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Im Rausch

Podiumsdiskussion im TdJW thematisiert die aktuelle Drogenproblematik

Crystal, Foto: Mathias Ruemmler Größeres Bild

Haben wir in unserer Gesellschaft ein Drogenproblem oder ist vor allem unsere Sicht auf Drogen, Rausch und persönliche Risikobereitschaft problematisch? Ist es eine Frage von Maß oder von Verzicht? Vermitteln uns die Medien ein verzerrtes Bild der derzeitigen Drogensituation? Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Vorstellung »Crystal – Variationen über Rausch« im ausverkauften Theater der Jungen Welt nahmen letzte Woche unter anderem diese Fragen auf.

Fragen, die das Spannungsfeld verdeutlichen, in dem sich die Diskussion bewegte: nämlich zwischen historisch-soziologischer Betrachtungsweise und der derzeitigen Realität steigender Drogenkonsumentenzahlen und den damit verbundenen Problemen. »Drogen und Drogenkonsum hat es schon immer gegeben«, so der Politikwissenschaftler Robert Feustel von der Universität Leipzig. »Jedoch hat sich ihre Funktionalität im Laufe der Zeit geändert. Nahm man in den siebziger Jahren Cannabis oder Speed, um sein Bewusstsein zu erweitern, nimmt man heute Crystal Meth unter anderem auch, um in einer anspruchsvolleren, schnelleren Gesellschaft besser zu funktionieren.« Aktuelle Studien belegen dies. Das leistungssteigernde Methamphetamin Crystal ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und wird zunehmend von Alltagskonsumenten fernab des klassischen Drogenklientels eingenommen – der Schüler vor seiner Abiturprüfung, der Bäcker, der um vier Uhr früh in der Backstube stehen muss, die Verkäuferin, die eine Zehn-Stunden-Schicht an der Kasse vor sich hat. Der verhältnismäßig niedrige Beschaffungspreis der synthetischen Droge tut da sein Übriges, die Konsumentenzahlen und damit auch die Probleme in die Höhe schießen zu lassen. »Wir sehen in unserer Beratung zunehmend mehr Klienten, die im Kern zwischen 14 und 18 Jahren alt sind. Das Einstiegsalter geht merklich nach unten und die problematischen Konsumgeschichten werden immer kürzer – oft dauert es nur drei bis sechs Monate, bis die Leute mit einem Drogenproblem zu uns kommen«, erklärt Matthias Jentsch vom Projekt Drahtseil in Leipzig.

Doch wie schützt man vor allem die jungen Menschen? Wie erreicht man sie und schafft den Spagat zwischen erhobenem Zeigefinger und alltagstauglicher Prävention und Aufklärung. Denn die klassische Abschreckung beispielsweise durch Kampagnen wie »Faces of Meth« funktioniert schon längst nicht mehr. »Wir müssen den jungen Leuten vor allem eine Risikokompetenz vermitteln und sie in ihrer realistischen Selbstreflexion schulen«, so Sozialarbeiter Jentsch weiter. »Was vertrage ich? Habe ich es unter Kontrolle?« Letztlich geht es also um eine große Portion Eigenverantwortlichkeit im Umgang mit Drogen.

Dabei unterliegen wir alle in mehr oder weniger ausgeprägter Form einem eigenverantwortlichen Suchtrisiko, der mit dem urmenschlichen Verlangen nach Rausch und Grenzerfahrung einhergeht. Begriffe, die ja durchaus auch positiv konnotiert sein können – denkt man zum Beispiel an einen Liebesrausch oder das Glücksgefühl nach einer exzessiv durchtanzten Nacht. Diese menschliche Neigung als ein Ursprung von Sucht künstlerisch und ohne den berühmten Zeigefinger darzustellen, war eine Intention von Heike Hennig, Choreografin des Stückes »Crystal – Variationen über Rausch«. »Das Bedürfnis nach Rausch ist einfach auch ein Ausdruck von Hunger nach Leben, vor dem wir die Augen nicht verschließen können.«

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