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Weltmeisterschaft Emptiness

Die WM hat uns fertiggemacht – und ist jetzt zum Glück vorbei

Den Pokal hielt sich Matthäus 1990 noch an ganz andere Körperteile Größeres Bild

Ich trinke gerade eine Cola, die heißt Per. So wie Per Mertesacker, nehme ich an, obwohl ich das aufgedruckte Autogramm beim besten Willen nicht entziffern kann. Ich trinke Cola nur an Katertagen. Heute ist ein Katertag. Die WM ist vorbei, Deutschland ist Weltmeister, ich bin am Ende und versuche, mich mit Cola wiederzubeleben.

Per. Dank Per gibt es meine beiden Lieblings-WM-Hits: Eis, Eis, Tonne und Mertesacker Emptiness. Eine geniale Fußballernamen aufzählende Version meines damaligen (also ungefähr zu der Zeit, als Kahn noch am Torpfosten hockte statt an der Copacabana) Lieblingslieds der Manic Street Preachers. Völler, völler, völler!

Apropos Völler. Bei dem ersten internationalen Fußballturnier, das ich als Fernsehzuschauer verfolgte, brach sich Es-gibt-nur-ein-Rudi-Völler seinen Arm und spielte erst mal weiter. Seit dieser EM 92 (und wegen Thomas Häßler) bin ich Fan der deutschen Nationalmannschaft. Das kann seitdem niemand mehr ändern. Auch dumpfbackige Nasen nicht, die Fußball-WM mit Krieg und Fan-Sein mit Vaterlandsstolz verwechseln. Denen nicht das Feld überlassen, das war schon 2006 das Ziel, als ich tatsächlich Tränen im Gesicht hatte am Ende des Halbfinales. Das zur Erklärung von Folgendem.

Ich bin Auto-Korso gefahren. Mit Hupen und Fenster-Auf und Brüllen und dem ganzen Rotz. Nach dem Halbfinale war das. Als eh keiner mehr wusste, was eigentlich los ist. Als wir uns beim 1:0, beim 2:0, beim 3:0 noch übermütig freuten und bei jedem weiteren Tor das entsetzte Mitleid etwas größer wurde. In der Dummy gab es Letztens ein Interview mit dem Nationaltrainer von San Marino, der in seiner 15-jährigen Karriere jedes Spiel verloren hat. Jedes verdammte Spiel. Und der erzählt, dass am schlimmsten das 0:13 gegen Deutschland war: »Weil die einfach nicht aufgehört haben.« Und so raunen wir uns die ganze Zeit zu: Sie hören einfach nicht mehr auf. Wir hören auch einfach nicht mehr auf, Bier zu trinken. Und dann ist da der Junge mit dem alten Benz, in den wir uns reinquetschen, um dann aus den Fenstern zu hängen und fremde Leute abzuklatschen und «Siebenzueins, siebenzueins, siebenzueins« zu lallen. Am Floßplatz rennen halbnackte Jungs auf uns zu und brüllen: »Eins, zwei drei, Oberkörper frei!« Irgendein Witzbold unsererseits kontert mit »Eins, zwei, drei, Unterkörper frei!« Glücklicherweise kommt niemand dieser Aufforderung nach. In Connewitz zeigt uns jemand den Mittelfinger, in Gohlis ist überhaupt niemand zu sehen. Wir dichten: »Hallo Gohlis, wo nix los ist!« Am Ring sind auch noch andere, die hupen. Leute winken uns zu oder schauen komisch. Vielleicht, weil wir grün-gelb-blaue Hüte tragen.

Billige Fanartikel aus Brasilien, die es da an jeder Ecke in Massen gibt. Tröten, Rasseln, Plastikhüte wahlweise in Basecap- oder Cowboyhutform. Alles grün-gelb. Die haben wir alle ausgepackt zum Eröffnungsspiel, als wir zum privaten Public Viewing laden. Lili, Brasilianerin und Mitbewohnerin, hat Feijoada gekocht, was gut ankommt, wobei wir die Gäste nicht darüber informieren, dass dieses brasilianische Gericht neben Bohnen zum großen Teil aus Schweineschwanz und Schweineohr besteht. Und dann sagt Lili plötzlich: Sie hofft, dass Brasilien verliert. Am besten alle Spiele. Dabei bezeichnet sie sich selbst als Patriotin, hat uns schon oft erzählt, wie sehr sie Brasilien, ihr Heimatland, mag. Und gerade deswegen ist sie gegen diese WM. Weil sie Brasilien nichts Gutes bringt. Weil all das Geld besser in Bildung, ins Gesundheitswesen, gegen Korruption und Kriminalität eingesetzt gewesen wäre. Statt in viel zu viele Stadien, die jetzt kein Mensch mehr braucht. Und weil Lili gegen diese WM in Brasilien ist, ist sie auch gegen das brasilianische Team. Denn sie kann da nicht jubeln. Also feuert sie Kroatien an. Und wir sitzen etwas bedröppelt mit unseren grün-gelben Rasseln und wissen jetzt auch nicht so genau. Fußball ist halt auch nicht einfach nur Fußball. Später erklärt sie uns, dass auch der Schiri gekauft war. Wer Geld für fünf Stadien mehr hat, der hat ja wohl auch Geld für einen Schiri. Für alle, die auch nicht mehr wissen, wie das Eröffnungsspiel eigentlich war, die Kollegin hat es bestens zusammengefasst.

Man kann sich ja wirklich nicht mehr an alle Spiele erinnern. Ich erkläre im Viertelfinale, dass das das erste Belgien-Spiel ist, das ich sehe. Später stelle ich fest, es ist mein drittes. Die Erinnerung verschwimmt. Drei Spiele pro Tag in der Vorrunde, wer soll das schaffen? Im SZ-Magazin lese ich, wie Ehen darunter leiden, dass der Mann alle Spiele, die Frau gar keine Spiele sehen will und man sich dann auf Kompromisse einigt wie »nur die Deutschland-Spiele«. Ich bin froh, dass ich nicht verheiratet bin und so viele Spiele sehen kann, wie ich will.

Eis, Eis, Hammer

Eis, Eis, Hammer

Spanien-Holland zum Beispiel. Ein Knaller. Leider verpassen wir den ersten Elfmeter, weil wir zur Zubereitung unseres Caipirinhas festgefrorenes Eis mit dem Hammer aus dem Kühlschrank kloppen.

Oder all diese Verlängerungen nach Mitternacht, die man durchsteht, weil man jetzt eh schon so lange durchgehalten hat. Und irgendwann muss ja mal was passieren. Zum Glück hat jemand das Elfmeterschießen erfunden.

Ich schaue an allen möglichen Orten.

Im Piratengarten, wo bei 18-Uhr-Spielen auf der Leinwand überhaupt nichts zu sehen ist außer Bier-Spuren, die da jemand drauf verkippt zu haben scheint und wo die Sonne jeden Spielzug überscheint.

Im Hof des Tempels, der aussieht wie eine Baustelle und wo einem beim Bierkauf gleich noch ein Pfeffi in die Hand gedrückt wird. Jemand hat eine kiloschwere Wassermelone mitgebracht. Davon gibt’s auch noch ein Stück dazu. Gratis.

Im Garten der GfZK, wo sich alle Brasilienfans zum Caipi-Trinken treffen.

Im Plagwitzer Hinterhof eines Freundes, wo sich ein Kind lieber einen Pappkarton über den Kopf stülpt, als zuzusehen, wie Klinsmanns US-Mannschaft ins Achtelfinale einzieht.

Im Prager Frühling, wo uns irgendwann der Hintern wehtun, weil zwei Mal neunzig Minuten auf Holzstühlen zu schmerzhaft sind.

Im Goldfisch, wo ich in Neymars Gesicht sehen muss, was wirkliche Schmerzen sind.

Im Volkshaus, wo ich Nackenstarre bekomme, weil nur noch in der ersten Reihe Plätze frei waren.

Ich fahre sogar nach München, um dort mit einer Freundin zusammen zu schauen, weil das deutsche Team noch nie verloren hat, als wir gemeinsam geschaut haben. (Deswegen hat das gegen Algerien noch geklappt. Wisst ihr Bescheid jetzt. Das mit dem Finale hat übrigens wegen David Hasselhoff geklappt. Erst die Wiedervereinigung, jetzt der Titel. Gibt ihm Stadionbesucher Gauck endlich das Bundesverdienstkreuz?)

Inzwischen habe ich Muskelkater im Schienbein. Ungefähr seit dem Abpfiff des Finalspiels. Ich weiß nicht, woher der kommt. Muss vom ganzen Rumsitzen sein. Oder ich bin inzwischen zu sehr mit Bastian Schweinsteiger verbunden. Wer ihn tritt, tritt auch mich. Zum Glück fing ich nicht an, unter dem Auge zu bluten. Diese WM war auch ganz großes Leiden. Und ist jetzt vorbei. Man kann endlich wieder endlos Serien gucken.

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