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Das Ding aus dem Sumpf

Schlüpfrig oder unter Linden? Der Mythos des Leipziger Stadtnamens

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Arbeit am Mythos: »Außer Leipzig gibt’s kein Leben, kann man leben, dann so eben!«, schrieb Benedikt Carpzov seinen Studenten ins Stammbuch. Der Leipziger Professor wird als Begründer der deutschen Rechtswissenschaft gefeiert – unerwähnt bleibt oft ob solcher Lobhudelei, dass Carpzov eben auch die Verbrennung von Hexen rechtfertigte. So ist das mit den Mythen. Nicht alles, was sie besagen, stimmt – oder manchmal auch gar nichts. Schöne Geschichten sind sie trotzdem. Einige erzählen wir in der aktuellen Ausgabe und gehen hier unter anderem der Frage nach: Ist Leipzig die Stadt der Linden?

»Sachsens schöne Lindenstadt« – huldigte Johann Christoph Gottsched, bemühter Reformer in Sachen Literatur, Sprache und Theater, Leipzig Mitte des 18. Jahrhunderts. »Auf, du geliebte Lindenstadt«, schrieb Bachs Textdichter für eine der Ratswahlkantaten dem Bass ins Rezitativ. Und als Ernst Moritz Arndt 1813 die Völkerschlacht reimend rühmte, pries er den Ort mit »O Leipzig, freundliche Lindenstadt«. Natürlich scheint es nicht weit hergeholt, Leipzig als Lindenstadt zu bezeichnen, schließlich stehen genug davon herum, zum Beispiel als Begrünung des Straßenrands. Die Stadtteile Lindenau und Lindenthal müssen ja auch irgendwie zu ihren Namen gekommen sein.

Der Name Leipzigs selbst soll Lindenstadt bedeuten, eine Bezeichnung, die aus der Zeit der slawischen Besiedlung stammt. Man nimmt an, dass die alten Sorben den Ort zwischen Elster, Parthe und Pleiße »Lipsk« nannten, was – abgeleitet von lipa (Linde) – Lindenort heißt. Da muss es wohl früher viele Linden gegeben haben, die dann auch die deutschen Siedler vorfanden, woraufhin sie den Sorben zuriefen: »Sorben! Seht, dort ragt die Linde, voll und würzig ist ihr Duft; / ihren Fuß umspülten Wogen und ihr Haupt die Sommerluft. / Wildpret geben ihre Forsten, Fische spendet uns der Fluss – / hier, ihr Männer, ist die Stätte, wo man Leipzig gründen muss!« So jedenfalls stellte es sich Erwin Bormann 1879 vor.

Das Wissen über den frühen Ortsnamen haben wir aus Quellen wie der Chronik Thietmar von Merseburgs, die Leipzigs Ersterwähnung enthält. Der Bischof und andere schrieben aber im elften und zwölften Jahrhundert von Libzi, Libiz oder Lipczk. Also nichts mit Lipa, der Linde, vielmehr sind Lipzi die Bewohner eines Ortes namens Lipz. Und was ist dieses Lipz? Alles Suchen im Germanischen und Sorbischen fördert keine Antwort zutage. Wäre es da nicht möglich, dass Lipz jemandem aus der Zeit vor diesen Besiedlungen eingefallen ist und der Name dann einfach weitergegeben wurde? Da stößt man auf ein Wort, das eine Gegend bezeichnet, die viel Flusswasser führt und deren Gelände entsprechend lehmig wie schlüpfrig ist. Für Leipzig ist eine solche Beschreibung nicht völlig abwegig, denkt man sich die Siedlungen weg: Flüsse, Sümpfe, Auenlehm, so weit das Auge reicht. Noch Napoleon musste sich durch Morast und Sumpf kämpfen.

Nehmen wir an, es hat sich so zugetragen. Dann haben Leute ganz früher Leipzig »Ort in einer flusswasserreichen Gegend« genannt und die Sorben einfach nur »Ort in der Lib-Region«. Die späteren Deutschen konnten sich auf Libz keinen Reim machen, sahen vielleicht auch ein paar Linden wachsen, erinnerten sich an die sorbische »lipa« und schon wohnten sie in der Lindenstadt.

Dieser Text erschien auch in der Februarausgabe des kreuzer, die sich mit weiteren Leipziger Mythen beschäftigt.

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