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»Fans schlugen uns für den Friedensnobelpreis vor«

Die israelische Metal-Band Orphan Landed im Interview

Chen Balbus, Foto: Ami Bornstein Größeres Bild

Orphaned Land ist ein Phänomen: Die Metal-Band aus Israel verbindet harten Gitarrensound mit orientalischer Musik. Und eine weitere Seltenheit macht das Quintett aus: Sie widmen ihre Texte der friedlichen Koexistenz der Kulturen, besingen die Versöhnung von Judentum, Christentum und Islam. Im Gespräch erklärt Gitarrist Chen Balbus, wieso diese Themen die Band, die letztens auf dem WGT zu Gast war, bewegen.

kreuzer-online: Ihr aktuelles Album »All is One« ist direkter, härter als seine Vorgänger. Warum?

CHEN BALBUS: Die früheren Alben waren sehr komplex und progressiv, hatten längere Songs und komplexe Gitarrenriffs und so weiter. Da kam uns die Idee, mal etwas Neues auszuprobieren, etwas, dem einfacher zuzuhören und das leichter zu verstehen ist. Das hatten wir zuvor noch nie gemacht – und es ist das bis jetzt erfolgreichste unserer Alben geworden.

kreuzer-online: Es wurde in Israel, in der Türkei und in Schweden aufgenommen – Zufall, dass es sich um jüdische, muslimische und christliche Länder handelt?

BALBUS: Ja, das war ein netter Zufall zu sehen, dass das Album seinem Titel »Alles ist eins« entsprechend in Ländern mit den drei monotheistischen Religionen entstand.

kreuzer-online: Der Name weist darauf hin, dass Juden und Muslime Nachkommen von Abraham sind?

BALBUS: Genau. Der Song »Brother« handelt sogar direkt von der Geschichte über Isaak und Ismael als Anspielung auf den Krieg zwischen Juden und Arabern heutzutage – wir sind alle Brüder, wenn man mal zurückschaut.

kreuzer-online: Sie nennen Ihren Stil Oriental Metal. Was bedeutet das?

BALBUS: So, wie sich die Genre des Schwedischen oder des Finnischen Metals entwickelt haben, als sie ihre Kultur als Einfluss auf ihre Musik nutzten, ist es auch bei uns. Wir nahmen alle möglichen Dinge unserer Herkunft und Kultur als Inspirationsquellen und kombinierten diese mit unserer Musik. Daraus kreierten wir das Oriental Metal genannte Genre, eben als eine Band des Mittleren Ostens.

kreuzer-online: Welche – musikalischen – Einflüsse inspirieren Ihre Arbeit?

BALBUS: Jeder von uns bringt sein eigenes Ding mit von seinen Wurzeln her. Beispielsweise ist unser Bassist Ägypter und Tunesier und ich bin zum Teil spanisch. Wir nehmen unsere traditionellen Elemente und überlegen, wie wir diese im Metal nutzen können.

kreuzer-online: Einigkeit durch Musik könnte man das Prinzip nennen, nach dem Sie agieren?

BALBUS: Orphaned Land ist heute eine der einflussreichsten Bands da draußen, die für den Frieden durch die Kraft der Musik werben. Wir sagen immer, dass Musik unsere Religion ist und diese hat sich als erfolgreich erweisen, Schranken zu durchbrechen und uns alle zu einen – koste es, was es wolle.

kreuzer-online:
 Heavy Metal wird gemeinhin mit Gewalt assoziiert, mit Hass und Unmenschlichkeit. Sie verkünden da eine weit versöhnlichere Botschaft – sehen Sie da keinen Widerspruch?


BALBUS: Ich glaube, dass Metal das ehrlichste und rauste Genre von allen ist. Du bekommst hier die Chance, der Welt deine eigene Wahrheit mitzuteilen. Weil Metal für viele Leute solch eine einflussreiche Musikrichtung ist, könnte sie sogar als eine Art Religion erachtet werden. Es ist der beste Weg, das Licht und das Gute zu zeigen, statt nur die dunkle Seite.

kreuzer-online: Ist ihr Ziel, das Verständnis der Menschen mit verschiedenen Glauben und ohne Glauben für einander zu vertiefen?

BALBUS: Ja, das wollen wir verbreiten und jedem zeigen, dass für irgendeinen Krieg und Hass keine Notwendigkeit besteht. Immerhin sind wir alle Menschen und wir müssen uns gegenseitig respektieren und für eine bessere Zukunft in Harmonie leben.

kreuzer-online:
 Sie dürfen in arabischen Ländern nicht spielen, haben dort aber viele Fans. Wie fühlt sich das an?

BALBUS: Besser als ich das mit Worten beschreiben kann. Eine israelische Band wird von unzähligen arabischen Fans unterstützt, während unsere sogenannten politischen Führer uns kein Leben in Frieden schaffen können.

kreuzer-online: 
Sind Sie eine jüdische Band?

BALBUS: Alle Bandmitglieder sind jüdisch, aber Orphaned Land selbst hat keine andere Religion außer der Metal-Musik.

kreuzer-online:
 Sie haben mal gesagt, dass Sie sich als Botschafter des Mittleren Osten fühlen. Was heißt das?

BALBUS: Orphaned Land ist erfolgreich darin, Menschen verschiedener Kulturen und Religionen enger zusammenzubringen, als es die Politiker je getan haben. Fans haben sogar eine Online-Petition eröffnet, um uns für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Für uns ist das eine erstaunliche Leistung, als Metal-Band Menschen so zu beeindrucken.

kreuzer-online:
 Wie würden Sie die Metal-Szene in Israel skizzieren?

BALBUS: Sie wächst größer und größer. Jeden Tag scheint es, kommen Bands hinzu, die sich formieren, nach draußen, weltweit touren. Wir haben eben in Israel keinerlei Restriktionen, Metal zu spielen.

kreuzer-online:
 Besonders im Black Metal gibt es auch antisemitische Fans und Bands. Hatten Sie da Probleme oder unangenehme Begegnungen?

BALBUS: Glücklicherweise haben wir nichts erlebt, an das man sich erinnern oder zuviel Aufmerksamkeit schenken müsste. Selbst wenn wir ein paar böse Kommentare hatten: Wir geben denen einfach unseren Segen und hoffen, dass sie einen besseren Weg finden werden als den Hass.

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