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Get lucky!

Oder wie Unglücklichsein im kapitalistischen Realismus aussehen könnte: Das f/stop-Festival im Schnelldurchlauf

Beni Bischof »Handicapped Car«, 2014 Größeres Bild

Bis zum Sonntag wartet das 6. Festival für Fotografie auf der Spinnerei sowie bei den Komplizen und Satelliten mit Positionen und Veranstaltungen zur Fotografie »als nützliche Dienerin« des Glanzes und damit Vollstreckungsgehilfin der Glückstyrannei auf.

In letzter Zeit erlebt die sogenannte Postmoderne der Achtziger eine Wiederkehr ungeahnten Ausmaßes und dies beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf die Hipstermode. Damals als Lyotard oder Fredric Jameson die Gespinste der Macht und ihre Seilschaften sezierten und auf die dringende Notwendigkeit einer kritischen Stellungnahme zum multinationalen Kapitalismus im Kultur- und Kunstbetrieb verwiesen, begann die Fotografie mit ihrem Durchmarsch als anerkannte künstlerische Position.

So verwundert es nicht, dass das diesjährige f/stop unter Rückgriff auf einen Ohrwurm das gesellschaftlich verordnete Glücklichsein auf seine Bruchstellen hin sortiert. Die Organisatoren – Christin Krause und Thilo Scheffler – lassen zudem Mark Fisher im Katalog zu Wort kommen. Er beschrieb 2013 in seinem Essay zum kapitalistischen Realismus nicht nur die Desillusionierung im sozialen Leben mit den dazugehörigen Krankheitssymptomen, sondern belebte auch den längst vergessen geglaubten Begriff des Klassenbewusstseins. Allerdings scheint heute mehr denn je zu gelten: »Ohne Bewusstsein, das muss kein Verlust sein.«

Wie kann die Kunst im Allgemeinen und die Fotografie im Speziellen bei diesem uralten Konflikt zwischen Sein und Bewusstsein helfen und das Verheddern in Klischees umgehen? Die Arbeiten in der Hauptausstellung konzentrieren sich in der Mehrzahl auf Schattenseiten – wie Depression oder Gewalt – und schwanken auf dem schmalen Grat zwischen banal und komplex. Details aus der Schokoladenproduktion (Stephanie Kiwitt »Côte d’Or«, 2014) oder mit Bockwurstscheiben malträtierte Hochglanzmagazinseiten (Beni Bischof »Meta Fashion Mags«, 2011) können den inneren gesellschaftlichen Widerspruch bebildern, müssen es aber nicht zwingend. Auch Phil Collins, der mit seiner Serie »free fotolab (berlin)« aus dem Jahr 2010 vertreten ist, zeigte bereits pointiertere Arbeiten zum Thema. Geschichten von Lampedusa – losgelöst von den in den Medien verbreiteten Bildern – erzählt Marco Poloni in seiner Serie »Displacement Island« aus dem Jahr 2006. Hier tritt dann auch das Ausschlussverfahren vom Glück auf den Plan, dessen Stetigkeit bis heute anhält.

Mit dem Film »Blaue Perle« von Jana Schulz taucht ein weiterer Moment auf, der nur den selbstbestimmten Rausch als Glück benennt, bei dem das Ich bei sich sein kann und sich so dem von außen gestellten Anforderungen kurzzeitig entzieht.

Einen Zugang zum Ich ganz anderer Art zeigt Erik Kessels bei Spinnerei archiv massiv mit der Präsentation von über 2.000 Selfies, auf denen Füße zu sehen sind. Die Option mittels eines technischen Geräts jederzeit sich selbst nach eigenem Geschmack und Können abzubilden, verspricht möglicherweise den ewigen Nörglern gegenüber Machtverhältnissen in der visuellen Kultur den Garaus zu machen. Ich bestimme selbst darüber, was wer wie von mir sieht, oder folge selbstbestimmt den Stereotypen. Ob nun Selfies die Option darstellen, um die von Fisher konstatierte Hoheit zu Veränderungen herbeizuführen, wird die Zukunft zeigen. Eine ebenfalls spannende Frage wäre, was sich daraus für die Fotografie an sich ergibt.

Der Berliner Gestalter Mario Lombardo lud für den Bereich f/stop Print Daniel Josefsohn, Hanna Putz, Daniel Sannwald und Jonas Unger ein, die als gestandene Magazinfotostreckenerfinder zu den Spezialisten für Glücksmomente und/oder -tyrannei gezählt werden können. Aus den Magazinen an die Wand, frei von Text und Gestaltung müssen nun die Fotografien den Kunsttest bestehen.

Die Komplizen und Satelliten ergänzen das f/stop-Programm auf unterschiedlichste Art und Weise. Bei Alabama Sir können etwa in der Serie »Heimat« von Nora Bibel die Wege und Ideale von vietnamesischen Menschen nachverfolgt werden, die ihr Land verließen, um anderswo ihr Glück zu finden. Dass der Weg oftmals wieder zurückführte, stellt eine Variante dar. Wirklich großes Glück haben Sophia Kesting und Dana Lorenz mit ihrem fortdauernden Projekt zum Wilhelm-Leuschner-Platz, das im Ortloff zu sehen ist. Von den hohen Plänen eines Platzes der Friedlichen Revolution ist dieser heute entfernter denn je. Des einen Glück, des anderen Leid.

Alle Ausstellungen und Veranstaltungen finden sich unter http://www.f-stop-leipzig.de

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