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Sinn und Unsinn

Die Kinostarts im Überblick und was sonst noch Filmisches in der Stadt geschieht

verschwindeneleanorrigby Größeres Bild

Der Festivalmonat November neigt sich dem Ende zu und der Kreis schließt sich. In dieser Woche flimmern noch einmal Dokumentarfilme über die Leinwand der Cinémathèque und entwerfen bis zum Freitag ein facettenreiches Bild des gegenwärtigen China. Daneben buhlen wieder reichlich hochkarätige Filmstarts um die Gunst der Zuschauer. Terry Gilliam ist immer noch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, Ned Benson untersucht das Scheitern einer Beziehung mit zwei glänzenden Hauptdarstellern und in den Multiplexen warten Fortsetzungen zweier Komödienerfolge, animiert (»Die Pinguine aus Madagascar«) und reanimiert (»Kill the Boss 2«). Willkommene Gelegenheit, sich im Kinosessel zu vergraben, bevor die Tage wieder länger werden.

Film der Woche: Es gibt immer zwei Seiten vom Ende einer Beziehungsgeschichte. Das wollte Regisseur Ned Benson deutlich machen. In zwei autonomen Filmen zeichnete er das Scheitern einer Beziehung auf. Nun kommt die Ehe dieser beiden Werke in die Kinos. Benson lässt das »Davor« zu Beginn nahezu vollständig offen. Wir wissen nur, dass ein Ruck die zwei Liebenden auseinandergerissen hat. Conor hat es scheinbar schwerer, mit der Trennung klar zu kommen. Er vergräbt sich in seinem kleinen Restaurant, das eher schlecht als recht läuft, und setzt sich mit seiner schwierigen Beziehung zu seinem Vater, der wesentlich erfolgreicher in seinem Metier arbeitet, auseinander. Eleanor zieht sich zu ihren Eltern zurück und besucht erneut die Uni, wo sie in der zynischen Professorin Friedman eine Mentorin findet, mit deren Hilfe sie ihr Leben wieder in den Griff bekommt. Ohne einander halten es aber beide nur schwer aus. Benson gelingt es dabei, die Sicht des jeweils anderen verständlich zu machen, auch wenn sich die Wege der beiden nur selten kreuzen. Rückblenden verdeutlichen ihre Liebe in bittersüßen Szenen. Wir leiden mit ihnen, was auch der Verdienst der beiden Hauptdarsteller ist, die sich dem Projekt hingaben. Jessica Chastain als Eleanor ist hin und her gerissen zwischen Zukunft und Vergangenem. James McAvoy verliert sich als Conor zwischen männlichem Stolz und Resignation. In der Melange eine wirklich reizvolle Kombination, die neugierig auf die einzelnen Werke macht. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Das Verschwinden der Eleanor Rigby«: ab 27.11., Passage Kinos (auch OmU)

Der kreuzer verlost 3×2 Freikarten und 3 Plakate. E-Mail mit Betreff »All the lonely people« an film@kreuzer-leipzig.de

Qohen Leth (Christoph Waltz) passt einfach nicht in die Welt, in der er lebt. Der Misanthrop fristet sein einsiedlerisches Dasein in einer ausgebrannten Kirche. Nur sehr widerwillig begibt er sich auf die Straßen der Stadt. Berührungen sind absolut tabu. Wenn er doch mal die Tür zur Außenwelt öffnet, um zu seiner Arbeitsstätte zu gelangen, bricht er fast vor der Reizüberflutung der futuristischen Umwelt zusammen. Laufschriften überall, die Farben grell, die Töne schrill. Die Kommerzialisierung des Alltags hat perverse Ausmaße angenommen. Das Ziel ist der schnelle Kick. Insofern ist »The Zero Theorem« keine Dystopie und weit weniger dunkel als sein geistiger Cousin »Brazil«, denn die Menschen steuern zwar auf ihren Untergang zu, haben aber mächtig Spaß dabei. Nur eben Qohen nicht. Leider ist er aber auch ziemlich genial in dem, was er tut. Als Computerdrohne löst er esoterische Gleichungen. Zahlen, die ein Eigenleben entwickelt haben. »Management« (Matt Damon), der mysteriöse Boss, erkennt sein Potenzial und gibt ihm eine Aufgabe, an der schon viele geniale Geister gescheitert sind. Qohen möchte aber eigentlich nur nach Hause und auf den Anruf warten, der wieder Sinn in sein Leben bringt. Ein Fest für Gilliam-Connaisseure, ein futuristischer Fiebertraum in knalligem UV-Licht, ein kantiges Konstrukt, das die Hirnwindungen verdreht und in seiner Umsetzung alles andere als perfekt – aber eben ein echter Gilliam in jeder Pore. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»The Zero Theorem«: ab 27.11., Passage Kinos (auch OmU)

Der kreuzer verlost Freikarten. E-Mail mit Betreff »Captain Chaos« an film@kreuzer-leipzig.de

Eine Geschichte wie gemacht fürs Kino: Der Sohn eines der führenden Köpfe der Hamas wechselt die Seiten des Gazasteifens und arbeitet als Spion für die Israelis. Dabei steht er unter dem Druck einer moralischen Zwickmühle: Kann er wirklich seine eigene Familie ans Messer liefern und sein Volk verraten? Eine explosive Melange, die ihre Opfer fordert. Die Produzenten des Oscar-gekrönten »Man on Wire« entschlossen sich dafür, den packenden Politthriller nicht als Spielfilm zu erzählen, sondern mit den Worten des »Green Prince« Mosab Yousef selbst. Er flüchtete 2007 in die USA und schrieb seine Geschichte in der Autobiografie »Sohn der Hamas« nieder, die als Basis für die Rekonstruktion der Ereignisse diente. In nachgestellten Szenen, Archivaufnahmen und Interviews mit ehemaligen Mitgliedern des israelischen Geheimdienstes Shin Bet, aber vor allem anhand der Schilderungen des Protagonisten entsteht so ein facettenreiches Bild des Konflikts im Nahen Osten. Politik kinoreif inszeniert, nach wie vor brisant und brandaktuell. Eine Hollywood-Adaption (z. B. mit Matt Damon als Yousef) dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

»The Green Prince«: ab 27.11., Kinobar Prager Frühling

Maravan (Hamza Jeetooa), tamilischer Asylbewerber, arbeitet als Hilfskraft in einem Züricher Sternelokal tief unter seinem Niveau. Denn Maravan ist ein begnadeter, leidenschaftlicher Koch. Seine Großmutter hatte ihn in die Kochkunst eingeweiht, nicht zuletzt in die Geheimnisse der aphrodisischen Küche. Als er gefeuert wird, ermutigt ihn seine Kollegin Andrea (Jessica Schwarz) zu einem Deal der besonderen Art: einem gemeinsamen Catering für Liebesmenüs. Anfangs kochen sie für Paare, die eine Sexualtherapeutin vermittelt. Doch der Erfolg von »Love Food« spricht sich herum und eine viel zahlungskräftigere Klientel bekundet Interesse: Männer aus Politik und Wirtschaft – und deren Grauzonen. Maravan hat Sorge, das Geschäft könne »unanständig« werden. Und das wird es. Doch er benötigt das Geld dringend, um seine Familie zu unterstützen. Unsentimental erzählte Geschichte eines Einwandererschicksals, adaptiert von Ralf Huettner (»Vincent will Meer«) nach dem Roman von Martin Suter.

»Der Koch«: ab 27.11., Regina Palast

Der kreuzer verlost zwei Pakete jeweils bestehend aus zwei Kinotickets und der Romanvorlage zum Film von Martin Suter. E-Mail mit Betreff »Love Food« an film@kreuzer-leipzig.de

 

Die Filmtermine der Woche

2. 拆 chāi. China Dokumentarfilm-Festival

Ein facettenreiches Bild einer vielfältigen Kultur, ein roher, ungeschönter Blick auf das gegenwärtige China, fernab von Propaganda und Staatszensur bietet das Konfuzius-Institut in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal.

26.–28.11., Konfuzius-Institut, Cinémathèque in der naTo

 

Cinema Obscure

Der Mannheimer Verleih Drop Out Cinema, der sich im sozialen Netz selbstbewusst als »religiöse Gemeinschaft« bezeichnet, schickt mit dem Cinema Obscure Festival gleich eine ganze Reihe Obskuritäten auf Tour und macht dabei auch Station im Luru. So kommen auch wir in den Genuss von Trash (»Sharknado 2«), Klassikern (»Here Comes The Devil«) und allerlei Seltsamem (»The Strange Colour Of Your Body’s Tears«). Ein Fest für Freunde des Abwegigen.

27.11.–3.12., LURU-Kino in der Spinnerei

»Coherence«: 27.11., 20 Uhr

»The Strange Colour of your Body’s Tears«: 28.11.,19 Uhr, 3.12., 20 Uhr

»Sharknado 2«: 28.11., 21 Uhr, 30.11., 19 Uhr

»Here Comes The Devil«: 29.11., 2.12., 20 Uhr

»The Texas Chainsaw Massacere 1974«: 29.11., 22 Uhr

»Gefällt mir«: 30.11., 17 Uhr

 

Mütter und Töchter

Magda, Anna und Malgorzata wurden 1945 im Gefangenenlager im sächsischen Zeithain in der Nähe von Dresden geboren – und waren damit von Geburt an Kriegsgefangene. Im Film kommen zwei Generationen der Frauen aus Zeithain zu Wort. Die Mütter erzählen von ihrer Teilnahme am Warschauer Aufstand, den Umständen, unter denen sie ins Kriegsgefangenenlager Zeithain kamen, sowie von Schwangerschaft und Geburt. Die Töchter berichten darüber, was ihnen ihre Mütter auf den Lebensweg mitgegeben haben, wie die Erfahrungen der Mütter mit deutscher Besatzung, Widerstand und Gefangenschaft sie geprägt haben. Polnischer Dokumentarfilm von 2007.

27.11., 19 Uhr, Polnisches Institut

 

Eine Reise durch die memento-Regiewand

Die Programmvideothek im Herzen von Leipzig zieht weiter durch die Ahnengalerie der besten Regisseure. Diesmal im Fokus: Lubitsch, Wilder, Allen und Coen. Vortrag von Claudia Cornelius mit Überraschungsfilm.

28.11., 20.15 Uhr, Memento

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