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Großfamilientreffen am Rhein

Seitdem die gamescom nicht mehr in Leipzig stattfindet, ist sie viel zu voll

Gedränge auf der gamescom Größeres Bild

Die gamescom hat sich seit ihrer Abwanderung nach Köln zur Massenveranstaltung gemausert. 335.000 Besucher quetschten sich an den fünf Messetagen im August durch die Gänge und in die Hallen. Ein paar weniger als im vergangenen Jahr – weil die Veranstalter die Anzahl der Tickets gesenkt haben. Jene, die in den Vorverkauf gingen, waren bereits lange zuvor ausverkauft. Im sechsten Jahr am Rhein ist das ein beachtlicher Sprung zu den zuletzt 200.000 Besuchern in Leipzig. Aber ist die Videospielmesse in solchen Ausmaßen überhaupt noch sinnvoll?

Jeder, der sich einmal am Messedonnerstag durch den Hauptgang gedrückt hat, um von einem Ende der Hallen zum anderen – also z. B. vom Businessbereich zum Pressezentrum – zu gelangen, kennt die irrsinnigen Zustände. Tausende quetschen sich auf die Rolltreppe, die das Nadelöhr in dieser Menschenflut darstellt, Ordner versuchen eher hilflos oder unmotiviert die Ströme auf die Parkdecks umzuleiten. So schwarz wie einige Kollegen mag man es nicht malen, aber wenn hier tatsächlich mal eine Massenpanik ausbricht, könnte das unschön enden. Ein Segen, dass die Gemeinschaft der Spieler, die alljährlich nach Köln pilgert, ganz entgegen ihrem RTL-geprägten Klischee eine friedliebende und geduldige ist.

Am Mittwoch genossen all jene, die beruflich hierher gekommen waren, einstmals die Ruhe vor dem Sturm. Bereits am sogenannten Fachbesuchertag bilden sich lange Schlangen vor den Messeständen. Der Grund sind die im vergangenen Jahr eingeführten Wildcards. Hiermit dürfen Auserwählte bereits einen Tag vor dem offiziellen Beginn der gamescom durch die Hallen wandeln. Die ohnehin zahlreichen Presse- und Branchenvertreter aus aller Welt nutzten in Leipzig den Tag, um in entspannter Atmosphäre – ohne Marktschreier, nervtötende Showacts und zweifelhafte Gesangstalente auf den Bühnen – die kommenden Highlights Probe zu zocken und sie sich vom Standpersonal näherbringen zu lassen. Daran ist jetzt nicht mehr zu denken. Die Verstärker vor allem der Stände, die spielerisch am wenigsten zu präsentieren haben, stehen bereits jetzt im wahrsten Sinne auf Anschlag, der Dubstep dröhnt und das Promopersonal wirft T-Shirts unter das gierige Volk. Die Wildcards werden im Vorfeld über die verschiedenen Medienpartner ans Publikum verteilt. Kaum eine Radiostation im Kölner Raum, die nicht täglich ein Kontingent Karten verlost und auch die Aussteller verteilen fleißig. Das Argument, dadurch würde der Besucherstrom an den Folgetagen entspannt, ist absurd, denn die sind trotzdem übervoll. Also lediglich eine weitere Maßnahme zur Generierung von Profit. Dabei bittet die Kölner Messegesellschaft als Veranstalter bei den Messeständen schon fleißig zur Kasse und auch die Tagestickets sind mit bis zu 17,50 Euro nicht gerade günstig.

So standen also ab Mittwoch Horden von Leuten in Reih und Glied, um Hand an das im Herbst erscheinende neue »Call of Duty« oder »Fifa« zu legen (das sich dann auch nur marginal vom Vorgänger unterscheidet), aber eben auch, um sich Zugang zu den 16er- und 18er-Arealen zu verschaffen, wo all das steht, was nicht frei zugänglich gemacht werden darf. Das ist mittlerweile bei so ziemlich allen Publishern der Großteil im Portfolio, was zur Folge hat, dass man an jedem der vormals kunstvoll gestalteten Stände neuerdings gegen Wände läuft und der interessierte Pressevertreter und sicher auch der eine oder andere neugierige Spieler nicht die Möglichkeit hat, anderen beim Zocken über die Schulter zu schauen und sich so einen Eindruck von den neuen Titeln zu verschaffen. Demnach müssten eigentlich auch die Hersteller eine separate Halle fürs volljährige Publikum befürworten. Das würde allerdings auch bedeuten, dass jeder von ihnen zweimal bauen und zweimal zahlen müsste. Ein Entgegenkommen der Messeleitung ist unwahrscheinlich und das Budget der Firmen meist schon ausgereizt. So setzt die gamescom weiterhin auf das Prinzip der Begehrlichkeiten, denn so eine Schlange mit drei, vier Stunden Wartezeit macht ja auch was her.

Was treibt also Jahr für Jahr die willige Masse nach Köln, um vielleicht drei, vier Spiele zu sehen und sich dafür dem audiovisuellen Terror dieses gigantischen Kindergeburtstags auszusetzen? Für einen großen Teil sind es nicht die meterhohen TFT-Displays. Ja, nicht einmal die T-Shirts und Lanyards, für die andere sich die Nase blutig kloppen, locken sie an die Stände. Für sie ist die gamescom ein großes Familientreffen. Hier begegnen sich Blogger, hier treffen sich Clanmitglieder vielleicht zum ersten Mal in Real Life, hier kommen die Communities der Foren zusammen, um sich auszutauschen. Viele sind wegen den Youtubern gekommen, den Let’s Playern, den Popstars des Mediums. Sie bekommen auf der gc ihre eigene Bühne. Zahlreiche andere stehen zwei Stunden Spalier, um den Matches der League of Legends beizuwohnen, die in Köln die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Südkorea veranstalteten. Die Spiele? Sind auch da, aber eigentlich Nebensache. Vielleicht wäre all das auch im entspannteren Rahmen am Rande der Messe möglich? Dadurch würden neue Kapazitäten frei, die die Situation in den Hallen entzerren würden. Denn wachsen kann die Messe kaum noch, da die bisher ungenutzten drei Hallen nur bedingt für eine Massenveranstaltung wie diese taugen.

Quo vadis gamescom? Vermutlich bleibt alles, wie es ist. Industrie und Messeleitung klopfen sich auf jeden Fall gegenseitig auf die Schulter. Hier sind keine Impulse zu erwarten. Auf der Messe selbst musste man diese 2014 indes ebenfalls suchen. Shooter sind nach wie vor Bestseller und Innovationsbremse gleichermaßen und selbst vielversprechende Story-Konzepte wie die von »The Order« oder »Quantum Leap« enttäuschen mit stumpfer Spielmechanik. Unter dem Ballergebaren versteckten sich aber doch einige Innovationen wie Virtual Reality, das dank Sonys Morpheus und Oculus Rift im Mainstream ankommt und einige spannende Spielkonzepte zum Ausprobieren bot. Bei Sony allerdings nur mit vorherigem Termin und hinter verschlossenen Türen.

Die Zukunft liegt bei den Spielen, die ohne das Budget eines Hollywood-Blockbusters auskommen. Hier sind Sony und Microsoft erfreulich aktiv und die namhaften Indie-Studios haben sich zu Prestigeobjekten entwickelt, mit denen man sich gerne schmückt. Vielleicht die erfreulichste Nachricht aus Köln. Im audio-visuellen Feuergefecht von »Call of Duty« und »Battlefield« gehen sie hier aber ziemlich unter. Sollte sich irgendwo in Deutschland eine Indie-Messe auftun, ich wäre wohl zukünftig lieber dorthin unterwegs.

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