Startseite / Filmkritik / Bastardin, Fotografin und Mädelsabend

Bastardin, Fotografin und Mädelsabend

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

findingvivianmaier Größeres Bild

Mehr und weniger starke Frauen stehen in dieser Woche im Mittelpunkt der Filmstarts. Sei es die Fotografin Vivian Maier, die das 20. Jahrhundert auf den Straßen der USA festhielt, oder die Schriftstellerin Violette Leduc, die den französischen Zeitgeist jener Tage in ihren Worten einfing – mit unterschiedlichen filmischen Herangehensweisen porträtieren die beiden Filme »Violette« und »Finding Vivian Maier« zwei geniale Künstlerinnen, die einen faszinierenden Blick auf die 50er und 60er Jahre offenbaren. Das US-Mainstreamkino zeigt mit »Mädelsabend« derweil mal wieder altbacken, wie sich eine Karrierefrau der Lächerlichkeit preisgibt, um am Ende in den rettenden Armen von Prince Charming zu liegen. Gut, dass wir die Wahl haben. Erhellende Momente im Kino und viel Spaß mit einem Ausblick auf den spannenden Kinomonat Juli im neuen kreuzer.

Die Zeiten, in denen Archäologen sensationelle Schätze ausgraben, sind lange vorbei. Ab und zu gelingt einem Menschen aber dann doch eine Sensation. Der Amerikaner John Maloof, ein junger Fotograf und Historiker, entdeckte in einer Flohmarktkiste unentwickelte Negativrollen, auf denen sich faszinierende Bilder des Alltags auf den Straßen von New York in der Mitte des 20. Jahrhunderts befanden. Wer hatte diese Gabe, dieses Auge für unscheinbare Details, um Momentaufnahmen von solch einer Kraft einzufangen? Die Spurensuche ließ ihn nicht mehr los und so stieß er auf Vivian Maier, eine Nanny und leidenschaftliche Hobbyfotografin. Ihre Vergangenheit liegt im Dunkeln. Die Kinder, die in ihrer Obhut heranwuchsen, erinnern sich nur noch an eine seltsame Frau mit steifem Gang und einer besessenen Sammelleidenschaft.

Maloof und der Produzent und Regisseur Charlie Siskel zeichnen anhand von Fotos, Filmaufnahmen und Berichten ein einnehmendes Porträt einer einsamen Frau, die davon getrieben war, die Zeit festzuhalten. Wir begleiten die Filmemacher auf ihrer mitreißenden Mission, ein unbekanntes Genie der Fotokunst in den Geschichtsbüchern zu verankern.

Finding Vivian Maier: ab 26.6., Passage Kinos

Die Schriftstellerin Violette Leduc und ihr 1964 erschienener autobiographischer Roman »Die Bastardin« wurden zum Inbegriff der französischen Frauenbewegung. Aber der Weg dorthin war ein steiniger, von Selbstzweifeln geprägter. Als uneheliches Kind eines Dienstmädchens und eines wohlhabenden Bourgois wuchs sie in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Beziehungen zu den Schriftstellern Maurice Sachs und Jacques Mercier scheiterten an ihrem gestörten Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt. Vor allem an ihrem Verhältnis zur lieblosen Mutter hatte sie schwer zu tragen. Als Violette (Emmanuelle Devos) sich in Paris niederlässt, ist sie dennoch die einzige, die sie in ihr Leben lässt. Bis Violette die erfolgreiche Schriftstellerin Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain) kennen und lieben lernt. Beauvoir ermuntert sie zum Schreiben und wird ihre Mäzenatin. Doch trotz des Beifalls namhafter Künstler wie Sartre oder Jean Genet für ihre direkte, unverblümte Art zu schreiben, lassen sie die Komplexe nie los.

Dies fordert auch vom geneigten Kinogänger viel Kraft, denn Violette war äußerst schwierig im Umgang mit ihren Mitmenschen. Ihr stetes Hadern mit sich selbst und das Baden in Selbstmitleid sind mitunter schwer erträglich. Doch Martin Provosts (»Séraphine«) Entmystifizierung eines literarischen Genies geht auf, auch dank der großartigen Verkörperung der Autorin durch Emmanuelle Devos (»Coco Chanel«). Violettes eigenem Bild als hässlicher Freak entspricht sie zwar ganz und gar nicht, sie macht den Eindruck aber durch ihre beeindruckende Leinwandpräsenz wett. So ist »Violette« kein hochglanzpoliertes Denkmal einer Pionierin der Frauenliteratur, sondern vielmehr ein vielschichtiges Porträt einer Getriebenen, ebenso genial wie grenzgängerisch.

Violette: ab 26.6., Passage Kinos

Hollywood erschließt neue Wege, die weibliche Zielgruppe ins Kino zu locken. Nach dem riesigen Erfolg von »Brautalarm« sind es nicht mehr nur romantische Komödien, die an der Kasse funktionieren. Der neue Typ Frau bechert und reißt schmutzige Witze. So will es das Publikum. Allerdings wollte das in den USA scheinbar niemand bei Elizabeth Banks (»Die Tribute von Panem«) sehen. Der »Mädelsabend« floppte und schuld daran ist wohl das nicht gerade originelle Drehbuch von Steven Brill (»Little Nicky«) .

In Mittelpunkt des dünnen Plots steht die ehrgeizige Journalistin Meghan Miles (Elizabeth Banks), die von einer goldenen Zukunft als Nachrichtensprecherin bei einem großen Sender träumt. Als der sicher geglaubte Job allerdings platzt und sie dann auch noch von ihrem Freund sitzen gelassen wird, kommt das Besäufnis mit ihren besten Freundinnen gerade recht. Meghan landet allerdings unfreiwillig vor der Tür und in den Armen eines schönen Unbekannten (James Marsden). Eine feucht-fröhliche Nacht später schleicht sie sich aus dessen Wohnung und eine Odyssee ohne Geld, Auto und Handy beginnt.

Die grundsätzliche Prämisse, ohne Hab und Gut durch eine Stadt zu driften, in der Geld alles bedeutet, ist dabei durchaus interessant. Zumal Meghan sich aufgrund der aufreizenden Kleidung, die sie vom Vorabend trägt, ständig rechtfertigen muss, keine Prostituierte zu sein. Auf der Zielgeraden geht dem Film dann jedoch die Puste aus und Brill ist damit beschäftigt, alles auf eine möglichst harmonische Linie hinzubiegen. Insgesamt also nicht so platt wie es der deutsche Verleihtitel befürchten lässt, allerdings auch kein Highlight in der vielversprechenden Karriere von Elizabeth Banks.

Mädelsabend: ab 26.6. CineStar, Regina

 

Die Filmtermine der Woche

5 Jahre Filmriss Filmquiz

Is’ was Doc? Was tun wenns brennt? Was ist mit Bob? What’s new, Pussycat? Auf diese Fragen haben auch wir keine Antwort, aber dafür jede Menge andere, auf die ihr eine habt! Wer steckt in R2D2? Warum heißt Dr. Jones Indiana? Womit reist Doc Brown »Zurück in die Zukunft«? Wir feiern 5 Jahre Filmriss Filmquiz und ihr bekommt die Geschenke! Am kommenden Freitag eröffnen wir die Open Air-Saison mit neuen Spielen und frischen Gewinnen! Wir haben einige Überraschungen und kistenweise feine Preise für euch – T-Shirts, DVDs, CDs und jede Menge Freikarten werden großzügig verteilt! Wenn ihr euch fit für die Filmwelt fühlt, seid dabei – in groß, in Farbe und OpenAir!

27.6. 20.30 Uhr, Conne Island Freisitz (bei Regen im Saal), kreuzer verlost 3×2 Freikarten. Mail mit Betreff »Filmriss Filmquiz« an film@kreuzer-online.de

 

AusBlick! Sonntagspreview: Eine ganz ruhige Kugel

Die Freunde Momo und Jacky halten sich mit Gelegenheitsjobs und als Kleinkriminelle über Wasser. Als eine internationale Boule-Meisterschaft mit einem Preisgeld von 500.000 € ausgelobt wird, wollen die Freunde diese Chance nutzen und sie trainieren für die Meisterschaft. Momo wird ins Team der französischen Nationalmannschaft gewählt, doch aufgrund algerischer Abstammung dort nicht zugelassen. Eine neue Lösung muss her. Unterhaltsame Komödie über Männerfreundschaft und den französischen Volkssport No. 1 mit Gérard Depardieu und Virginie Efira.

29.6. 17.30 Uhr, Passage Kinos

 

Tour du Faso

Die Tour du Faso ist ein Mythos unter Radsportfans und Rennfahrern auf der ganzen Welt. Das größte Radrennen Afrikas hat sich über die Jahre seinen eigenen, afrikanischen Charakter als unorthodoxe und viel sympathischere Kopie des europäischen Originals bewahrt. Dokumentarfilm von Wilm Huygen.

28./29.6. 17.30 Uhr, Schauburg

 

Klubkinoklub

Heute steht die französische Filmemacherin Claire Denis im Fokus von Diskussion und Film. Die preisgekrönte Regisseurin fordert den Zuschauer heraus und hat mit ihrer eigenen Handschrift dem europäischen Kino eine ganz spezielle Note verpasst. Claire Denis kam in Paris zur Welt, wuchs jedoch bis zum 14. Lebensjahr in Französisch-Westafrika auf. Nach ihrem Abitur studiert sie Film an der Hautes-Etudes Cinématographique in Paris und arbeitet zunächst als Regieassistentin für Constantin Costa-Gavras, Wim Wenders, Jim Jarmusch und Jacques Rivette. Mit »Chocolat« drehte sie 1988 ihren ersten Langfilm, eine autobiographisch geprägte Geschichte um eine junge Französin, die nach 20 Jahren aus Kamerun zurück in ihre Heimat kehrt. Es folgte »Man No Run«, eine Dokumentation über Têtes Brulées, eine Band aus Kamerun, bevor sich Denis mit ihrem zweiten Spielfilm »Ich kann nicht schlafen« mit der Schwierigkeit menschlicher Beziehungen befasste, ein zentrales Thema ihrer folgenden Filme. »Nénette et Boni« wurde 1996 als bester Film mit dem Goldenen Leoparden beim Filmfestival in Locarno ausgezeichnet. Auch ihr Film »Der Fremdenlegionär« wurde auf vielen Festivals ausgezeichnet. In beiden Werken spielt Gregoire Colin die Hauptrolle, mit dem Denis häufig zusammen arbeitet.

30.6. 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.