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Ein Lied mit Brücken

Was Masur, Schmidt und Maffay über die Kraft der Musik sagen können

Schmidt, Hellen, Masur, Maffay, Foto: Andreas Keuchel / Hellen Medien Projekte Größeres Bild

»Musik ist sehr vielfältig«, sagt Burkhard Jung, und wie recht er hat, wird an dem Abend zum Thema »Die Kraft der Musik« nicht deutlich. Es geht aber auch nicht wirklich um Musik. Wie soll es auch, wenn die drei Podiumsgäste Kurt Masur, Helmut Schmidt und Peter Maffay heißen?

Dem Publikum ist es aber auch völlig egal, worum es hier geht. Irgendwas mit 89. Die Peterskirche ist ausverkauft. Viele haben Briefe geschrieben, in denen sie ihre eigenen Geschichten erzählen. »Leider kann Peter Maffay sie nicht alle persönlich beantworten«, erklärt Veranstalter und Moderator Sascha Hellen. Das täte ihm aber sehr leid.

Als Schmidt, Masur und Maffay mit Rollator, Rollstuhl und Lederjacke die Bühne – oder vielmehr den Altarraum – betreten: Standing Ovations von allen. Nach Grußworten von Landtagspräsident Matthias Rößler (»Stanislaw Tillich lässt alle ganz herzlich grüßen«) und Jung (»Willkommen am Gründungsort der SPD«) gibts tatsächlich Musik. Ein Trio spielt Mendelssohn Bartholdy. Helmut Schmidt, dessen Mikro schon an ist, fragt: »Seid ihr alle drei Koreanerinnen?« Nein, sie kommen aus China.

Dann wird geredet. Es sollen »Beispiele aus den Biografien der drei Gesprächspartner aufgezeigt werden, bei denen Musik Brücken der Völkerverständigung bauen konnte«, heißt es in der Einladung. Was zumindest erklärt, warum Maffay hier ist. »Sie hatten doch auch ein Lied mit Brücken«, sagt Masur zu ihm. »Vielleicht sollten wir das zusammen singen.« Aber nur wenn alle mitmachen, fordert Maffay. Na klar. Und alle so: »Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehn, siebenmal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.« Ein paar Leute schwenken schwarz-gelbe Schals, auf denen »Peter Maffay Fanclub ewig« steht. Maffay erwähnt, dass das Lied ja damals auf der anderen Seite des Landes geschrieben wurde.

So viel zu Maffay, dem Youngster der Runde. Ehrengast ist natürlich Helmut Schmidt, der sich mit seinen 95 Jahren noch auf den »beschwerlichen Weg« gemacht, wofür Kumpel Masur ihm herzlich dankt. Die beiden sind schon seit den 80ern befreundet, als Masur Schmidt in einem Hotel in New York aufspürte und ihm dann den noch leeren Konzertraum zeigte, in dem er dirigieren würde. Denn auch Helmut Schmidt kann Klavierspielen. »Haben Sie sich vor oder nach politischen Entscheidungen ans Klavier gesetzt?«, will der Moderator wissen. »Nein.« Der ehemalige Bundeskanzler, der heute nicht raucht (wegen der Kirche?) und zwar aussieht, als mache er zwischendrin ab und an ein Nickerchen, ist hellwach und konzentriert. Da er schon seit Jahren kaum noch etwas hören kann – also auch keine Musik mehr – und über den Mauerfall an sich nur erzählen kann, dass er ihn mit Tränen vor dem Fernseher verbracht habe (genau wie Maffay), erklärt er Grundsätzliches: Frieden und Gewaltfreiheit sollten vielmehr in den Fokus gerückt werden, ob im Grundgesetz oder in den Religionen. Frieden sei aber nicht das allerhöchste Gut: »Kann sein, dass ich einen Verbrecher jagen muss.« Zum Thema Wende erzählt er, dass er seine Stasi-Akte nie angerührt habe. Und dass Deutschland auch eine Geschichte vor 89 habe, die man nicht vergessen dürfe, die den Tod an sechs Millionen Juden und an Hunderttausenden Sinti und Roma mit einschließe. Auch nach der Friedlichen Revolution sei »nichts in Butter«. Und er glaubt auch nicht, »dass die Leipziger irgendeinen Vorrang haben«, wofür er großen Applaus der Leipziger erntet.

Kurt Masur, der als einziger 1989 und 1990 in Leipzig war (Maffay hatte hier aber ein Konzert), erinnert sich an Angst. »Ich hatte genauso Angst wie alle anderen«, sagt er und erzählt, wie er mit sechs Menschen am Küchentisch saß und sie überlegten, was zu tun sei. Moderator Hellen verliest den damaligen Aufruf zur Besonnenheit. Masur erinnert an Menschen, die er am 9. Oktober getroffen hat, die voller Zuversicht, dass sie friedlich bleibt, zur der Demonstration kamen. »Es ist unverständlich, dass kein einziger Stein in eine Scheibe geflogen ist.«

Bevor die erneuten Standing Ovations zur Verabschiedung der illustren Runde viele aus den hinteren Reihen nutzen, um nach vorne zu eilen und noch einen Handy-Schnappschuss zu ergattern, wandelt Maffay zum Schluss noch die Weisheit »Böse Menschen kennen keine Lieder« in »Musiker machen keinen Krieg« um und empfiehlt allen, ein Instrument zu lernen, weil das »Balsam für die Seele« sei. Wobei die Autorin – um ihr eigenes Seelenheil besorgt – hofft, dass nicht allzu viele Peter-Maffay-Fans dieser Aufforderung nachkommen.

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Ein Kommentar

  1. Jürgen Wieloch | 10. Oktober 2014 | um 09:38 Uhr

    Ein interessanter Beitrag, jenseits der üblichen Jubelarien in der gleichförmigen Presse und den übrigen Medien. Ich habe ihn zum Anlass genommen, um eigene Gedanken zum Thema “ Friedliche Revolution “ auf meinem Blog ins Netz zu stellen. Musik kann in der Tat eine verbindende Wirkung entfalten, aber nicht das Wort ersetzen, wenn sie unpolitisch ist. Richtig ist, dass Maffays Texte apolitisch sind. Ergo: Nichtssagend und beliebig. Er besingt ja auch die “ Freiheit „, der Herr Westentaschen – Rocker. Ein freies Leben indes gibt es nicht zum Nulltarif. Vor mehr als 25 Jahren war der gute Peter das musikalische Sprachrohr der Mühsamen und Beladenen, wie es ein “ SPIEGEL “ – Mitarbeiter nach einem seiner Konzerte süffisant formulierte. Deshalb hat er wohl auch noch so viele Fans. Das “ Brücken “ – Lied hat er von der einstigen DDR – Band “ Karat “ abkupfern dürfen. Ebenfalls dem Zufall geschuldet war, das er just in der Zeit der DDR – Demos dort auftreten durfte. Insofern verbindet ihn vielleicht einiges mit der Wendezeit. So genannte “ Westmusik “ war zu DDR – Zeiten deshalb gefragt, weil sie damals nur unter reglementierten Bedingungen gespielt werden durfte. Musik ist deshalb immer noch Geschmackssache. Sie kann vielleicht auch Völker verbindend sein.
    Als “ Lili Marleen “ im II. Weltkrieg das “ Soldatenlied “ “ schlechthin wurde, sollen beim Abspielen des Stücks für kurze Zeit die Waffen geschwiegen haben. Danach wurde weiter gemordet. Ein grenzenloser Geschmack bekommt dann doch seine Grenzen aufgezeigt. Auch Peter Maffays Musik hat Grenzen.