vor 100 Jahren gedacht wurde, wird heute wahr.« Dann wackelt die Masse vom Bierzelt zum Bahnsteig, endlich geht die Fahrt los. Endlich, endlich, endlich. Die Vorfreude ist unverkennbar: Einige Senioren lassen sich vor der neuen S-Bahn fotografieren, andere filmen mit ihrer Kamera diesen für Grünau so historischen Tag.

Im Zug sitzt Manfred Schnitzer, mit 62 Jahren ein echter Grünauer, seit drei Jahrzehnten wohnt er in dem Stadtteil. »Das ist schon schön. Endlich fährt die S-Bahn wieder!« Fast hatte man das Projekt S-Bahn tot geglaubt, als die Linie 1 nach Grünau im Jahr 2008 stillgelegt wurde. Doch dann gründeten die Bürger eine Initiative für den Erhalt der Linie 1 und sammelten 15.000 Unterschriften. Heute sind die Grünauer mächtig stolz, »ihre« Linie wieder zurückzuhaben. »Aber es ist Wahnsinn, wie viel das gekostet hat«, meint Schnitzer, denn rund eine Milliarde Euro mussten die Investoren gemeinsam für den Citytunnel-Spaß und die neuen S-Bahnlinien drumherum aufbringen. »Hätten die Politiker noch länger gewartet, wären es bestimmt zwei Milliarden geworden, so wie bei Stuttgart 21, da sind die Kosten auch explodiert.«

Im Tunnel angekommen sieht man: Nichts

Nach einer kurzen Fahrt gibt es einen Zwischenstopp im Allee-Center. Wieder ein festliches Rahmenprogramm, dieselben Redner halten die gleichen Reden und freuen sich, dass nun auch ihr Einkaufcenter wieder erreichbar ist. Auf dem Rückweg zum Zug allerdings sind die Polizeiwagen nicht zu übersehen: Das Gelände wird überwacht und Sicherheitsbeamte kontrollieren alle Gäste. Schließlich soll bei der Feier für das Prestigeprojekt der Bahn nichts schiefgehen. Einige Anwohner mit Kinderwagen und Aldi-Tüten in der Hand stehen am Bahnsteig und beschweren sich: Sie wollen auch mitfahren. Aber sie sind nicht angemeldet, sie gehören nicht zu den ausgewählten Gästen.

Schließlich fährt die S-Bahn zum Hauptbahnhof, den Gästen werden noch einmal »Aufmerksamkeiten« gereicht. Es ist wie ein Fest im Autohaus: Irgend etwas Neues wird vorgestellt, alle klatschen, es gibt Sekt, Orangensaft und Häppchen und jeder stellt begeistert fest, wie schön das alles ist. Auch Manfred Schnitzer ist zufrieden, laut Fahrplan fährt die S-Bahn jetzt immer bis 22 Uhr in die Innenstadt. Beim Blick aus dem Fenster fallen uns die Menschengruppen auf, die am Rand der Bahnstrecke stehen und den vorbeifahrenden Zug fotografieren. Ganz Leipzig scheint begeistert zu sein, alle sind verrückt nach der neuen silber-grünen S-Bahn. Nochmals werden Sekt, Orangensaft und Häppchen gereicht. Jeder isst, soviel er kann. Dazu gibts kleine Pralinen mit S-Bahn-Logo und Luftballons. »Die nehme ich für meine Enkel mit«, hört man vom Nachbarsitz.

Endlich fährt der Zug in den Citytunnel ein, direkt zum Hauptbahnhof. Eine Durchsage kündigt dies an, die Spannung steigt. Doch dann: Ernüchterte Gesichter, denn im Tunnel sieht man, genau: Nichts. Wie in jedem anderen Tunnel auch. Und plötzlich ist der Zug auch schon am Hauptbahnhof angekommen und die Sternfahrt vorbei. Der ganze Trubel für 30 Sekunden Tunnelfahrt? Wieso nicht?

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