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Bach barrierefrei

Ein Gebärdenchor interpretiert Bachs Markus-Passion

Foto: Anna Bliss Größeres Bild

Im Projekt »Markus-Passion – barrierefrei!«, das diesen Sonntag im Gewandhaus zu erleben ist, soll Gebärdensprache eine wichtige Rolle spielen. Zwei Chöre stehen auf der Bühne: Der Gewandhauschor interpretiert den Passionstext stimmlich, der Gebärdenchor visuell.

»Musik ist mein Leben. Ohne Musik kann ich nicht leben. Ich fühle ganz viel über Musik. Ohne Musik fühle ich mich leer.« Die Leere, von der Anja Fessel erzählt, ist mehr als eine metaphorische Floskel. Anja Fessel ist hörgeschädigt und wenn sie im Gebärdenchor des Berufsbildungswerkes Leipzig ihre Hände singen lässt, erspürt sie die Vibrationen der Musik mit ihrem ganzen Körper. Dann entsteht ein Bild in ihrem Kopf, welches sie zeigen möchte und das kann sie – mittels Gebärdensprache.

Mit der »Markus-Passion – barrierefrei!« entsteht im Gewandhaus nicht nur der Versuch, das Konzerterlebnis seiner Stellung als Privileg der Hörenden zu entheben. Darüber hinaus scheint Musik hier als Medium zu dienen, in welchem Hörende und Gehörlose einander gleichberechtigt begegnen können.

Es handelt sich um ein derzeit außergewöhnliches Projekt und doch beschreibt Gregor Meyer, Leiter des Gewandhauschores, diese Art, der nur fragmentarisch überlieferten Passion Bachs zu begegnen, als durchaus »schlüssigen Ansatz«. Denn während der Text vollständig überliefert wurde, ist die Musik, die am Sonntag erklingt, das Ergebnis musikwissenschaftlicher »Detektivarbeit«. Die Choräle und die Musik der freigedichteten Textteile lassen sich mit Kenntnis der Kompositionsweise Bachs gut rekonstruieren, doch natürlich kann die tatsächliche musikalische Gestalt des Originals auf diese Weise niemals vollständig erreicht werden. Meyer vergleicht das Werk mit einer Burgruine: »Es fehlen wichtige Bruchstücke, die man eigentlich nicht mehr wahrnehmen kann. Diese Lücken bieten aber erst den Raum zu einer sinnlichen Ergänzung.« Der Gebärdenchor stellt dabei einen Teil dieser sinnlichen Ergänzung dar. Denn das, was entsteht, wenn der Chor musiziert, ist noch viel mehr als die bloße Übersetzung des Textes in die Deutsche Gebärdensprache (DGS): Mimik und Gestik in ihrer Emotionalität, sowie die Schönheit der gemeinsamen Gebärde fügen sich zu einer künstlerischen Ausdrucksform zusammen, die auch ein Publikum, das der Gebärdensprache nicht mächtig ist, fasziniert und berührt.

Ein weiteres Experiment für die Sinne besteht in der Illustration der Rezitative. Diese lassen sich musikalisch weniger gut rekonstruieren, da Bach sie meist neu komponierte. Für die Passion sind sie als handlungstragende Elemente durch ihre Wiedergabe des Bibelwortes jedoch fundamental. Die Interpretation des Gewandhauses verzichtet nun ganz auf das (gesprochene) Wort. Untermalt von stilistische Grenzen überschreitenden Cello-Klängen des Duos deep strings performen Marc Mascheck und Okan Seese den Inhalt des Bibeltextes mimisch, pantomimisch und gebärdensprachlich. In Schwarz (Mascheck) und Weiß (Seese) erzählen sie die Geschichte zwar abstrahierend, doch könnte ihre Darstellungsform nicht expressiver sein. Und tatsächlich »öffnete sich auch erst durch Okan die Tür in den Bereich der Gehörlosenwelt«, so Meyer.

Okan Seese ist nicht nur Mime, sondern ebenso tauber Songwriter und Songsigner. Das Projekt ist auch für ihn eine ganz neue Herausforderung. »Gehörlose haben, genau wie Hörende, verschiedene Musikrichtungen«, erklärt er. Während die Popmusik, welche er beispielsweise in seinem Youtubevideo »Deaf World« performt, kraftvoll und sehr stark schon von außen auf ihn wirkt, »geht diese Musik viel mehr in die Tiefe. Sie ist ruhiger, emotionaler und wirkt von innen sehr stark. Es fühlt sich an, wie auf Wind zu warten oder auch auf einen Jahreswechsel.« In diesem Gefühl stecke viel dramatisches Potential, das unter der Regie Burkhart Seidemanns entfaltet werden könne.

Nichtsdestotrotz fällt während der Probe auf, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, Hörende und Gehörlose in einem Großprojekt zu vereinen, das für die Aufführung auch noch um das Orchester lipsensis camerata und die Solisten erweitert wird. Das verbindende Element aller Beteiligten ist der Rhythmus und der ist in einer Musik ohne Schlagzeug oder laute Diskobässe gerade für die gehörlosen Mitglieder des Gebärdenchors manchmal schwer auszumachen. Besonders wichtig sind dabei die Arbeit der Dolmetscher und wachsame Augen, Blickkontakt. Das beteuert auch Anja Fessel, wenn sie gesteht, dass sie sich vor allem an ihrem hörenden Nebenmann orientiert, um den richtigen Einsatz zu finden. Okan Seese erklärt das Zusammenspiel mit seinem Duopartner Mascheck so: »Tatsächlich versteht Marc meine Gebärden aber auch oft schon ohne Dolmetscher. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er darstellender Künstler ist. Die sind in dieser Hinsicht vielleicht etwas begabter.«

Noch ganz neu ist die Berührung mit der Gehörlosenwelt dagegen für Uwe Knorrn aus dem Gewandhauschor. Er bedauert, dass er die Gebärden von der hintersten Reihe, in welcher er steht, gar nicht so richtig mitbekommt. Und dennoch bemerkt er, wie »die einzelnen Puzzleteile langsam zusammenwachsen«. Dieses Zusammenwachsen unterstreicht die Musik als für alle Menschen gleichermaßen erfahrbares künstlerisches Ereignis. Dieser Aspekt macht neben der speziellen Ästhetik der verschiedenen sinnlichen Ebenen die Stärke des Projekts aus, welches seinen Höhepunkt in der Aufführung am Sonntag erreicht: Wenn hörendes und hörbehindertes Publikum gemeinsam den Konzertsaal füllt. Und da die Veranstaltung im behinderten- und rollstuhlgerechten Mendelssohnsaal stattfindet, hält sie auch tatsächlich Wort – sie ist vollkommen barrierefrei.

Markus-Passion »Bach & Mime«: 30.3., 20 Uhr, Gewandhaus

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2 Kommentare

  1. wilma | 31. März 2014 | um 17:32 Uhr

    Es war eine sehr tolle unter die Haut gehende Veranstaltung. Einfach nur Wau!
    Sehr schade fand ich aber, dass bei dieser doch so „barrierefreien Veranstaltung“, die Besucher mt den Rollstühlen so weit hinten sitzen mussten. Und da sie im Rollstuhl sogar noch tiefer saßen, als die Besucher auf ihren Stühlen davor, konnten sie teilweise bestimmt nichts sehen. Ich als Stuhlsitzer fand mich da deplatziert.
    Wilma

  2. Frau F | 11. April 2014 | um 10:29 Uhr

    Ich fand es auch großartig! Selbst als hörende Zuschauerin konnte ich sehr gut die Interpretation der Gebärdenden nachvollziehen.
    Einziges wirkliches Ärgerni: Burkhardt Jung in der ersten Reihe, der pausenlos auf seinem Handy rumtippte! Da hätte man doch lieber die Rollstuhlfahrer vorne hingesetzt.