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Dok- und Mockumentarisches

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

salzdererde Größeres Bild

Die Leipziger DOK-Woche ist im vollen Gang und ausgerechnet in dieser Woche starten drei der besten Filme des Jahres. Dabei beweist auch Wim Wenders seine Liebe zum Dokumentarfilm und schafft ein einzigartiges Porträt eines Ausnahmekünstlers. Aus Neuseeland kommt derweil eine inszenierte Dokumentation, die das diesjährige DOK-Motto »Wahrheit und Fiktion« auf höchst unterhaltsame Weise widerspiegelt. Der dritte Tipp in dieser Woche schließlich erweckt ein historisches Ereignis mit den Mitteln des Spielfilms zum Leben. Also irgendwie ist dann doch alles aus dem Leben gegriffen.

Film der Woche: Ein kontrastreiches Schwarz-Weiß-Bild füllt zu Beginn die Leinwand. Darauf zu sehen sind Arbeiter in einer Goldmine in Serra Pelada, einer Gebirgskette in Brasilien. Einer Ameisenkolonie gleich verrichten sie zu Tausenden ihr Werk. Man kann den sonoren Ton ihrer murmelnden Kehlen förmlich hören. Aufgenommen hat es Sebastião Salgado, der mit seinen Worten aus dem Off die Szene zum Leben erweckt. Vier Jahrzehnte lang bereiste der brasilianische Fotograf die Kontinente und fing den Wandel der Welt ein. Sein Weg führte ihn zu Ureinwohnern in Papua Neuguinea, als stiller Beobachter ihrer Riten und Bräuche, zu Inuit-Völkern am Nordpol und Robbenpopulationen in Alaska. Mitte der Achtziger rückte er die weltweite Aufmerksamkeit auf das Leid der Bevölkerung von Äthiopien. Seitdem ist er ein Kämpfer für die Unterdrückten. Seine atemberaubenden Aufnahmen erzählen von den Menschen und sprechen dabei direkt zum Betrachter.

Als sein Sohn Ribeiro einen Dokumentarfilm über seinen ihm unbekannten Vater drehen wollte, zog er Wim Wenders hinzu. Der schuf eine faszinierende Biographie des Ausnahmekünstlers und eine zutiefst beeindruckende Werkschau. Ein berührender Rausch der Bilder. Dafür wurde Wenders in Cannes der Spezialpreis der Jury Un Certain Regard zuteil.

»Das Salz der Erde«: ab 3.11., Passage Kinos

Eigentlich sind sie ja zum Anbeißen, die vier Vampire, die das Kamerateam für einige Wochen begleitet – selbstredend mit der Auflage, dass man sie nicht anknabbert. Viago (Taika Waititi) ist die gute Seele im Haus und organisiert die WG-Treffen. Die sind auch dringend nötig, denn Deacon (Jonathan Brugh) drückt sich vor dem Abwasch und die blutigen Teller und Tassen stapeln sich schon in der Küche. Außerdem legt er sich ständig mit Vladislav (Jemaine Clement) an, dessen Ego so groß ist wie sein Appetit auf Jungfrauen. Petyr (Ben Fransham) kratzt das wenig. Schließlich ist er schon über 5.000 Jahre alt und meist in seiner Kammer zugange. Als er eines Nachts den Mittzwanziger Nick (Cori Gonzalez-Macuer) beißt, kommt Bewegung in die verknöcherte Wohngemeinschaft. So richtig leiden kann das Großmaul niemand, trotzdem versuchen sie ihm Manieren beizubringen. Immerhin hat er stets seinen Kumpel Stu (Stuart Rutherford) an seiner Seite – und Stu ist echt okay. Aberwitzige Mockumentary mit viel Situationskomik und haufenweise abgedrehten Ideen. Ein außerordentliches Vergnügen nicht nur für Genrefans und ein angenehmes Gegenmittel angesichts der grassierenden Blutsauger-Welle. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»5 Zimmer Küche Sarg«: ab 30.10., Schauburg, Regina (am 3.11., 20 Uhr in OV), ab 3.11., Passage Kinos

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Großbritannien, Mitte der 1980er Jahre: Die britischen Berg- und Minenarbeiter sind bedroht durch die unerbittliche Regierungspolitik Margaret Thatchers und reagieren mit Streiks. Die Belange der Arbeiter erregen das Interesse einer Schwulen- und Lesbenvereinigung, die voller Elan in London Spenden sammelt und schließlich eine exemplarische Bergarbeitersiedlung in Wales mit ihrem unerschütterlichen Engagement unterstützt. Dabei prallen allerdings zwei Welten aufeinander, denn die konservativen Minenarbeiter sind von der Exaltiertheit ihrer homosexuellen Unterstützer zunächst gehörig vor den Kopf gestoßen. Der lange und steinige Weg der gegenseitigen Annäherung bietet in »Pride« den Nährboden für eine von Gegensätzen bestimmte Geschichte, die geschickt zwischen tragischen und komischen Momenten zu changieren versteht. Ein Film, der zu Tränen rührt, indem er die Kraft der Solidarität feiert. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Pride«: ab 30.10., Kinobar Prager Frühling

 

Die Filmtermine der Woche

 

57. Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

bis 2.11., www.dok-leipzig.de

kreuzer-leipzig.de/dokblog

 

Im Westen nichts Neues

Bewegender Antikriegsfilm von 1930 nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Oscar für den Besten Film und die Beste Regie.

30.10., 18 Uhr, Stadtgeschichtliches Museum/Neubau

 

Schauspieler, Stars und Superstars – der Charakter von Philip Seymour Hoffman

Die Retrospektive in der Cinémathèque hat es ja bereits unterstrichen, aber man kann es nicht oft genug betonen: Philip Seymour Hoffman war einer der ganz Großen. Die Filmwissenschaftlerin Claudia Cornelius erinnert an den außergewöhnlichen Künstler. Im Anschluss gibt es einen Überraschungsfilm.

30.10., 20.15 Uhr, Memento

 

Zombiber

Eine Gruppe von jungen Leuten macht Urlaub in einem abgeschiedenen Haus am See. Plötzlich fallen die Zombiber über sie her. Ein skurriler Alptraum beginnt. Die Trash-Tier-Horror-Komödie von Jordan Rubin kommt zu Halloween frisch aus den Staaten zu uns.

31.10., 22.30 Uhr, Regina Palast

 

Die große Illusion

Meisterregisseur Jean Renoir entlarvte in seinem Werk von 1937 den Widersinn des Krieges und verzichtet dabei auf ausgedehnte Kriegsszenen. »Die große Illusion« erzählt von drei französischen Offizieren, die während des Ersten Weltkrieges in deutsche Gefangenschaft geraten. Aus dem Lexikon des internationalen Films: »Über die Darstellung des Lebens in der Gefangenschaft gelingt Jean Renoir in seinem Meisterwerk eine Interpretation von Klassenverhältnissen, die den Menschen psychologisch auch für den Krieg konditionieren.« Mit Jean Gabin und Erich von Stroheim, im Original mit deutschen Untertiteln.

2.11., 17.15 Uhr, Regina Palast

 

Doppelt und Dreifach – Ein Film über das Künstlergut Prösitz

Ausgangsfrage des Films ist, wie sich Künstlerinnen finanzielle Unabhängigkeit bei möglichst viel Raum für kreative Arbeit aufbauen und dabei gleichzeitig ein Privatleben führen oder gar eine Familie gründen können. Diese Problematik wird beispielhaft an der 1993 entstandenen Artist Residency »Künstlergut Prösitz« aufgezeigt. Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit Anna-Maria Weber und Künstlern aus Prösitz.

3.11., 17 Uhr, Haus des Buches

 

Horror-Doppel mit Donis

Der Horrorpapst bittet zur Audienz. Diesmal gibt es domestizierten Grusel mit »When a Stranger Calls« (USA 1979) von Fred Walton und Lamberto Bavas »Macabro« von 1980.

5.11., 20 Uhr, LURU-Kino in der Spinnerei

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