Startseite / Filmkritik / Dafür werden Filme gemacht

Dafür werden Filme gemacht

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

undertheskin Größeres Bild

Beim Filmfestival in Venedig feierte im vergangenen Jahr ein Film seine Premiere, der Kritiker und Kinopublikum verstört und euphorisiert ins Tageslicht entließ. Im Anschluss begann Jonathan Glazers »Under the Skin« einen Triumphzug über diverse Festivals und hierzulande stieg die Vorfreude auf einen deutschen Kinostart. Dem Senator Verleih erschien das Kunstwerk jedoch als zu sperrig für hiesige Leinwände. Dem Luru Kino auf dem Spinnereigelände ist es nun zu verdanken, dass der von vielen am meisten erwartete Kinofilm dieses Jahres nicht im Home Entertainment-Segment verramscht wird, sondern dorthin kommt, wo er nicht nur in Leipzig hin gehört: auf die große Leinwand. Auch das deutsche Kino zeigt sich mit zwei kleineren Filmen in dieser Woche stark, die vor der Versendung im Nachtprogramm der Öffentlich-Rechtlichen erfreulicherweise ins Kino kommen. Jetzt liegt es beim Publikum, die Gelegenheit zu nutzen.

Film der Woche: »Under the Skin« geht auf mehreren Ebenen ans Eingemachte, ans Instinktive: Nichts weniger als das Menschsein wird thematisiert, in all seiner Düsternis. Scarlett Johansson mimt eine namenlose Femme fatale, die ahnungslose Männer von der Straße aufgabelt, um sie an einen mysteriösen Ort zu lotsen und dort verführerisch in deren Tod zu locken. Was ihr Handeln antreibt, bleibt undurchsichtig, sie wirkt geheimnisvoll und in ihrem Umfeld deplatziert. Die Entscheidung Glazers, gerade das globale Sexsymbol Johansson oftmals entkleidet zu inszenieren, entpuppt sich am Ende des Films als hintersinniger Kommentar auf einen lustgesteuerten »Male Gaze«. Ist sie doch kein lebendiges Wesen, sondern ein Alien, das im Laufe der Geschichte jedoch beginnt, Emotionen zu entwickeln und sich für menschliche Körperlichkeiten wie Essen und Sex zu interessieren. Geschützt aus ihrem Lieferwagen heraus beobachtet sie ihre potentiellen Opfer auf den Straßen Edinburghs. Diese dokumentarisch anmutenden Abschnitte werden ergänzt mit düster-erhabenen Naturaufnahmen und ins Abstrakte gehende Sequenzen voll nackter Körper. Das Ergebnis ist eine beeindruckende, visuelle Meditation über existenzielle Verunsicherung und Entfremdung. Ausführliche Kritik von Stephan Langer im aktuellen kreuzer.

»Under the Skin«: ab 9.10., Luru Kino auf dem Spinnereigelände

In »The Salvation« verliert der dänische Einwanderer Jon seine Frau und seinen Sohn kurz nach deren Ankunft in der Neuen Welt. Sie werden brutal ermordet, und das karge Zuhause, das er in den vergangenen Jahren der Wildnis abgetrotzt hat, dient nur mehr als ihr Grab. Nachdem er seine Familie beerdigt hat, macht Jon sich auf, um Rache an den Mördern zu nehmen. Doch die sind mächtig: Der ehemalige Army-Colonel Delarue hält die kleine Stadt Black Creek im eisernen Griff, kontrolliert alles und jeden. Unterstützung von den Bewohnern bekommt der Held daher nicht – wie in Fred Zinnemanns Klassiker »High Noon« wird er von der Gemeinschaft im Stich gelassen und muss seinen Rachefeldzug allein antreten. »The Salvation« wird von der Action vorangetrieben, von Schießereien und Verfolgungsjagden zu Pferd, durch weite, makellose Landschaften. Die Gewalt wird dabei jedoch nie spektakulär und das Sterben immer dreckig inszeniert. Zwischendurch gestattet Levrings Film sich auch langsame, nachdenkliche Momente. Er zelebriert einzelne, sehenswerte Bilder – und er nimmt seine Figuren sehr ernst. All das macht »The Salvation« zu einem gelungenen Western – und weil die heutzutage rar sind, sollten Fans des Genres den Film keinesfalls verpassen. Ausführliche Kritik von Alexander Praxl im aktuellen kreuzer.

»The Salvation«: ab 9.10., Schauburg (auch OmU), Regina, ab 23.10., Kinobar Prager Frühling (OmU)

»Hirngespinster«, das Langfilmdebüt von Christian Bach zeigt den schizophrenen Architekten Hans Dallinger, der mit seiner Familie ein spießiges Einfamilienhaus bewohnt. Hin und wieder kommt es zu gewalttätigen Ausfällen des Vaters, der daraufhin eingewiesen und auf Medikamente gesetzt wird. Diese verweigert er aber rigoros, sobald er wieder ins eigene Heim entlassen wird. Unter der ungewöhnlichen heimischen Situation leidet insbesondere der 23jährige Sohn Simon, der sich nicht nur zunehmend als Ersatzvater für seine kleine Schwester Maja bewähren muss, sondern auch fürchtet, dass sich die Schizophrenie seines Vaters auf ihn vererbt haben könnte.

Simon steht von Anfang an im Zentrum des Films. Er wird als Ich-Erzähler eingeführt und dient dem Publikum als Identifikationsfigur. Einerseits beschämt Simon der Zustand des Vaters und bringt ihn dazu, zu Notlügen zu greifen und die Tatsachen zu verdrehen. Andererseits ist sich der junge Protagonist seiner Verantwortung bewusst. Er ist gezwungen, die Prioritäten anders zu setzen als es viele seiner Altergenossen vielleicht tun würden. Der Zuschauer hat durch ihn den Blick von außen und muss nicht versuchen, die rational kaum fassbaren Gedankenwelten des Schizophrenen nachzuempfinden. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Hirngespinster«: ab 9.10., Kinobar Prager Frühling

Der kreuzer verlost 3×2 Freikarten, sowie die CD von Jonas Nays Band »Northern Lights«. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: »kunst:verrückt«)

Vor fast 30 Jahren ließ der New Yorker Louis Sarno sein altes Leben hinter sich und fing ein neues bei dem Pygmäen-Stamm der Bayaka im zentralafrikanischen Urwald an, lernte ihre Musik und ihre Sprache, verliebte sich in eine Einheimische und bekam zwei Kinder mit ihr. Nur selten kehrte Sarno in die USA zurück, um seine Familie und alte Weggefährten wie Jim Jarmusch zu besuchen. Vor einigen Jahren spürte der deutsche Journalist Michael Obert für eine Reportage den US-Amerikaner im Urwald auf. Für einen Film über Sarnos Geschichte und seinen Kampf für die vom Untergang bedrohten Bayaka kehrte er zurück. Als das Filmteam dort aufschlägt, ist Sarno vor allem mit einer bevorstehenden USA-Reise beschäftigt. Er hat seinem 13-jährigen Sohn Samedi versprochen, ihm das Land zu zeigen, wo er herkommt. Dieser Umstand und auch die Kamera, die ihn stets fokussiert, scheinen Sarnos Gedankenwelt in einen Reflexionsschwall zu führen, der in einem Vater-Sohn-Konflikt seine ganze Entfaltung findet. Denn nicht Samedi ist es, der sich zwischen den Hochhausschluchten nicht zurechtfindet. Es ist sein Vater, der den Wechsel zwischen den beiden Lebenswelten nur schwer erträgt und dessen zerrissene Persönlichkeit immer mehr Form annimmt. Das spiegelt Obert gekonnt auf inszenatorischer Ebene wieder. Die Pygmäen-Gesänge legen sich über die Bilder der grau-herbstlichen New Yorker Tristesse und in die Dunkelheit des Regenwaldes dringt zunehmend der Alltagslärm der Großstadt. Als assoziative, rein beobachtende filmische Reise angelegt, blickt »Song From The Forest« tief in die Schlucht dazwischen. Ausführliche Kritik von Eileen Reukauf im aktuellen kreuzer.

»Song From The Forest«: ab 9.10., Schaubühne Lindenfels

Aus heiterem Himmel verliert Schauspielerin Anna (Katharina Maria Schubert) ihre Anstellung an einem kleinen Stadttheater. Eben noch auf der Bühne findet sie sich nun in der Tristesse des örtlichen Jobcenters wieder. Auf Drängen ihrer theaterbegeisterten Sachbearbeiterin übernimmt sie die Leitung eines Schauspielkurses für acht Langzeitarbeitslose – »schwer Vermittelbare«. Trotz gewaltiger Widerstände gegen die verpflichtende Bildungsmaßnahme formt sich aus den frustrierten Einzelkämpfern zunehmend eine eingeschworene Gruppe, mit der Anna „Antigone“ inszeniert. Überraschend kommt in die privaten Dramen der Teilnehmer immer mehr Bewegung und auch Anna erlebt einen Neuanfang, mit dem sie so nicht gerechnet hat. Regisseur Oliver Haffner (»Mein Leben im Off«) inszenierte dieses erfrischend leichte Sozialdrama im Ton der Filme Dresens mit einem tollen Ensemble.

»Ein Geschenk der Götter«, ab 9.10. Passage Kinos

Der kreuzer verlost 3×2 Freikarten. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: »Hartz IV«)

 

Die Filmtermine der Woche

Der Abend der Gaukler

Frühes Drama von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1953 um einen Wanderzirkus und die traurige Geschichte des Clowns Frost.

9./10.10., 22 Uhr, Schaubühne Lindenfels (OmU)

 

Shorts Attack: Shopping Shorts

Kurzfilmprogramm aus aller Welt zum Thema Einkaufen.

9.10., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

Süßes Gift – Hilfe als Geschäft

Hilft Entwicklungshilfe der Entwicklung? Dokumentarfilm von Peter Heller im Rahmen der GlobaLE Leipzig. Im Anschluss Diskussion mit Gästen.

9.10., 20 Uhr, UT Connewitz

 

More than Honey

Regisseur Markus Imhoof verfolgt das Schicksal der Bienen von der eigenen Familienimkerei bis hin zu industrialisierten Honigfarmen und Bienenzüchtern. Mit spektakulären Aufnahmen öffnet er dabei den Blick auf eine Welt jenseits von Blüte und Honig, die man nicht so schnell vergessen wird.

10.10., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer

Premiere der MDR-Produktion zum Jahrestag der Friedlichen Revolution. Der Leipziger Comiczeichner und Trickfilmer Schwarwel zeigt die Wendejahre aus einer subjektiven Sicht, abseits von Hurrageschrei und Lichtfest.

10.10., 17 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

 

Kings Of Kallstadt

Dokumentarfilm über ein pfälzisches Dorf mit Verbindung zu Donald Trump und Heinz Ketchup. Premiere in Anwesenheit des Filmteams am 11.10.

11.10., 18 Uhr und 14.10., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

Lange Filmnacht

…zum Jahrestag der Friedlichen Revolution: »The Burning Wall« (D 2002), »Das Wunder von Leipzig« (D 2009), »Der Tag der Entscheidung – Leipzig 9. Oktober 1989« (D 1992)

11.10., 19 Uhr, Museum in der »Runden Ecke«

Veve

Amos ist ein skrupelloser Lokalpolitiker in der kenianischen Region Maua, in der die Droge »Veve« angebaut wird. Auch Amos ist in den Handel mit dem lukrativen Kraut verstrickt und versucht mit allen Mitteln seine Kontrahenten auszustechen. Mit der Handkamera im dokumentarischen Stil gefilmt, offenbart der Film einen beeindruckenden Kosmos aus Korruption und sozialer Ungerechtigkeit. Der Film entstand im Rahmen von Tom Tykwers Initiative »One Fine Day Films«. Premiere in Anwesenheit von Regisseur Simon Mukali und Hauptdarsteller Emo Rugene

11.10., 19.30 Uhr, Passage Kinos

 

Die Wismut

Volker Koepp porträtiert in beeindruckenden Bildern eine geschundene Landschaft und Menschen, die mit Würde, Stolz und Trauer auf 40 Jahre Wismut zurückblicken.

13.10., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

 

Velvet Goldmine

Todd Haynes‘ musikalischer Bilderrausch aus dem Jahre 1998 rekonstruiert die schillernde Ära des Glam Rock.

13.–15.10., 21 Uhr, UT Connewitz (OmU)

 

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Als Hazel und Gus lernen sich in einer Krebsselbsthilfegruppe kennen und lieben. Nachwuchsfilmemacher Josh Boone entwickelt in der Kinoadaption des Romans von John Green ein gutes Händchen für den eigenen Erzählton der Geschichte. In der Reihe »Filme vom Abschied«.

15.10., 19.30 Uhr, Passage Kinos

 

Kurzfilmprogramm »kunst : verrueckt«

Kurzfilmprogramm zum Festival »kunst : verrueckt« in Zusammenarbeit mit dem Durchblick-Verein.

15.10., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.