Startseite / Kultur / Fussel-Fusion und tödliche Typo

Fussel-Fusion und tödliche Typo

Der HGB-Rundgang anno 2014 zeigt sich als buntgescheckte Wunderkammer

Natürlich kann geschossen werden Größeres Bild

»Kunst ist kein öffentlicher Diskurs«. Dieser mäßig originelle und inhaltlich falsche Kommentar galt dem Bericht über den HGB-Rundgang im vergangenen Jahr. Damals stellten wir fest, dass der Trend an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, die eigene Kunst mit theoretischem Pomp aufzublasen, abgebrochen ist. Auch in der Ausgabe anno 2014 leistete man angenehm Verzicht auf Bullshitbingo und das Zitieren von unverdauter Theorie.

[Nur am Rande: Was, wenn nicht auch Diskurs, soll Kunst denn sein – und übrigens: Es gibt keine nichtöffentlichen Diskurse.]

Also hinein ins den bunten Kunsttrubel und Jubiläumsrummel – denn der 250-jähre HGB-Geburtstag ist immer wieder Thema auf der Art-Tour. Vorm Eingang grüßen zwei Hippie-Milizionäre (ist das Kunstrasen?), die eventuell die Polizei an der US-Botschaft spiegeln sollen. Vielleicht ist das auch nur ein Willkommensspalier. Drinnen ist die Eingangshalle hübsch fragil zerschnitten: Ein Vorhang aus weißen Papierschlangen-Loops zweiteilt den Lichthof und bringt die Routinen der Menschen durcheinander (Zaida Guerrero Casado). Manche schlüpfen hindurch, andere umgehen respektvoll diese Sperre. Später sollen sich ein paar Kleinkinder genüsslich an der Zerfetzung halten. Wer sagt schon, dass Kunst immer anstrengend sein muss?

Tödliche Typo: Spielerisch ging die Fachklasse für Typografie zu Werk. »Natürlich kann geschossen werden« titelt ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Schusswaffen. Die aktuelle Diskussionen um das Rüstungsunternehmen Heckler & Koch aufgreifend, haben die Künstler Waffen deutscher Hersteller aus Pappe nachgebaut, welche in aller Welt morden. In fotografisch festgehaltenen Szenen übten sie typische Waffenposen und arbeiten sich dann an der Gestaltung von Waffenmarkenlogos ab. Faszination und Abscheu kommen hier insgesamt gut zusammen. Stilecht lädt man an der Bar »Kimme und Korn« zu Shots. Als erzählt wird, dass eine Schülerin der Klasse bald wieder in ihre Heimat Syrien und damit in den Krieg zurückkehrt, bricht das Reale in die spielerische Situation.

Wenn die Typo-Typen sich als Plastiker betätigen, dann ist es irgendwie folgerichtig, dass die Malereiklasse von Ingo Meller medienübergreifend unterwegs ist und etwa die Ordnung der Dinge mit Steinen und einer Betonkugel als Aufreihung und Anhäufung untersucht (Larissa Mühlrath). In den Malereimeisterklassen stach Mona Broschárs »Super Eis« lustig ins Auge: Eine poppige Schar als Superhelden verkleideter Stieleise. Taumelnd machende virtuelle Computerspielräume hielt Marlett Heckhoff in Öl fest. »Das Gesicht der Erde bleibt nicht gleich«, weiß eine mehrteilige Linoldruckarbeit, in der abstrakte Formen und klare Linien mit Kreaturen und Landschaften zusammen kommen. Irgendwo tummeln sich Collagen kopulierender Herren neben einer großflächigen Lackstrukturarbeit in Weiß.

Hochinteressant zeigt sich die Sonderausstellung an den einstigen HGB-Tüftler Emanuel Goldberg (1881–1970), der in wunderbarer Weise chemische Wissenschaft und künstlerisches Schaffen in der Fotografie zusammenbrachte. Mit dem professoralen Zitat »Ich verstehe eure Sorge, aber ich kann euch da nicht helfen« soll zur gegenwärtig betriebenen HGB-Fotografie an dieser Stelle alles gesagt sein, die neben Schwarz-Weiß-Bildern weiterhin an blassen Farben und angeschnittenen Motiven festzuhalten scheint.

Als weitere Splitter in einer insgesamt buntgescheckten Schau, die immer wieder mit handwerklich gut Gemachtem bis Originellem überraschte, seien noch genannt: Ein mehr als ein Meter großer Polygon aus Wattestäbchen, dessen schlussendliche Imperfektheit – die Dinger sind nicht auf Millimeterlänge gleich – am Glauben an den Toilettenartikel im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit rührt (Susan Winter). Und ein Buchkunstwerk über Amazonen, das sich vielschichtig mit Postfeminismus und Popkultur auseinandersetzt (Ann Richter). Fussel-Fusion, Düsi im Hafenbarbecken und Biografisches eines Rohrreinigers gab’s als pralle Illustrationsgeschichten. Und skurille Grafiken – wie »Ich auf meinem Tier stehend« – von Kopiczinski / Lang und die einen explodierenden Bergsee durchschreitende Riesenspinne (»Normaler Morgen«, Patrick Vollrath) machten einfach Spaß beim Betrachten. Ein Schoki-iPhone dessen idolartige Existenz nicht im Mund schmilzt, sondern in der Hand, sorgte für leise Konsumkritik (den Künstler dürfen geneigte Kommentatoren gern ergänzen). In eine ähnliche Kerbe, den Kunstmarkt betreffend, mag eine für Samstag angekündigte (ab 17 Uhr) Aktion schlagen: Die Gruppe Neue Ratio versteigert Arbeiten verschiedener Künstler, die erst während der Auktion entstehen.

Der Gang ins Gehäuse der Kunstausbildung lohnt durchaus. Nicht zu vergessen: Bier & Co. gab’s auch. Während sich die Bildende-Kunst-Professorin Astrid Klein von ihren Studierenden für 20 Jahre HGB-Tätigkeit feiern ließ und gehörig gegen die Kürzungen der Klassischen Archäologie und Theaterwissenschaft an der Universität wetterte, hat sich die neu gegründete Medienkunstklasse von Clemens von Wedemeyer erst einmal damit begnügt, eine Kleinstdisko einzurichten. Für die hübscheste Alkotheke, einer mit venezianischen Spiegeln verkleideten und hell erstrahlenden – je nach Blickposition – Aquariums- oder White-Cube-Bar, sei abschließend den Studierenden der Buchkunst gedankt.

HGB-Jubiläums-Rundgang, 13.–16.2., 11–22 Uhr, So. bis 20 Uhr, HGB, http://www.hgb-leipzig.de

Kommentieren

Dein Kommentar

3 Kommentare

  1. Stephan Kopiczinski | 16. Februar 2014 | um 14:22 Uhr

    lieber tobias prüwer,

    ich möchte zu deinem artikel eines anmerken.
    unsere arbeit im eingang, die „hippie milizionäre“, heisst eigentlich einsatzkommando burn out syndrom. und mit den polizisten haben die nichts zu tun. das material ist nicht kunstrasen, sondern pelz, grün angesprüht mit lack.

    grüße
    stephan und alex

  2. Minxi Minx | 21. Februar 2014 | um 01:52 Uhr

    Wie freundlich Ihr geschrieben habt, lieber Kreuzer, voller Zuneigung für diese jungen Leute, die tapfer ihre Kindheit aufarbeiten. Und doch: Dies ist ein großes, verwahrlostes Haus, mit fingerdickem Staub auf den alten schmiedeeisernen Maschinen, mit Müllecken und einfallslosen Graffitis im Treppenhaus, das Gegenteil von Inbesitznahme. Natürlich gibt es Werke, die gelungen sind, engagiert oder zumindest bemüht – aber wieviele? Verheerend ist die Vergleichbarkeit, die heute Dank des Internets herrscht, für diese Ausstellung. Will sagen – der Kaiser hat keine Kleider an.