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Die Unschärferelation des Burkhard Jung

Je genauer das Loch im Schauspiel-Etat untersucht wird, desto stiller wird der OBM

Fassade des Schauspiel Leipzig (Foto: R. Arnold/Schauspiel) Größeres Bild

»Ich blicke jetzt nicht mehr durch.« – Burkhard Jungs jüngstes vorläufiges Urteil über das vermeintliche Defizit am Schauspiel fiel weit weniger entschieden aus als die vorangegangen.

Bisher hatte sich der OBM hinter Enrico Lübbes Aussage gestellt, aufgrund der Misswirtschaft des ehemaligen Intendanten Sebastian Hartmann werde das aktuelle Haushaltsjahr mit 400.000 Euro Miesen enden. Auf der Sondersitzung des Betriebsausschusses Kulturstätten (BAK) am 16.12. nun gab sich Jung ungewisser und ordnete eine externe Prüfung an, die mindestens bis März 2014 dauern soll. Der OBM scheint von einer Unschärferelation erfasst: Je genauer die Zahlen über das Zustandekommen des vermeintlichen Defizits in den Blick geraten, umso vager wird seine Einschätzung.

Das mag auch daran liegen, dass laut internen, kreuzer-online vorliegenden Unterlagen starke Zweifel an der Rathaus- und Schauspiel-Version vom Zustandekommen des Defizits herrschen. Mitglieder des BAK richteten einen Fragenkatalog an die Intendanz Lübbe sowie die städtische Prüfgesellschaft (Beratungsgesellschaft für Beteiligungsverwaltung/bbvl). Demzufolge habe die neue Intendanz Lübbe bereits im April 2013 ein negatives Ergebnis von 104.000 Euro erwartet. Die Gründe dafür würden nicht nur die BAK-Mitglieder gern erfahren. Entgegen der Eigenbetriebssatzung habe es Lübbe außerdem versäumt, bereits im Juli einen Nachtragswirtschaftsplan einzuleiten. Eine Frage zielt auf den Kern, die Verschuldung des Defizits: »Alle künstlerischen Aktivitäten der Intendanz Hartmann endeten am 23.06.2013, danach begannen die Theaterferien. Wie lässt es sich erklären, dass die gleichen Mitarbeiter der Verwaltung, die den Monatsabschluss Juni 2013 mit einem positiven Ergebnis von 52 T€ für die Intendanz Hartmann erstellt haben, im Monatsabschluss Juli 2013 … eine Ergebnisverschiebung von mehr als 300 T€ auf minus 262 T€ festgestellt haben?«

Ob die bbvl von diesem schon bestehenden Verlust gewusst habe, wollen die Ausschussmitglieder von der Prüfgesellschaft wissen. Wieso sei die ehemalige Intendanz Hartmann nicht befragt worden? Wann haben die Prüfer Kenntnis erlangt, dass die neue Intendanz Lübbe schon im Frühjahr einen Verlust prognostizierte? Der Fragenkatalog spricht von »auffälligen Ergebnisverschiebungen im Juli 2013« (Monat der Bücherübergabe), welche die bbvl nicht erwähnt habe und scheint in puncto Defizitverschuldung bereits urteilssicher: »Warum wurde im Prüfbericht die Hauptverantwortung der neuen Intendanz für den … erwarteten Gesamtjahresverlust von 410 T€ nicht deutlich herausgearbeitet?« Allerlei andere Unzulänglichkeiten werden dem Bericht in anderen Fragen, etwa der Abrechnung von Opernwerkstunden, attestiert, die bereits der Ex-Verwaltungschef am Schauspiel bemängelte. Ihm zufolge käme das Ergebnis der Hartmann-Intendanz auf ein Plus von rund 60.000 Euro.

Insgesamt listet das BAK-Papier 20 Fragen auf. Angesichts des massiven Nachhakens blieb OBM Jung wohl nichts anderes übrig, als auf eine Vertagung und externe Prüfung hinzuwirken. Sich gerechtfertigt oder gar Abbitte geleistet für seine Unterstützung der Schauspiel-Version hat er freilich nicht. Ob die Stadtspitze diesen Vorgang auf jener langen Bank, auf welche die Aufklärung geschoben wurde, aussitzen kann, wird die Zeit zeigen. Andere städtische Medien immerhin zeigen sich nach ersten Skandalberichten über Hartmanns Privatpartys am Fall merkwürdig desinteressiert. Aber: »Hoffnung ist ein Jagdhund ohne Spur« lassen die »Lustigen Weiber von Windsor« wissen. Die Abschlussfrage der BAK-Mitglieder an Enrico Lübbe wird auch einige Wochen zentral für den Intendanten und OBM bleiben und harrt öffentlicher Beantwortung: »Warum und auf welcher Grundlage hat Herr Lübbe am 04.11.2013 im Betriebsausschuss und einen [sic] Tag später in der Öffentlichkeit die Behauptung aufgestellt, dass ausschließlich die alte Intendanz die Verantwortung für das Gesamtdefizit in Höhe von ca. 400 T€ trägt, obwohl er spätestens seit Ende Mai Kenntnis von der negativen Entwicklung in seinem Geschäftsbereich haben musste?«

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