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Zum Glück nichts zu lachen

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

phoenix Größeres Bild

Ein neuer Film von Christian Petzold ist immer ein Ereignis. Es ist fast, als würde sich die gesamte Hoffnung der Kinoconnaisseure dieses Landes auf ihn konzentrieren. Durchaus zurecht, denn auch sein siebter Kinofilm, mit dem er sich tief in die deutsche Nachkriegsgeschichte vorwagt, überzeugt, nicht zuletzt aufgrund der perfekten künstlerischen Harmonie mit seiner Hauptdarstellerin Nina Hoss. Ein vollkommen anderer deutscher Film wagt sein Glück ebenfalls abseits kommerziell erfolgreicher Komödienpfade: »Who am I« versucht sich am quasi nicht existenten deutschen Genrefilm – und macht dabei eine erstaunlich gute Figur. Es wird spannend in der hiesigen Kinokultur.

Film der Woche: Aus der Dunkelheit tritt die Jüdin Nelly ins Licht der Leinwand. Sie ist durch die Hölle gegangen. Schwer verletzt, mit zerstörtem Gesicht wird sie im Juni 1945 in ihre alte Heimat gebracht. Die Ärzte rekonstruieren ihr Antlitz, doch als sie erwacht, hat sie keinen Bezug mehr zu der Frau, die sie einst war. Lene, ihre Freundin aus Vorkriegstagen und Mitarbeiterin der Jewish Agency, plant mit ihr die Flucht nach Palästina. Doch Nelly treibt die Suche nach Johnny an, ihren Mann, der ihren Überlebenswillen prägte. Als sie ihn findet, erkennt er sie nicht, ebensowenig wie sie sich erkennt. Johnnys Idee, dass sie in die Rolle seiner totgeglaubten Frau schlüpft, um an das Erbe heran zu kommen, ist für Nelly der einzige Weg zurück ins Leben.

Geschickt spart Christian Petzold die Erlebnisse Nellys im KZ aus und verarbeitet sie zwischen den Zeilen. Dabei kann er sich in seinem elften Film, der auch eine stilsicher inszenierte Hommage an den Film Noir darstellt, auf die bewährte Besetzung von Nina Hoss als Nelly und Ronald Zehrfeld in der Rolle des Johnny verlassen. Hoss spielt die einst so strahlende Sängerin als lebende Tote, die taub durch das zerstörte Berlin wandert. Die atmosphärische Dichte dieses Kammerspiels lässt den ein oder anderen inszenatorischen Fauxpas verzeihen. Die Augen kleben gebannt an der Leinwand. Zu verdanken ist dies auch der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Petzold und Harun Farocki, die leider durch den kürzlichen Tod des Autors ein jähes Ende nahm. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Phoenix«: ab 25.9., Passage Kinos

Benjamin (Tom Schilling) ist unsichtbar, ein Niemand. Dies ändert sich schlagartig, als er plötzlich den charismatischen Max (Elyas M’Barek) kennenlernt. Auch wenn beide nach außen nicht unterschiedlicher sein könnten, so eint sie doch dasselbe Interesse: Hacken. Gemeinsam mit Max‘ Freunden, dem impulsiven Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem paranoiden Paul (Antoine Monot), gründen sie die subversive Hackergruppe CLAY (Clowns laughing @ you). CLAY provoziert mit Spaßaktionen und trifft den Nerv einer gesamten Generation. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Benjamin ein Teil von etwas. Und sogar die attraktive Marie (Hannah Herzsprung) wird auf ihn aufmerksam. Doch aus Spaß wird plötzlich Ernst, als die Gruppe auf das Fahndungsraster von BKA und Europol gerät. Gejagt von der Cybercrime-Ermittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), ist Benjamin jetzt kein Niemand mehr, sondern einer der meistgesuchten Hacker der Welt.

Ein deutscher Genrefilm über die Hacker-Szene: Das kann leicht ins Auge gehen. »Who am I« ist aber erstaunlicherweise ein gelungener, spannender und gut besetzter Thriller geworden, der am Ende zwar etwas über das Ziel hinaus schießt, insgesamt aber gute Chancen hat, zum Hit zu avancieren.

»Who am I – Kein System ist sicher«: ab 25.9., CineStar, Cineplex, Regina

Buenos Aires, Ende Sommer. Die drei Schwestern Marina, Sofía und Violeta leben alleine in der Villa ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter, bei der sie aufgewachsen sind. Sowohl das geräumige Haus als auch die jungen Frauen wirken in dieser neuen Situation leer und verloren. Sie sind gezwungen, sich neu auszurichten, erwachsen zu werden: Marina organisiert den Haushalt und widmet sich gewissenhaft ihrem Studium, verfällt aber immer wieder in starke Melancholie. Einziger Lichtblick ist der Nachbar Francísco. Sofía dagegen ist hauptsächlich mit ihrem Äußeren beschäftigt und geht viel aus. Die künstlerische Violeta wiederum wandelt teilnahmslos im Haus umher. Ab und zu bekommt sie Besuch von einem Liebhaber. Das Leben in der Villa wirkt schwerelos und isoliert. Bis zu dem Herbsttag, an dem Violeta plötzlich verschwindet. Das Spielfilmdebüt »Abrir puertas y ventanas – Offene Türen, offene Fenster« der argentinisch-schweizerischen Regisseurin Milagros Mumenthaler begeisterte beim Internationalen Filmfestival Locarno 2011 Publikum und Kritik und gewann gleich fünf Preise, u.a. den Goldenen Leoparden und den Preis der Internationalen Filmkritik Fipresci. Die Hauptdarstellerin María Canale erhielt zudem den Pardo als Beste Schauspielerin. Seither wurde der Film weltweit bei zahlreichen Filmfestivals gezeigt und mehrfach mit Filmpreisen ausgezeichnet – Mar del Plata, Guadalajara, San Sebastián, Havana sowie dem Schweizer Filmpreis 2012.

»Abrir puertas y ventanas – Offene Türen, offene Fenster«: ab 25.9., Cineding (OmU)

 

Die Filmtermine der Woche

Das Filmriss Filmquiz

Der Vorhang hebt sich, die Titelmusik beginnt, ein Geistesblitz und ihr seid um ein T-Shirt reicher. Ein Auto fährt vor, Bruce Willis steigt aus, ihr wisst bescheid und die DVD gehört euch. Ihr singt die Bond-Songs unter der Dusche und werft eurem Spiegelbild nen Schwarzenegger-Spruch entgegen, wenn keiner hinhört? Euer Talent wird mit Bergen voll Goodies, Merch und Krempel aktueller Kinoproduktionen belohnt, Film gefeiert und in Erinnerung an unvergessliche Szenen, Sets und Zeilen geschwelgt. Auf der großen Leinwand, in Technicolor und Dolby Stereoton. …denn sie quizzen nicht, was sie tun.

25.9., 20.30 Uhr, Conne Island (mit dem Autor dieser Zeilen)

 

Experimentarfilmfestival Avantgarde ist keine Strömung IV

Nach dem Auftakt im Luru zieht das Experimentarfilmfestival, das von Sven Wörner (Cinémathèque), Sarah Schipschack und Leif Magne Tangen (D21) kuratiert wurde, in die naTo.

Einzelpräsentation Phillip Warnell – Outlandish u. a.: 25.9., 20 Uhr, Cinémathèque in der naTo

Einzelpräsentation Emilija Skarnulyte – Kompilation: 26.9., 20 Uhr, Cinémathèque in der naTo

 

What if… Teil II – Joy of Man’s Desire

An wen wendet sich die Frau, die über ihre Schulter spricht, die Augen gesenkt? An den Regisseur, den Zuschauer, einen unsichtbaren Dritten? »Wir müssen einander vertrauen«, erklärt sie leise, aber bestimmt. Wir sehen und hören gewaltige Maschinen, ohrenbetäubenden Lärm; Menschen, die die Maschinen bedienen, sie füttern, konzentriert, eingebunden in abstrakte Prozesse. Dies ist aber kein Dokumentarfilm über Maschinensklaven. Ton und Bild, Montage und Dramaturgie dienen schlicht dazu, Fabrikhallen und Werkstätten in einen filmischen Raum zu übersetzen, die bizarren Umgebungen zu erkunden, denen sich die Arbeiter anpassen. Auch das ist Teil der Fiktion, die sich langsam, aber sicher einschleicht, ununterscheidbar vom Dokumentarischen. Es kann zeigen, wovor man in der Realität die Augen verschließt wie vor dem gleißenden Licht in der Schweißerei. Der Film von Denis Côté feierte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale.

27.9., 20 Uhr, Cinémathèque in der naTo (OmeU)

 

Master of the Universe

Zum ersten Mal packt ein echter Insider des internationalen Finanzgewerbes aus, einer der ehemals führenden Investmentbanker Deutschlands. Rainer Voss, der in seiner aktiven Zeit locker mit Millionen hantierte, erzählt aus eigener Anschauung, wie es in der glitzernden Finanzwelt wirklich zugeht, von all ihren Abgründen, Skrupellosigkeiten und quasi-religiösen Gesetzmäßigkeiten. Hat sich seit der globalen Finanzkrise etwas geändert? Voss‘ Ausblick gibt Grund zur Beunruhigung.

25.9., 20 Uhr, UT Connewitz, im Rahmen der GlobaLE, mit Filmgespräch, Eintritt frei

 

Zug in die Freiheit

30. September 1989, kurz vor sieben Uhr abends. Fast 4.000 Menschen drängen sich im Garten der Prager Botschaft. Sie alle warten auf die Nachricht von Hans-Dietrich Genscher. Schließlich erscheint er auf dem Balkon. »Liebe Landsleute. Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …« Der Rest seiner Rede wird von lautem Jubelgeschrei übertönt. Es ist der Beginn eines der bedeutendsten Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dokudrama.

25.9., um 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

 

Dieser eine gemeinsame Tag

Beate Kunath spürt in neun persönlichen Porträts den Erfahrungen von Frauen aus den Partnerstädten ihrer Heimatstadt Chemnitz nach. Was sie alle miteinander verbindet, ist der gemeinsame Geburtstag am 18. September 1967. – In Anwesenheit der Regisseurin; im Rahmen der interkulturellen Wochen.

26. 9., 19 Uhr, Frauenkultur Leipzig e. V. (OmU)

 

Klangkino

Film mit Livemusikbegleitung. Diesmal mit der Band Live from Las Vegas und dem Film »The Getaway« (USA 1972) mit Steve McQueen.

27. 9., 19 Uhr, Cineding

 

Filmnacht im Rahmen der interkulturellen Wochen

Der Frauenkultur e. V. zeigt zwei Filme über die verschiedenen Lebensmöglichkeiten von Frauen in dieser Welt:

Tohebas Geheimnis – Afghanistans verratene Töchter (Afghanistan, 2012)

Der Druck einen Jungen zur Welt zu bringen, lastet enorm auf afghanischen Frauen. Nur Jungen dürfen in Betrieben helfen oder begleiten ihre Schwestern. Es ist eine alte Tradition, dass Familien, die keine Söhne haben, eine Tochter als Jungen verkleiden. »Bacha posh« nennt man sie.

China im Reich der Mosuo-Frauen (D 2011)

Am Lugu See im Südwesten Chinas lebt das Volk der Mosuo. Hier entscheiden Frauen… denn die Mosuo leben im Matriarchat. Die Frauen tragen die Verantwortung für die Familie, wählen ihre Liebhaber und vererben Namen und Besitz an die Töchter. Auch die Schutzgöttin der Mosuo ist weiblich.

30.9., 19 Uhr, Frauenkultur e. V., Eintritt frei

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