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Everything melts

Festivaltagebuch: Ein Sonntagsausflug zum Melt

Portishead, Foto: Stephan Flad Größeres Bild

Am Wochenende kamen alle angesagten Bands (zumindest die, die die Intro für angesagt erklärt) nach Ferropolis. Zum Melt-Festival, das dieses Jahr seinem Namen alle Ehre machte. Ein Sonntagsausflug.

Ja, es ist heiß. So heiß, dass sich gegen 17 Uhr kaum Menschen auf dem Melt-Festivalgelände befinden. Keine Schlangen an Bier- und Essensständen, selbst beim Radiosender, der umsonst Popcorn verteilt, herrscht Leere. Am Strand hinter den Baggern stehen Leute und kühlen sich die Füße im leicht stinkenden Seewasser. Ein paar Hitzeunempfindliche tanzen. Man möchte sich kaum ausmalen, wie sie es hier schon seit drei Tagen aushalten. Einige erzählen von Sonnenstichen, andere von Badespaß.

Auch als John Grant in den Sonnenschein der Hauptbühne tritt, ist das Publikum davor überschaubar. Der amerikanische Singer/Songwriter trägt Flipflops, Shorts und T-Shirt. Und gibt sich auch sonst wie der nette Typ von nebenan. Plaudert in bestem Deutsch über Heidelberg und die Fußball-WM. Und beweist mit seinen meist etwas traurigen, manchmal beatlastigen, oft selbstironischen Liedern, dass er der Greatest Motherfucker ist.

Kurz darauf kommt S O H N. Und allein sein Erscheinungsbild macht einem Sorgen. Wieso trägt er eine schwarze Mütze und darüber eine schwarze Kapuzenjacke? Junge, die Hitze! Auch wenn Christoph Taylor mit »Tremors« im Frühling ein wunderbares Post-Dubstep-Album herausgebracht hat, ist seine Live-Performance nicht besonders ergreifend. Zu viel Inszenierung, die sich vor allem darauf beschränkt, dass er dramatisch seine Arme bewegt. Aber wer so singen kann! Also Augen zu und durch…tanzen. Der Bass auf der Hauptbühne ist so durchdringend, dass einem die Nasenflügel wackeln. Ehrlich.

Besonders bemerkenswert wird das bei Moderat. Da beben auch die Wände des Klos. Ein unfassbarer Lärm auf der Damentoilette. Die drei von Modeselektor und Apparat lassen alle tanzen. Es ist inzwischen knüppeldickevoll, nur die Sonne ist weg.

Im Zelt spielen derweil Jungle. Diese seltsame Band, bei der sich immer alle (auch der NME) fragten, wer dahintersteckt. Zwei Jungs aus London, die ihren Fokus lieber auf die Musik legen wollten, stellte sich heraus. Und die einem jetzt mit einem Haufen Musikern und ihrem Mischmasch aus Hiphop, R’n’B, Soul, Funk und Disko sofort tanzen lassen. Nur was ist mit dem Sound? Er klingt immer so, als wäre die Band weit weg. Auch als wir vorne stehen. Habe ich Ohrstöpsel drin? Nein. Hätte ich vorher vielleicht besser haben soll.

Zum Abschluss dann Portishead. Die Party ist vorbei, jetzt wird’s ernst. Beth Gibbons singt um ihr Leben. Verzweiflung, Wut, Traurigkeit, das packt sie alles in ihre Stimme. Sie redet nicht mit dem Publikum, steht (oder sitzt auch mal) einfach da in Jeans und T-Shirt mit einer Ausstrahlung, die einen ergriffen zuhören lässt. Viele alte, hundert Mal gehörte Lieder wie »Glory Box« und neuere, wütendere mit Videountermalung, die auch Kriege zeigt. Zur Verabschiedung sagt sie dann doch kurz Danke und wie gut ihr der Ort mit den Baggern hier gefällt. Dann ist sie weg. Es ist kühler geworden.

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