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Glotzt nicht so romantisch!

Schauen und geschaut werden: Extrem-Metal in Theorie und Praxis

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Eine aktuelle Ausstellung in Halle ist denkwürdig benamst: »Heavy Metal – Bewegliche Lettern für bewegende Töne« schreit es da giftgrün von den Plakaten. Das Landesmuseum für Vorgeschichte guckt mit der Schau in die Frühphase des Notendrucks und protestantischer Mugge. Protest-Musik wird ja auch der Metal gern mal genannt, weiße Unterschichten-Kiddies mucken grund- und sinnlos auf; Rebels without a Cause – Hauptsache Lärm.

Die Wissenschaft ist oft genug auch nicht interessiert oder schon das Vorurteil dabei, selbst wenn es mittlerweile einige Ausnahmen gibt; und selbst die bürgerliche Presse erkannt hat, dass zum Bespiel Wacken nur noch bedingt etwas mit Metal zu tun hat.

Genauer sieht auch Sarah Chaker hin. Selbst Metal-Head, hat sie mit »Schwarzmetal und Todsblei« eine Studie zu den Black- und Death-Szenen in Deutschland vorgelegt und erstmals gründlich geschaut, wer sich da wie und warum eigentlich so rumtreibt, was die Szenen zusammenhält oder trennt. Ihr Ziegelstein von einem Buch liest sich spannend, auch wenn doch verblüfft, wie unterschiedlich bei ihr die beiden Szenen wegkommen – besieht man sich zumindest in hiesigen Breiten die Kutten, dann stehen da fast immer Death- und Black-Metal-Fraktionen nebeneinander. Die Soziologin immerhin hat Interessantes herausgefunden. So stammen die Fans beider Szenen überwiegend aus der Mittelschicht und scheinen über höhere Schulabschlüsse zu verfügen als der Durchschnitt junger Deutscher. Sie sind zumeist zwischen 21 und 30 Jahre alt und ja, nicht überraschend, überwiegend männlich. Die Szenen unterscheiden sich in nicht wenigen Punkten. Death-Metaller sehen der Zukunft positiver entgegen, wobei auch beim Black Metal überraschend viele Optimisten am Werk sind. Diese sehen ihre Musik existentieller, ihr Ironie- wie Mosh-Faktor ist weitaus geringer. Chaker hat etliches weiteres Datenmaterial erhoben und quantitativen mit qualitativem Ansatz zusammen geführt. Von der Parteienlandschaft bis zum Stadt-Land-Gefälle verortet sie die Szenen und beschreibt den Extrem-Metal insgesamt als Spielraum. Frei nach Schiller: Der Metaller ist nur da ganz Metaller, wo er (oder sie) spielt. – Romantik, ick hör dir trappsen.

Die Spiele und die Hölle sind dann wieder ab Donnerstag eröffnet, wenn es in Schlotheim heißt: »Hell is here«. Dann kann man sich auf dem Party.San Open Air  ja selbst ins Feld begeben und eine Szenebefragung durchführen: »AHAB da mal ne Frage…« Während sich mancher mokiert über das Billing in diesem Jahr, muss man es doch als fett beschreiben. Klar, Marduk und Watain waren schon mehr als einmal da. Benediction haben uns vor vier Wochen aufm dem In-Flammen gründlich verprügelt, Inquisition auch. Kann Kreator noch killen und werden sich Solstafir wieder wie die Diven aufführen? Und doch ist das Paket gut geschnürt. Obituary haben in der letzten Zeit wieder gezeigt, wie spielfreudig sie sind. Auf dem Protzen ballerte Napaln Death überzeugend als Headliner herum, was soll man gegen Suffocation oder Misery Index sagen? Eben. Also: Hingehen, gucken und beguckt werden. Wir sehen uns.

Heavy Metal – Bewegliche Lettern für bewegende Töne: bis 21.9., Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt, Halle http://www.halle365.de/ausstellung/heavy-metal-bewegliche-lettern-f-r-bewegende-t-ne

Sarah Chaker: Schwarzmetall und Todesblei. Über den Umgang mit Musik in den Black- und Death-Metal-Szenen Deutschlands, Berlin 2014, 500 Seiten, 28 Euro, bis 22.8.2014 zum Subskriptionspreis von 22 Euro

Party.San Open Air, 7.-9.8., Schlotheim, http://www.party-san.de

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