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Grenzen der Sportlichkeit

Die Denkmalstiftung lud zur Führung durch die Hauptpost ein – Kritik war unerwünscht

Geht hier die Post ab? Foto: Tobias Prüwer. Größeres Bild

Bio-Markt, Privat-Mensa, Auto-Salon: Bei der Neunutzung der Post geraten die Bauherrn ins Schwärmen. Denkmalschutz kann da nur stören, wenn der 60er-Jahre-Bau als Eyecatcher ausgeschlachtet wird. Warum macht da aber die Denkmalstiftung mit?

Eins »auf die Fresse« vom kreuzer erwartete Jörg Zochert von der Leipziger Projektentwicklungsgesellschaft KSW wegen des Umbaus der Elsterwerke (kreuzer 03/2014). Das nehme er aber sportlich. Er versteht sich also als fairer Player, doch die Grenzen seiner Sportlichkeit zeigten sich am Samstag beim Rundgang der Leipziger Denkmalstiftung durch die Leipziger Hauptpost, die die KSW umbauen möchte.

Bei der gut besuchten Führung fand der Kunsthistoriker Steffen-Peter Müller, für denkmalpflegerische Belange beim Bauherren des Projektes tätig, treffende Worte: Die Hauptpost am Augustusplatz besitzt einmalige ästhetische Qualitäten und mit der Aluminium-Vorhangfassade gehört das 1961–1964 errichtete Haus in seiner Zeit zu den modernsten Bauten der DDR.

Man möchte ergänzen, dass die Post eine geradezu atemberaubende Leichtigkeit besitzt und hinter den schlichten Details und der funktionalen Struktur eine einmalige Architektur steckt. Das Haupttreppenhaus atmet eine geradezu barocke Großzügigkeit, die erhaltene Ausstattung wie Lampen, Uhren, Geländer und selbst die gläsernen Telefonzellen vereinigen sich zu einem zusammenhängenden Ensemble des zeitgenössischen Designs. Und nicht zuletzt ist die Fassade zum Augustusplatz mit ihrer Höhenausbildung sensibel auf die benachbarte Oper abgestimmt. Ja, Jörg Zochert muss man nur zustimmen, wenn er vor dem bunt gemischten Publikum sagte, die KSW halte einen Schatz in den Händen.

Die Frage ist nur, ob die KSW darunter den einzigartigen Bau oder in erster Linie Renditeabsichten versteht, die mit einem wattigen Nebel wohlklingender Worte verhüllt werden. Denn als Müller und Zochert in die Details des Projektes gingen, kamen von den Teilnehmern kritische Fragen: Warum wird die Vorhangfassade völlig neu geschaffen, statt da Original saniert? Wozu die Aufstockung, die die Proportionen des Bauwerks und seine stadträumliche Wirkung verändern? Da wurden die Vertreter des Bauherrn schmallippig und versuchten zur Tagesordnung überzugehen.

Viel lieber erzählten sie, was das Gebäude aufnehmen soll: Bio-Supermarkt, eine privat geführte Mensa, den Show-Room einer in Leipzig ansässigen Auto-Firma, schicke Wohnungen natürlich. Dafür müsse auch der Hof überbaut werden. Und spätestens als den Besuchern das Dach mit seiner einmaligen Aussicht gezeigt wurde, schien der Rundgang in eine Marketing-Veranstaltung abzugleiten: Hier sollen Räume mit dem besten Blick auf die Stadt entstehen.

Doch auch manche Teilnehmer goutierten Nachfragen nicht. Das seien alles kleine Details, nur für Fachleute von Belang. Viel lieber ergingen sie sich in Erzählungen über die frühere Arbeitsstätte. Nichts gegen die Erlebnisgeneration, aber wenn bei einer Führung der Denkmalstiftung nicht über denkmalpflegerische Belange geredet werden kann, dann läuft etwas schief.

Und noch etwas lässt sich daraus schließen: Ziele des Denkmalschutzes, nämlich weitestgehender Erhalt der alten Substanz, von Gebäudestruktur und Ausstattung, besitzen keineswegs eine breite Basis jenseits der Fachkreise. Denn die große Diskrepanz zwischen den schönen wohlgesetzten Worten von Müller und Zochert zum Denkmalwert des Hauses und den praktischen Umsetzungsideen fiel nur wenigen auf.

Wenn die beiden Protagonisten die Hauptpost als einzigartiges Beispiel der DDR-Moderne darstellen, das weiterentwickelt und in die Jetztzeit »transformiert« werden könne, offenbaren sie eine tief sitzende Negierung des Hauses als zeitgenössisches Dokument. Denn diese Veränderung bedeutet in der Praxis die weitgehende Entkernung mit anschließender Applizierung alter Details. Für den Bauherrn ist die überkommene Substanz und Struktur mehr ein Selbstbedienungsladen zum Aufhübschen und Inwertsetzen der zukünftigen Nutzung. Die 60er sind gerade in, alte Ausstattungsstücke können so als hippe Eyecatcher dienen, als ein Standortvorteil im Immobilienwettbewerb. Nichts gegen eine zwingend tragfähige, gewinnorientierte Nutzung: Aber der Drang, mit der geplanten Aufstockung dem Bau ein neues Gesicht zu geben, zeugt geradezu von einer bewussten Missachtung des Denkmalwertes. Das zeigt sich auch an der geplanten Neuschöpfung der Vorhangfassade, die doch gerade zur baugeschichtlichen Bedeutung des Hauses beiträgt.

Sportlichkeit hätte bei der Führung bedeutet, Einwänden angemessenen Platz einzuräumen. Dies war vor großem Publikum nicht der Fall. Jörg Zochert kann beim Fairplay doch noch einiges lernen – auch ohne den kreuzer. Und die Leipziger Denkmalstiftung als Organisatorin muss sich fragen lassen, warum sie bei der Führung dem kritischen Austausch nicht breiteren Raum gegeben hat.

http://www.leipziger-denkmalstiftung.de, http://www.thepostleipzig.com

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