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Lügen und Geheimnisse

Die Kinostarts im Überblick und was sonst noch Filmisches in der Stadt geschieht

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Xavier Dolan ist ein Ausnahmetalent. Gerade erst hat Cannes »Mommy«, seinen fünften Film in fünf Jahren gefeiert, der bei uns im November starten und bereits im September auf der Filmkunstmesse zu sehen sein wird. Nun kommt aber erstmal sein vorheriges Werk in unsere Kinos, bei dem er neben Regie und Drehbuch auch wieder selbst die Hauptrolle übernahm – und in allen Disziplinen überzeugt. Bei dem 26-jährigen Frankokanadier ist das Wort »Genie« wahrlich nicht vermessen. Bis zuletzt hält er die Spannung seines intimen Thrillers und bewahrt letzte Geheimnisse noch bis nach dem Abspann. Geheimnisvoll geht es auch in dem skandinavischen Horror-Coming-of-Age-Drama »When Animals Dream« zu. Lasse Hallström lässt in »Madame Mallory« wiederum nichts im Verborgenen. Die kreuzer-Filmstarts der Woche.

Film der Woche: Alles beginnt mit einer Lüge. Toms Liebhaber Guillaume ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Bei der Trauerfeier für den 25-Jährigen wird er zum ersten Mal dessen Familie kennenlernen. Aber Francis hat die Homosexualität seines kleinen Bruders der Mutter gegenüber verheimlicht. Stattdessen hat er mit Hilfe eines Fotos Guillaumes Arbeitskollegin Sarah zu dessen Freundin gemacht. Für Mutter Agathe ist es unverständlich, dass Sarah nicht zur Beerdigung kommt. Tom, den sie lediglich für einen Arbeitskollegen ihres verstorbenen Sohnes hält, nimmt sie herzlich auf dem Bauernhof auf. Aber dort läuft alles nach den Regeln des herrschsüchtigen und brutalen Francis ab. Der Zuschauer ist aufgefordert, sich die Vorgeschichte der Protagonisten anhand kleiner Gesten und Andeutungen zu erschließen, was aufgrund der dichten Inszenierung und der wunderbaren Darstellerleistungen aber schnell zu einer sehr spannenden Angelegenheit wird. Je weiter die Handlung voranschreitet und je mehr man über den Charakter und die Vergangenheit der Figuren erfährt, desto mehr wird »Sag nicht, wer du bist!« zu einem fesselnden Psychothriller, dessen Suspense durch Gabriel Yareds Streicherklänge noch unterstrichen wird. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Sag nicht, wer du bist!«: ab 21.8., Passage Kinos

»When Animals Dream« verschanzt sich in einer kleinen Gemeinde Nord Jütlands, wo Marie (Sonia Suhl) ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Die Mutter (Sonja Richter) sitzt seit vielen Jahren schwer sediert im Rollstuhl und leidet an einer Krankheit, die in der Familie und im Dorf totgeschwiegen wird. Als Marie an ihrem Körper Veränderungen wahrnimmt, die über die pubertäre Norm hinausgehen, ahnt sie, dass die Krankheit ihrer Mutter möglicherweise auch in ihr steckt. Der behaarte Leberfleck auf der Brust verheißt nichts Gutes und die Leute im Dorf und in der Fischfabrik betrachten die junge Frau mit zunehmender Skepsis. Eine Coming-of-Age-Geschichte mit verschärften Bedingungen erzählt Arnby in seinem fulminanten Spielfilmdebüt und ignoriert die ganzen Vampir- und Werwolf-Stereotypen, die das Kino seit »Twilight« bevölkern. Auf metaphorische Weise werden hier die emotionalen und körperlichen Wandlungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden und der restriktive Umgang der Gesellschaft mit den Gefahren des Andersseins reflektiert. Dies alles verhandelt Arnby vor der stimmungsvollen, maritimen Kulisse Nord-Jütlands, deren wechselnde Lichtverhältnisse und wilde Küste die Veränderungen, Ängste und Sehnsüchte der jungen Frau effektvoll spiegeln. Ausführliche Kritik von Martin Schwickert im aktuellen kreuzer.

»When Animals Dream«: ab 21.8., Kinobar Prager Frühling

Hassan und seine Familiex haben in ihrer Heimat Indien alles verloren, daher emigrieren sie nach England, wo sie es allerdings nicht lange aushalten. Kein Wunder: Zum einen ist das Wetter dort zu ungemütlich, zum anderen pflegt die Familie eine lange familiäre Tradition des Strebens nach kulinarischer Perfektion. Sohn Hassan erprobt sich mit großem Talent an der Verfeinerung ihrer Generationen alten Curryrezepte. Schließlich landen sie in Frankreich und als ihr vollbesetzter Kleinbus im beschaulichen Saint-Antoin strandet, beschließt »Papa« ein Restaurant zu eröffnen. Einziges, nicht unwesentliches Problem: das perfekte Heim für die Köstlichkeiten steht gleich gegenüber vom namhaften Sterne-Restaurant der Madame Mallory (Helen Mirren). Die beginnt einen erbitterten Krieg, während Hassan und seine Familie versuchen, sie mit kulinarischen Mitteln zu erweichen. Diesmal bekommt die indische Cuisine den Hallström-Guss verpasst. Der ist dermaßen verkitscht-klebrig geraten, dass der Kinogänger zwei lange Stunden unter Zuckerschock steht. Wie beim Kochen kommt es eben auch beim Filmemachen auf das richtige Maß an. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Madame Mallory und der Duft von Curry«: ab 21.8., Passage Kinos

 

Die Filmtermine der Woche

GlobaLE: Roadmap to Apartheid

Blick auf die manchmal bemühte Apartheids-Analogie zwischen früherem Südafrika und heutigem Palästina. Im Rahmen der GlobaLE Leipzig; Eintritt frei.

21. 8., 20 Uhr, Clara-Zetkin-Park (bei Regen kann es kurzfristig zur Verlegung kommen. Der neue Veranstaltungsort wird bis spätestens 19 Uhr unter www.globale-leipzig.de bekannt gegeben)

Elektro Moskva

Essayistische Erzählung über das letzte Jahrhundert sowjetischer und postsowjetischer »Elektrogeschichte«. Mit viel Leidenschaft bastelten sich Freaks ihre eigenen Synthesizer und prägten die Pionierzeit der elektronischen Musik im Ostblock mit. Höchst unterhaltsamer und interessanter Dokumentarfilm, der seine Premiere beim letztjährigen DOK Leipzig feierte.

22./23.8., 21.30 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island

Klangkino: Tom Flemming Trio – Das Schwein von Gaza

Der palästinensische Fischer Jafaar hat es nicht leicht: Statt großer Fische geht ihm bloß Unrat und plötzlich sogar ein Schwein ins Netz. Nun hat Jafaar ein gewaltiges Problem, denn Schweine gelten in Gaza als unreine Tiere und sind mehr als unerwünscht. Klangkino mit Band und Film. Diesmal mit Weltmusik des Tom Flemming Trios.

23.8., 19 Uhr, Cineding

 

Studio Ghili Film Festival

Mein Nachbar Totoro

Das Mädchen Mei, ihre Schwester und ihr Vater sind in ein Haus auf dem Land gezogen. Schon bald lernt Mei ihre neuen Nachbarn kennen, einen kleinen weißen und einen großen blauen Totoro. Diese sind Natur- und Waldgeister von freundlichem Wesen, die nur von Kindern gesehen werden und nicht sprechen, wohl aber alles verstehen können. Miyazakis schönster Film. Im Rahmen des Studio Ghiblli Film Festivals.

25.8., 15 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Meine Nachbarn die Yamadas

Das Leben der Yamadas ist eine stete Gradwanderung zwischen Normalität und Wahnsinn. Im Stil der bekannten Mangas von Ishii Hisaichi persifliert dieser Film das Alltagsleben der Familie Yamada. Ein Familienleben, wie es wohl viele von uns kennen, mit großen und kleinen Alltagsproblemen. Ein Film von Isao Takahata (»Die letzten Glühwürmchen«).

26.8., 15 Uhr, Kinobar Prager Frühling

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