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Editorial 10/2014

Das neue Heft ist da!

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An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der Oktober-Ausgabe des kreuzer. Chefredakteur Andreas Raabe berichtet, was es im neuen Heft zu lesen gibt.

Brüste auf dem Cover – ja, was soll das denn? Und dann auch noch ein Hintern. Was hat das alles mit dem 9. Oktober 1989 zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel – und genau darum geht es. Denn es hat mit etwas anderem zu tun, nämlich mit den Klischees der Vermarktung. Und damit wiederum hat der 9. Oktober 2014 mit seinem Lichtfest mehr zu tun als mit dem Objekt, an das es erinnern soll: den 9. Oktober 1989, dem Tag der legendären Montagsdemonstration vor 25 Jahren, als zehntausende Menschen der offenen Gewaltandrohung des Regimes trotzten.

Das vom Stadtmarketing erdachte und organisierte Lichtfest nimmt dem Anlass die Schwere, die er verdient, und ersetzt sie nicht durch die Leichtigkeit zur Reflexion anstiftender Muße – was ja vielleicht noch Sinn ergeben würde –, sondern durch einen gleichermaßen faden wie dickflüssigen Brei an schwülstiger Emotionalität. Fast schon nebenbei wird Geschichte geklittert, Sinn und Zweck des Ganzen liegt dann letztlich in der Vermarktung der Stadt, Widerstand wird zumindest intern unterdrückt (siehe die Bohei-Affäre), Bezug genommen wird auf zweifelhafte Traditionen wie Fackelmarsch und Prozession – ach, es ist eine Angelegenheit, die einen heulen lassen könnte.

1014_s3In unserem Titeldossier lesen Sie, warum die Verkitschung des 9. Oktober so unsäglich, gar gefährlich ist. Britt Schlehahn schaut sich anschließend die für die kerzenschwingenden Ringkreisler aufgefahrenen Kunstwerke an und stellt ihnen (gemeint sind wahrscheinlich die Kunstwerke) kein gutes Urteil aus. Tobias Prüwer blickt dagegen auf die Worte. Sprache formt Bewusstsein, das wissen wir ja: Was ist dran an Begriffen wie »Wende« oder »Friedliche Revolution«? Prüwer meint: Offenbar sind beide Begriffe kaum anwendbar auf die Ereignisse während des Zusammenbruchs der DDR. Den Abschluss der Titelstrecke bildet Jessica Bocks Bericht über die Frauenbewegung in Leipzig unmittelbar vor, im und nach dem Herbst 1989. Bock forscht zum Thema an der TU Dresden. Sie erzählt eine Geschichte, die nur sehr selten erzählt wird: nämlich, mit welchen Widerständen die emanzipatorische Bewegung im real existierenden Sozialismus vor dem Mauerfall zu kämpfen hatte – und dass sie auch danach im demokratischen Aufbruchsfieber jeden kleinen Fortschritt erkämpfen musste.

Über allem schwebt jedoch der aktuelle Anlass: Das Lichtfest ist zum Erinnern an den 9. Oktober 1989 und die politischen Prozesse, die diesem Tag vor 25 Jahren vorangingen und nachfolgten – bis heute fortdauern –, nicht geeignet. Doch was könnte die Alternative sein? Wenn Sie eine Idee haben oder das alles ganz anders sehen, schreiben Sie uns. Gern an chefredaktion@kreuzer-leipzig.de.

Wie will ich mein Leben leben? Diese Frage stellte im kreuzer-Interview ein etwas erschöpft wirkender Claas Danielsen, Chef des DOK Leipzig, sich selbst. Am 27. Oktober beginnt es wieder, das Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, es ist eine der wenigen Institutionen der Stadt von echtem Weltrang. Für Danielsen wird es die letzte Festivalregie sein, nach zehn Jahren als Direktor und Geschäftsführer gibt er seinen Posten nach der diesjährigen Ausgabe ab und nimmt sich erst mal ein halbes Jahr Auszeit. Wie Danielsen seine Leipziger Zeit erlebte, wie alles begann und warum er geht, all das erzählt er den kreuzer-Filmexperten Eileen Reukauf und Lars Tunçay im großen Interview ab Seite 30.

Was sonst noch so in diesem Heft steht, entdecken Sie am besten selbst, liebe Leserinnen und Leser. Inhaltsverzeichnis, Monatstipps und Einblicke zeigt die Leseprobe unseres ePapers. Blättern Sie einfach los. Immerhin leben wir in einem freien Land.

Visafrei bis Hawaii!

ANDREAS RAABE

chefredaktion@kreuzer-leipzig.de

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Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. Willie Wildgrube | 1. Oktober 2014 | um 08:24 Uhr

    Lieber Kreuzer,

    vorab kann ich feststellen, dass du mich mit deinen nahezu großartig zu nennenden Artikeln zur so genannten „Wende“ besänftigt hast. Für deine Texte dazu habe ich nichts als Beifall.

    Was mich aber noch mehr emotional mitgenommen hatte, war dein Titelbild in Bunte-Manier. Ich habe intensiv nachgedacht, wie die Abbildung weiblicher Brüste zum Hefttitel „25 Jahre Freiheit“ passen könnte. Hätten es nicht auch die viel beschworenen „blühenden Landschaften“, jubelnde Massen, knallbunte Quietscheentchen, oder – genauso abwegig – das alternative Cover mit dem Hintern getan? Das zuletzt Genannte wäre ebenfalls (androgyne) Haut und ein Eyecatcher gewesen.

    Huh, nackte Haut?! Das wäre überhaupt nicht zu kritisieren, wenn du einen Titelbeitrag zu Sexualität bringst. Aber du versuchst dich hier eindeutig in Marktstrategien, die mir zuwider sind und an deren Kritik du dich bei der Ausstellung im MdBK beteiligt hattest. Wenn der Inhalt nichts mit der Präsentation zu tun hat, ist das deutlich zu kritisieren und gehört m. E. nicht in dein Repertoire. Die Bundesfrauenbeauftragte hat hierzu eine klare Definition aufgestellt: „Abgebildete Frauen oder die Art ihrer Darstellung haben keinen Zusammenhang zum angepriesenen Produkt. Frauen (oder Teile ihres Körpers) werden als reiner Blickfang oder als Dekoration verwendet.“ Das ist Sexismus. Wenn du dem widersprechen willst, nur zu! Aber nein. Deine Argumentation dazu erschöpft sich im Editorial in zwei belanglosen Sätzen: »Was hat das alles mit dem 9. Oktober 1989 zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel – und genau darum geht es.« Das ist mir ganz eindeutig zu wenig.

    Noch schlimmer treibst du es in der Beilage u:boot. Die deutliche Abbildung einer Vulva mag im Sinne von sexueller Aufklärung und Freizügigkeit interessant sein. Warum finde ich aber dort nicht eine einzige Erwähnung von Sexualität? Auch der Go-Go-Beitrag zu studentischen Nebenjobs versucht denselben aus der Schmuddelecke(!) zu holen und schließt diese Option implizit aus.

    Ich werde eine Beschwerde an den Werberat senden, der sich vermutlich bedeckt halten wird, da die Auflage ja nun fast schon verkauft ist. Mehr verspreche ich mir davon, die Frauenkultur und die Gleichstellungsbeauftragte (beide im Heft erwähnt) in Kopie zu setzen. Vielleicht setzt das eine Diskussion um sexistische Werbung in progressiven Medien – damit meine ich dich – in Gang.

    Mein Abonnement des Kreuzers bestelle ich hiermit ab. Das ermöglicht mir künftig eine Entscheidung gegen den Kauf in solch einem unerfreulichen Einzelfall.

    Mit freundlichen Grüßen
    Willie Wildgrube

  2. kasandro | 1. Oktober 2014 | um 12:56 Uhr

    Nein, wie furchtbar nacktes Fleisch und ein Greis aus Connewitz. Das paßt nicht zusammen. Sex iggitigitt. das passiert wenn man auf Fotos entblößter Frauenkörper starrt, statt den Text zu lesen.