Startseite / Konzertkritik / Liebeskummer im Wohnzimmer

Liebeskummer im Wohnzimmer

Die Leipziger Band Karl die Große in der ausverkauften naTo

Foto: Ruprecht Langer Größeres Bild

Wohnzimmerkonzerte haben in Leipzig Tradition. Aber was tun, wenn das Publikum zu zahlreich wird? Dann holt man sich das Wohnzimmer eben auf die Bühne. Auf großem Teppich, zwischen Ballonlampe, Lichterketten und Lieblingsbüchern von Paulo Coelho bis Erwin Strittmatter hat sich am Samstag – unterstützt von der witzigen Vorband Love, the Twains – Karl die Große in der naTo häuslich eingerichtet.

Dass das Leipziger Sextett inzwischen kein Geheimtipp mehr ist, zeigte sich nicht allein am ausverkauften Haus. Mittlerweile tourt die Band durchs ganze Land, gewann jüngst den Publikumspreis bei der Wahl zur Leipziger Band des Jahres 2014, und auch Radio und Zeitungen sind des Lobes voll. Völlig zu Recht, wird wohl jeder bestätigen, der die Band live erleben durfte. Ein Dreivierteljahr ist es her, dass Karl die Große zuletzt in Leipzig gespielt hat. Viele neue Songs und das neue Musikvideo, das während des Konzertes zum ersten Mal gezeigt wurde, sind dazugekommen.

Im Grunde jedoch hat sich nicht viel verändert: Wencke Wollny singt noch immer mit viel Gefühl von Einsamkeit und großer Liebe, von Beziehungen, die halten, und solchen, die zum Scheitern verdammt sind: »Die Distanz wird immer größer, egal wie nah wir uns noch sind.« Dazwischen kritisiert sie heftig Konsum- und Fortschrittswahn, prangert die »Entzauberung der Welt« an und erinnert an die schönen und tragischen Kleinigkeiten des Lebens. Fahrradfahren zum Beispiel oder die Ästhetik des im Regen ertrinkenden Kopfsteinpflasters. Wer will, kann hier überall ganz viel von Leipzig zwischen den Zeilen heraushören.

Umringt von den Musikern, die für ihre ausgedehnten jazzigen Soli und mehrstimmigen Gesangseinlagen mit Szenenapplaus aus dem Publikum bedacht werden, hat Wollny eine Band erschaffen, die sich irgendwo zwischen Rock, Pop, Funk und Singer/Songwriter-Ballade bewegt.

Der immer wieder angebrachte Vergleich mit Sophie Hunger, aber auch mit Dota, ist in der Tat nicht zu hoch gegriffen. Und es bleibt zu hoffen, dass Karl die Große die Heimeligkeit eines Wohnzimmerkonzerts beibehält, wenn sie nun – ihrem Namensvorbild gleich – auszieht, um die Welt zu erobern.

http://www.karldiegrosse.de

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.