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Tiptap den Bach runter

Festivaltagebuch: Was beim Dockville in Hamburg alles nicht klappte – und was doch

Foto: Pablo Heimplatz Größeres Bild

Ein Regenbogen erstreckt sich über die Docks. Wie von den Glücksbärchis selbst dahingesetzt. Und passt damit bestens zur Heititei-Stimmung auf dem Hamburger Dockville-Festival. Zu rosafarbenen Flamingos, Schirmchen mit Lichterketten und glitzernder Schminke im Gesicht, die hier überall getragen werden. Ein Wochenendausflug an die Elbe, bei dem nicht alles klappte.

 

 

Was alles nicht funktioniert:

Die Technik beim Konzert von Dillon. Nachdem auf der Bühne eine halbe Stunde lang Menschen versucht haben, die Technik zu verstehen und zu reparieren, kommt Dillon selbst auf die Bühne. Im schwarzen ausgefallenen Kleid stellt sie sich ans Keyboard und sagt. »Es tut mir so leid! Der Computer ist kaputt. Mir bleibt nichts übrig, als einfach nur ein paar Lieder auf dem Klavier zu spielen.« Und genau das tut sie dann. Und alle singen mit. Tip tapping, tip, tip, tapping. Ganz leise. Der wohl herzzer- und mitreißendste Moment des Festivals.

Die Idee, sofort nach dem Warpaint-Konzert auch eine Rockband zu gründen. Weil die so unfassbar cool und toll sind. Aber gerade keine E-Gitarre zur Hand.

Der Plan, freitagnachts nach dem Festival noch in der Schanze Bier trinken zu gehen. Schon in der S-Bahn eingeschlafen.

Jake Buggs Texte zu verstehen. Dennoch mitgesungen und wieder genauso gefühlt wie damals, als es Britpop noch gab.

Ganz vorne bei Die Antwoord mitzutanzen. Zu voll. Es ist sooo voll, dass man Panik kriegt, erdrückt zu werden. Von weiter hinten sieht man die absurde Show der Südafrikaner, die nicht nur Skelette tanzen lassen, sondern alle Anwesenden. Ein Konzert irgendwo zwischen Show, Caberet, Punk und Funk, Hiphop und Techno und Kostümverleih. Deichkind und Bonaparte sind nichts dagegen (aber auch nicht da).

An nur einem der drei Tage pünktlich auf dem Festivalgelände zu sein. Shuttlebus, Kater, Moscow Mule, Wetter, Döner – irgendwas war immer schuld.

Das Handy-Netz. Haufenweise SMS verschickt, die nie jemand bekommen hat. Jemand erzählt, dass es vier Euro kostet, hier sein Handy aufzuladen. Sinnlos.

Was bestens funktioniert:

Freunde auch ohne Handy wieder finden.

Den Verfassungsschutz hassen und deswegen hüpfen. Feine Sahne Fischfilet sind da Experten, die mit vielen Antifa-Flaggen und bunten Pyro-Rauchschwaden gefeiert werden.

Das Konzept: Kunst und Festival. Immer wieder auf dem liebevoll herausgeputzten Gelände mit den kunstvoll angestrahlten Hafenhäusern taucht Kunst auf, die es vor dem Festival in einem eigenen Camp zu bestaunen gab. Zum Beispiel Fahrradräder, die sich maschinenähnlich an der Wand drehen und dabei leuchten.

Wach werden mit »Russian Kokain«. Das ist Wodka, den man sich mit einer Einwegspritze in den Mund spritzt, in den man vorher Kaffeepulver kippte, und dann zusammen runterschluckt. Kostet nur 2,50 an einer zusammengebretterten Bar, an der The Prodigy läuft.

Irgendwann doch wieder den Ohrwurm von »Bailando, bailando« loszuwerden, was Kakkmaddafakka erfreulicherweise als Zugabe gecovert haben.

Was gar nicht erst versucht wurde:

Sich zu merken, wie die Bühne heiß, an der man gerade ist. Nest? Maschinenraum? Vorshot? Butterland? Egal.

Den Gig von Chet Faker zu genießen. Dabei hat er eine so tolle Stimme und so wunderschöne Soul-Melodien. Leider wissen das inzwischen viel mehr Leute, als vor die Bühne passen. Es ist ein einziges Gedränge. Schade.

Den Sinn hinter der Show von Alligatoah auszumachen. Ich meine, der Typ ist mit so einer Art Zirkusdirektor-Kostüm bekleidet und hat zwei Gäste mitgebracht: eine Dusche und einen Suppentopf. Er fragt: »Habt ihr gute Laune?« Die Leute grölen, dass dies der Fall sei. »Dann ist jetzt der Moment, euch daran zu erinnern, dass ihr sterben werdet.« Zudem liefert er die beste Liebesliedzeile: »Komm wir gehen, wir gehen zusammen den Bach runter!«

Sich an die Songs von Samy Deluxe zu erinnern. Wieso spielen hier nicht 5 Sterne Deluxe? Ach, die sind ja beim Highfield.

Hier alle Konzerte zu beschreiben, die man gesehen hat. Zum Beispiel, dass MØ sehr schön tanzbar waren oder dass Nils Frahm in einem Konzertsaal vielleicht besser kommt als im strömenden Regen.

Das Wetter zu ändern. Es regnet halt. Dafür gabs am Anfang auch den Regenbogen.

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