Startseite / Konzertkritik | Kultur / Poppig-fröhliche Nachwirkungen

Poppig-fröhliche Nachwirkungen

Hundreds weckten in der Schaubühne alten Liebeskummer und wilde Euphorie

Hundreds konzentriert. Foto: Katrin Haase. Größeres Bild

In surreales Licht getaucht spielten am Mittwochabend der Leipziger Jan Roth und das Hamburger Geschwisterpaar Hundreds vor der gewölbten Orchester-Muschel der Schaubühne Lindenfels und wunderbares Konzert – und entlassen mich aufgewühlt und sentimental in den ersten Mai.

Es tummeln sich Antworten auf Fragen in meinem Kopf, die ich nie gestellt habe, dazu mischen sich Fragen, vor deren Antworten ich Angst hatte. Schuld sind Hundreds. Mit ihrem genialen Konzert haben sie mir den Kopf verdreht.

Eva Milner, die Hundreds-Sängerin und Liedtexterin, tänzelt barfuß und leicht wie eine Fee im Lichtnebel. Umrahmt wird sie links von ihrem Bruder Philipp Milner am E-Piano und an einem riesigen Elektrobaukasten, der wie ein Flipper-Automat aussieht, und rechts von Florian Wienczny am Synthesizer und an einer riesigen Basstrommel, die prächtig wie ein Gong über allem thront.

Mit dem ersten Lied »Seal« zeigen Philipp und Florian erst einmal, wo es lang geht: Elektronisch kratzt und brummt es nur so, das Publikum im ausverkauften Schaubühnensaal tanzt sich ein. Als Eva dann den Opener des neuen Albums »Aftermath« anstimmt, wird eines sofort klar: Sie kann singen, und wie! Jeder Ton sitzt, die Tiefen meistert sie genauso warm, wie ich es vom Album gewohnt bin, und die Höhen klingen weich und schwerelos. Ein Stein fällt mir vom Herzen – da war ich beispielsweise von Me And My Drummer im UT Connewitz schon vorgewarnt, dass dies bei Sinnbus-Bands nicht immer der Fall ist, und somit auf Enttäuschungen vorbereitet. Nicht nötig! Hundreds halten, was ihre beiden Studioalben versprechen.

Auch meine Bedenken, dass nur Lieder vom neuen Album gespielt werden, waren umsonst. Gelungen mischen sie Ruhiges und Schnelles aus »Hundreds« und aus »Aftermath«, sieben alte und neun neue Songs geben die drei vom Besten. Und mit »Aftermath«, »Fighter«, »Beehive«, »Happy Virus«, »Let’s write the streets«, »Stones« und »Little Heart« waren alle Must-haves dabei.

Doch auch eine Angst bestätigte sich: Eva trifft mit ihren Texten und mit ihrer Stimme auch live mitten ins Herz und kratzt so lange an alten Wunden herum, bis sie wieder zu bluten beginnen. Selbst Liebeskummer aus längst vergangenen Tagen kann sie wieder zum Leben erwecken. Darauf sei man gefasst. Im Gegensatz zum puren Schmerz des Debüt-Albums scheint sich jedoch auch Eva wieder wohler zu fühlen – die neuen Lieder sind poppiger, fröhlicher, wilder.

Die Vorband Jan Roth passte mit seinen Liedern ohne Worte perfekt zum Abend. Musikalisch erinnern Jans Kompositionen an den seichten Ludovico Einaudi, nur mit Bums. Mit lautmalerischen Titeln wie »März«, »Glühwürmchen« und »Rinnsal« baut er träumerische Miniaturen, die perfekt als Einstimmung zu einem sentimentalen Abend passen. Für meinen Geschmack hätten die Rhythmen vertrackter und das Piano lauter sein dürfen, dafür hat der Bass ordentlich gebrummt. Das Publikum ist begeistert und das steckt auch Jan an: »Sehr schön, wenn ihr für die Vorband so durchdreht.«

Bei einem Blick auch die Besetzung schwirrt mir der Kopf: Jan Roth ist sonst Hundreds-Schlagzeuger bei Livekonzerten. Nicht jedoch, wenn er schon Support ist, dann trommelt Florian Wienczny für Hundreds. Leipziger kennen ihn als Schlagzeuger von A Forest. Jan Roth tauscht hier die Sticks gegen die Tasten aus und lässt sich von drei namhaften Musikern begleiten, deren Besetzung nicht weniger überrascht: Niklas Kraft sitzt an den Synthesizern, Effekten und Keyboards – keine Spur vom Saxophon, mit dem er sich in Leipzig schon einen Namen gemacht hat. Marcel Aue an Samplern und Effektgeräten hat sich unter dem Pseudonym DJ Malik als ein früher Weggefährte Cluesos bekannt gemacht und auch der Schlagzeuger Paul Tetzlaff ist seit 2004 Bandmitglied bei Clueso.

Die Erkenntnisse des Abends ist also: a) Auch eine instrumentale Vorband kann vom Publikum bejubelt werden; b) Leipzig (Jan Roth) ist vernetzt mit Hamburg (Hundreds) ist vernetzt mit Erfurt (Clueso/Zughafen) ist vernetzt mit Berlin (Label Sinnbus); c) wirklich gute Musiker klingen live wie auf Platte und können alle Instrumente spielen, ALLE; d) Jeder kennt jeden. Conclusio: Jeder ist austauschbar.

Wer das Konzert am Mittwochabend verpasst hat, kann das am 17. Dezember 2014 im Täubchenthal nachholen. Leider ohne das Lichtspiel in der genialen Kulisse der Schaubühne Lindenfels.

Kommentieren

Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. Onlineredaktion | 2. Mai 2014 | um 15:18 Uhr

    Sehr geehrteR rarara, das ist jetzt aber nicht gerade ein Musterbeispiel für konstruktive Kritik. Was gefällt Ihnen denn nicht am Text? tp