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Ein Schalk schließt die Augen

So wars beim Konzert von Spaceman Spiff in der naTo

Spaceman Spiff Größeres Bild

Ungeniertheit als Eisbrecher: Noch vor dem obligatorischen »Hallo Leipzig« wirft Spaceman Spiff dem Publikum in der naTo ein freundliches »Das sind aber eigentlich Interna, die euch gar nichts angehen« entgegen. Gemeint ist die Stimmung der Ersatzgitarre, die gleich zum Einsatz kommt, nachdem beim ersten Lied, »Vorwärts ist keine Richtung«, die Saite reißt. Die Raunzerei funktioniert. Die vollbesetzte naTo klatscht, der Umgangston ist abgesteckt und wird den Abend über gepflegt

Das muss er auch, denn er ist das Chili für die Schokolade der Lieder. Meint: Solche Ansagen heißen nichts anderes als »Hey, wir dürfen das, denn mit dem nächsten Lied treiben wir euch gleich wieder die Tränen in die Augen«. Und dann kommt »Mind The Gap« und die Augenwinkel werden tatsächlich ganz schön feucht. Es ist sehr dankenswert, dass Spaceman Spiff nicht versuchen, die Melancholie von »Endlich Nichts« platt zu rocken, nur damit die Meute tanzt. Nein, für Publikumsanimation bleibt zwischen den Liedern genug Gelegenheit – zum Beispiel bei einem gepflegten Diss in Richtung Dresden, da »Teesatz« nun mal auch eine Zeile über Leipzig und nicht Dresden enthält. Großer Jubel, Freude und Begeisterung … Als die Leute aber merken, dass die Zeile gar nicht so schmeichelhaft ist, ist es eh schon zu spät und der Beifall schon geklatscht. Spaceman lächelt vor sich hin – so wie er den ganzen Abend über vor sich hin lächelt. Bei »Teesatz« vielleicht aus Schalkhaftigkeit. Bei »Egal« vielleicht eher aus Verlegenheit. Es sind solche zarten Lieder, bei denen der Spaceman Hannes Wittmer doch ziemlich allein auf der Bühne steht, und das, obwohl er unter anderem von Felix Weigt und Johnny König unterstützt und begleitet wird.

Immer wieder steht er aber da, mit geschlossenen Augen und auf Zehenspitzen, so als würde er sonst nicht zum Mikro hochkommen, was natürlich nicht stimmt. In Wahrheit stehen Texte und Musik so sehr auf dem Boden der Realität, dass es diese Instabilität als Gegensatz braucht. Irgendwie muss der Spaceman ja gegen die Schwerkraft der Realität ankämpfen, die ihn zu Boden zieht.

Die Begleitung tut dem ganzen Konzert gut – nicht nur emotional. Denn Felix Weigt und Johnny König sind erfahrene Live-Musiker und diese Souveränität macht das Plus des Abends aus. Sie hebt ihn von Auftritten anderer Singer/Songwriter ab, die melancholische Lieder mit geschlossenen Augen singen. So aber geben sie dem Spaceman auf den Zehenspitzen den nötigen Halt. Denn auch wenn er schon seit bald vier Jahren der Spaceman ist, wirkt er wie ein Nesthäkchen: Man sieht es an den großen Augen, mit denen er ins Publikum schaut und sich immer noch freut, an dem breiten Grinsen hin zur Band und der zufriedenen Energie, mit der er die Zugaben singt. »Han Solo« ist die letzte.

Nach 90 Minuten Arbeit auf der Bühne steht er fünf Minuten später vor der Bühne, ins Gespräch vertieft mit Leuten, die er kennt oder vielleicht auch nicht. Wenn man ihn nicht vorher auf der Bühne gesehen hätte, würde man ihn vielleicht gar nicht erkennen.

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