Startseite / Heavy Celeste / Die Wacht der lebenden Leichen

Die Wacht der lebenden Leichen

Zombiealarm! Immer kommt wer wieder – aber können die Metal-Hipster nicht bald mal gehen?

metalkolumne_artikelbild Größeres Bild

Kulturbürgermeister Faber ist samt vollständigen Zuständigkeiten wieder im Amt, der Auwald wird einmal mehr geflutet und Leipzig soll schon wieder das neue Berlin sein. Es herrscht Zombiealarm! Hirnlose Wabermassen sind im Anmarsch, um sich an Leipzigs Coolness die Nasen platt zu drücken, im Henkelbeutel die Eier zu schaukeln und bei »Doom over Leipzig« im Weg rumzustehen.

Nicht falsch verstehen! »Doom over Leipzig« ist ’ne feine Sache. Bands wie Esoteric, Circle oder Conan stehen für sich. Location im UT passt, könnte also alles ganz schmucki sein. Aber warum müssen Doom und das experimentelle Feld darüber hinaus derzeit so angesagt sein? Was will der Metal-Hipster eigentlich? Unter falscher Flagge falsch verstandener Ironie – es ist beim Hipster eigentlich nur Muffensausen davor, sich einmal festzulegen, wie mentale Laschheit. Da willste bangen oder dich bewegen und vor dir steht eine Mauer aus Kinnflusen und Aschenbecherbrillen, die dir hübsch mit dem filmenden Handy die Sicht versperrt. Doch diese Mode-Zombies, die jedes halbe Jahr eine neue Subkultur entdecken, nerven nicht nur live. Ein Berliner Blogger hat das gut zusammengefasst: »Wirklich bedauerlich ist, dass sich der Hipster mit der Aneignung einer von ihm im Grunde belächelten Fankultur als deren Totengräber betätigt. Denn seine Unterwanderung ihrer gemeinschaftsstiftenden Zusammenkünfte (Konzerte) erschüttert deren Grundfesten: Während sich der Hipster von einem Mischmasch aus verschiedenen Elementen der Popkultur nährt, duldet der Metal-God keine anderen Götzen neben sich – wie etwa den Besitz von Arcade-Fire-Alben. Während der Hipster reflexartig vermeidet, irgendetwas wirklich, ehrlich und unironisch wertzuschätzen, ist die Liebe des Metal-Fans zu seiner Musik in seinem Selbstverständnis vor allem eines: true! ›Metal‹ versteht sich noch immer als Fluchtburg für Außenseiter-Kids, wie sie früher im Schulhof mit ihren abgeschnittenen Jeansjacken und ungeschnittenen Haaren immer etwas verachtet im Abseits standen. Das mag heute anachronistisch sein, gehört aber zum mythischen Erbe eines Musikgenres, über das der unlängst verstorbene Jeff Hanneman einmal sagte: ›I fit sounds like I´m standing over a body that´s just been stabbed to death, then it´s perfect.‹«

Geht das so weiter, dann werden wir bald nur noch in Simulationen sehen können, wie ein Mosh-Pit einmal funktionierte und wie man im Circle-Pit abging. Also füllen wir die letzten verbleibenden Nischen, bevor auch diese vom hippen Widergänger kaputt gehypt werden. »Consuming Europe«: Ein Fünfer-Paket brutalst tödlicher US-Zerklopper locken Trashflegel und Faustkeil Events am 8. April nach Reudnitz. Bloodsoaked führen das Konsumentenpack an. Elf Tage später legen die Faustkeil-Steineschmeißer einen drauf: Invoker, S.L.I.A. und Merrimack sollten allein genügen, mal wieder ins Bandhaus zu zuckeln. Aber wer dem neuen Sänger von Cold Aeon die Wurst von der Stulle ziehen oder die Brille von der Nase wischen möchte, hat hierzu die erste Gelegenheit! Und zwischendrin gibt noch das »LE Deathfest« (12.4.) ordentlich aufs Maul. Disbelief, mehr muss man nicht dazu sagen. Und Mimosis als einen Leipzig-Supporter servieren die Metalheadz obendrauf.

Ein Lektüretipp sei noch an dieser Stelle gewährt, auch wenn die Comicwelt mittlerweile ebenso hipsterverseucht ist wie der ganze Rest. Immerhin einen saucoolen Zombie kann man ab April mit »Rachel Rising« begleiten. Schon der Plot liest sich wie ein guter Corpse-Song: Im Morgenrauen wacht Rachel im Wald auf, schleppt sich mühsam nach Hause, um dann festzustellen, dass sie tot ist. Etwas verwundert über ihren Zustand sucht sie ihren Freund, der hat aber schon eine Neue und Rachel fahndet nach dem Grund, warum sie nicht quicklebendig, so ganz tot aber auch nicht ist. Irgendwie kreuzt sie dabei immer den Weg einer mysteriösen Blonden und eines massenmordenden kleinen Mädchens. Kein anderer als Terry Moore, der Erschaffer von »Strangers in Paradise«, hat diesen Zombieschocker erdacht. Credo: »Ich wollte eine verstörende Geschichte zeichnen.« Die schöne, kalte Rachel erweist sich als lässiger Todesengel, dessen Weissagung man jedem Modemist nur an den Hals wünschen kann: »Du wirst bald tot sein. Das fühle ich. Dein Brautbett wird ein flaches Grab sein, deine Lungen voller Schlamm.«

»Consuming Europe«, 8.4., 20 Uhr, 4Rooms
Invoker, S.L.I.A., Merrimack, Cold Aeon, 19.4., 20 Uhr, Bandhaus
»Doom over Leipzig«, 10.–12.4., 20 Uhr, UT Connewitz
»LE Deathfest«, 12.4., 19 Uhr, Halle 5
Terry Moore: »Rachel Rising«, Schreiber & Leser, Hamburg 2014, 128 S., 14,95 Euro

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.