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Gestern hättet ihr Eintritt nehmen können

Der Tempel lädt zum letzten Tanz

Foto: Mareike Begner Größeres Bild

Reinhard Tempel ist ein vitaler Szenetreffpunkt. Die Bar in der Merseburger muss vorläufig schließen – ein letztes Getränk am Tresen.

In den vergangenen anderthalb Jahren gab es wohl kaum eine Ausstellungseröffnung im Leipziger Westen, die ihre Gäste zu gegebener Stunde nicht an den Tresen der Bar Reinhard Tempel verloren hat. Die ehemalige Fleischerei lockte Abend für Abend ein großes Publikum an den holzvertäfelten Tresen. Nun aber schließt die Kneipe in der Merseburger Straße 46. Der Tempel war dabei von Anfang an als temporärer Ort konzipiert, sagen die Betreiber und Gründer André Schütze und Ronny Schmieger.

Von dem nahenden Abschiedsschmerz ist an diesem Dienstagabend Anfang Januar jedoch noch nichts zu spüren. Der braun gekachelte Raum umarmt die Gäste mit all seinem spröden Charme und wird dafür mit angeregten Gesprächen und dichtem Zigarettendunst entlohnt. Wie in so vielen Nächten zuvor haben den Weg in die Kneipe vor allem Künstler und Kreative gefunden, auch Studierende. Die vitale Beziehung zur ortsansässigen Kunst- und Kulturszene ist eine der Ursachen für die allgemeine Beliebtheit der Bar. So sprach jüngst Galerist Gerd Harry Lybke im Magazin Monopol eine Empfehlung aus – wer denn in der Leipziger Nacht blau werden wolle, im »Tempel« würde er dies sicher schaffen.

Auch das Erscheinungsbild der Kneipe hat sich durch ihr Publikum verändert. Zunächst gestaltete die Leipziger Künstlerin und Kuratorin Tine Günther die Sanitärräume. Im Sommer 2014 eröffnete dazu noch der Biergarten »Zum wilden Georg«, für den das Künstler-Duo Art’n’More (die HGB-Absolventen Paul Bowler und Georg Weißbach) das Konzept entwickelte. Die Preise der Bar wurden durch solche Veränderungen nicht berührt. Der Pfefferminzschnaps für einen Euro ist einer der Gründe, dass hier Hochschulprofessor, Galerist, Handwerksmeister und Student Seite an Seite Spätschichten schieben. Ein weiterer ist sicher die Musik – mal nimmt sie sich ganz zurück, aber wie oft schon konnte die Bar an einem Wochenabend nicht vor 4 Uhr morgens dichtgemacht werden, weil ein mitgebrachter MP3-Player angeschlossen wurde oder ein DJ aufgelegt hat. Und so tönt ein Streifen Kreppklebeband hinter dem Tresen: »Gestern hättet ihr Eintritt nehmen können.«

Dieses stetige Mit- und Nebeneinander steht im Mittelpunkt des jungen Mythos um die Bar »Reinhard Tempel«. Ihre große Kraft lag und liegt noch an den letzten Abenden immer in der gemeinschaftsstiftenden Funktion. Auch an diesem Dienstagabend erzählt man sich zu fortgeschrittener Stunde all jene Geschichten, die mit diesem Ort verbunden werden. Ein wenig Wehmut färbt die Stimmen.

Adé Tempel.

MAREIKE BEGNER

The Ultimate Final Tempel Dance: 28.2., 23 Uhr
Reinhard Tempel, Merseburger Str. 46, bis 28.2., Mo–Sa ab 20 Uhr

UPDATE: Es soll nicht völlig vorbei sein mit dem Tempel. Laut den Betreibern zieht er in die Blaue Perle, eine »Trash-Kneipe« (O-Ton Ronny Schmieger) in der Apostelstraße 24. Der Eröffnungstermin steht noch nicht fest, und auch nicht, ob der Tempel nach der Sanierung des Hauses in der Merseburger Straße 46 wieder zurückzieht.

Dieser Text erschien in der Februar-Ausgabe des kreuzer.

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2 Kommentare

  1. Klaus | 27. Februar 2015 | um 16:19 Uhr

    “ Wie in so vielen Nächten zuvor haben den Weg in die Kneipe vor allem Künstler und Kreative gefunden“

    genau deswegen war der tempel nie spannend, vielleicht „hip“, ja. diese pseudo bestätigung seiner selbst und des publikums.

    am ende wars ne billige kaschemme. sang und klanglos „abzutreten“ wäre sympathischer gewesen.

    (nebenbei, die hier verlinkte blaue perle befindet sich in thüringen..)

  2. Onlineredaktion | 27. Februar 2015 | um 16:29 Uhr

    Ups, danke für den Hinweis. Der Link führte zur falschen Bleuen Perle. Wir haben ihn entfernt. Aber weil er so schön ist, hier dennoch für alle: http://www.blaue-perle.de