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»Keine Lust, immer alle scheiße zu finden«

Antilopen Gang über Küssen mit Kaugummi, Bomben auf Dresden und Pissen aufs eigene Sofa

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Schon eine halbe Stunde vor Einlassbeginn drängen Leute ständig an die Tür des UT Connewitz. Auf ihrer Aversion-Tour ist die Antilopen Gang zu Gast in Leipzig, das Konzert ist seit Wochen ausverkauft. Manch einer hofft trotzdem, an der Abendkasse noch Glück zu haben. Während sich der Saal füllt, haben Kolja und Danger Dan Zeit für ein kurzes Gespräch mit dem kreuzer gefunden. Panik Panzer muss sich schonen: Er hat eine Grippe, wollte die Wochenend-Gigs in Leipzig und Berlin aber nicht absagen.

kreuzer: In eurer aktuellen Single »Verliebt« geht es um folgendes Problem: Man lernt jemanden kennen und findet ihn toll. Plötzlich fängt er an, ziemlichen Blödsinn zu erzählen. Wie oft ist euch das selbst schon passiert, dass da jemand mit Verschwörungstheorien wie die Legende von den Chemtrails ankam?

DANGER DAN: Da wir gerade viel herum kommen, treffen wir auch viele Leute. Und da kommen plötzlich Wörter, auf die ich allergisch reagiere. Das muss aber nicht unbedingt etwas mit Chemtrails zu tun haben. Ich hasse auch Kaugummis. Leute, die Kaugummi kauen, würde ich niemals küssen. Damit habe ich bestimmt 90 Prozent aller Menschen aussortiert.

KOLJA: Mit klassischen Verschwörungstheorien werden wir bei unseren Konzerten selten konfrontiert. Ich rede aber inzwischen mit Leuten über bestimmte Sachen lieber gar nicht erst, weil ich keine Lust habe, immer alle scheiße finden zu müssen. Da bin ich froh, wenn es ein wenig oberflächlich bleibt. Das ist nervenschonender.

kreuzer: Leider haben Verschwörungstheorien und ihre Protagonisten gerade eine gewisse Konjunktur in Leipzig. Ken Jebsen hat hier bei einer der so genannten Montags-Friedens-Mahnwache gesprochen. Jürgen Elsässer war mehr als einmal Redner bei Legida. Wie macht ihr eurem Publikum Mut, wenn hier plötzlich sehr viele Menschen Hetzern hinterher laufen?

KOLJA: Au weh, bei manchen Leuten ist leider Hopfen und Malz verloren. Für die, die dagegen sind, ist es vielleicht erst einmal eine gute Idee, zu einem Antilopen-Konzert zu kommen. Im Dezember sind wir noch einmal da, im Conne Island. Für einen Abend ist das sicher ein Ausflug, der auch Mut machen kann. Aber sonst? Schwierig. Auf jeden Fall sollte man bei Legida und Co. auf keinen Fall mitmachen und die Scheiße dort bloßstellen. Ob das so viel Spaß macht, bezweifle ich leider.

DAN: Leider ist es so, wenn man sich mit diesen Leuten nicht kritisch auseinandersetzt, werden es immer mehr. Damit wird das Leben in einer Stadt und ihrer Umgebung immer beschissener. Vielleicht reicht das als Motivation?

Dan, du hast gerade ein Essay darüber geschrieben, das Künstler die Welt eigentlich nicht verändern, weil sie immer nur im eigenen kleinen Bildungshabitus leben. Was kann man als Band eigentlich bewirken, wenn rechte Hetzer wieder auf offene Ohren in der Bevölkerung stoßen?

DAN: Was ich gemeint habe, war: Als Band hatten wir nie die Idee, die Welt zu verändern und irgendetwas bewirken zu wollen. Ich gehe aber davon aus, dass wir eine politische Außenwirkung haben und auch eine große Reichweite in Teile der Gesellschaft, in der solche Themen nicht am Küchentisch diskutiert werden. Das verändert bestimmt etwas. Das haben wir uns aber nie auf die Fahnen geschrieben. Wir wollen nicht agitieren, wir machen einfach nur Rap.

kreuzer: Vergangenen Dezember wart ihr in Dresden. Wie man sieht, habt ihr eure Ankündigung: »Wenn die Massen sich erheben, komme ich im Flieger und werfe eine Brandbombe auf Dresden« nicht wahr gemacht.

DAN: Das stimmt nicht. Aber die war leider ein Blindgänger und ist dummerweise auch in einem Gulli gelandet. Wir feilen da noch an unseren Strategien.

KOLJA: Wir sind leider auch nicht so professionelle Militaristen, da gibt es noch ein paar Startschwierigkeiten. Aber wir geben uns Mühe. Man kann nur hoffen, dass wir in Kürze nochmal in Dresden spielen, sonst würden wir da nicht so ohne weiteres vorbeikommen.

DAN: Falls jemand Pilot ist und noch einen alten Bomber hat, bitte bei uns melden. Bevorzugen würden wir eine Antonov. (lacht)

kreuzer: Wie hat das Publikum in Dresden auf euch reagiert? Im Dezember steuerte Pegida gerade auf seinen Höhepunkt zu.

DAN: Als wir da waren, war die Krone von Pegida noch gar nicht erreicht. Ich hab mit einigen Leuten geredet, die noch ganz andere Sachen erzählt haben, von Nazigruppen, die sich vor Unterkünften von Geflüchteten versammelt haben und mehr solche Probleme. Auch wenn wir nicht ausdrücklich gekommen sind, um ihnen Mut zu machen, hat vielen das Konzert, glaube ich, sehr gut getan. Die konnten sich mal treffen ohne politischen Auftrag, sondern einfach zum Tanzen und Feiern.

kreuzer: Viele eurer Texte sind inspiriert von der politischen Kritik antifaschistischer Gruppen. Seht ihr euch als Antifa-Rapper?

KOLJA: Klar vertreten wir antifaschistische Standpunkte und die hört man auch in unserer Musik. Aber was uns stört und da haben wir auch schon negative Erfahrungen gemacht: Wenn man als Antifa-Rapper gilt, wird man schnell vor so einen Karren gespannt. Wir wollen keiner politischen Gruppierung zuarbeiten und die Musik dem Zweck unterstellen, ein bestimmtes politisches Ziel zu erreichen. Wir machen keinen Agitprop. Unsere Musik steht in erster Linie für sich selbst. Aber natürlich fließt darin ein, was uns durch den Kopf geht. Wir müssen dafür aber kein politisches Programm abarbeiten.

kreuzer: Wie kommt ihr mit euren sehr politischen Texten eigentlich in der übrigen Hiphop-Szene an?

DAn: Durchwachsen. Es ist nicht so, dass einer der großen Rap-Acts unsere Lieder teilt. Aber wir haben Kontakt zu Fettes Brot oder zu MC Fitti. DJ Mad findet uns gut. Und dann gibt es noch die Kollegen, die ähnliche Standpunkte vertreten wie wir, etwa Fatoni oder Zugezogen Maskulin. Sonst äußern sich viele Crews gar nichts zu uns. Allerdings kommt die Szene auch nicht mehr an uns vorbei. Hip-Hop-Medien berichten über uns und man merkt, bei uns geht was.

KOLJA: Wobei man auch sagen muss: Die Hiphop-Szene ist keine, wo sich Leute die ganze Zeit gegenseitig auf die Schulter klopfen und sich erzählen, wie cool sie einander finden. Da geht es eher reserviert zu. Außerdem nehmen uns wohl viele als Sonderlinge wahr, weil wir manche Dinge anders machen. Es gibt aber schon auch immer wieder Zuspruch, was ich cool finde. Rappen können wir ja, auch wenn uns sogar das mancher abspricht. Aber das ist nun wirklich hanebüchen.

kreuzer: Ihr sagt selbst, ihr seid jetzt die neue Antilopen-Gang. Zum ersten Mal gibt es das Album nicht mehr umsonst. Ihr tourt durch die Republik, viele Gigs sind ausverkauft. Wie hat euch das als Crew verändert?

DAN: Wir machen privat nichts mehr miteinander, weil wir uns so oft sehen, dass wir froh sind, wenn wir mal Feierabend haben. Dann müssen wir allerdings oft chatten. Man ahnt ja gar nicht, wie viele Mails zu so einem Konzert gehören. Das geht weit in den dreistelligen Bereich. Bei zwanzig Konzerten sind das locker über 2000 Mails. Das hat uns auf eine krasse Art zusammengeschweißt. Natürlich ist auch ein Traum in Erfüllung gegangen. Wir fahren mit einem Bus herum, überall kommen Leute und wir können Freunde einpacken und fragen: Willst du mitmachen, wir suchen eine Tontechniker oder einen Tourmanager. Das macht auch mega Bock.

KOLJA: Es ist halt unser Lebensinhalt geworden. Klar wirkt sich eine Professionalisierung auf unser Privatleben aus. Das ist jetzt halt dominiert vom Projekt »Antilopen Weltübernahme«.

kreuzer: Hat sich euer Publikum verändert, seitdem ihr nun in größeren Clubs, nicht mehr in den kleinen AJZs spielt?

DAN: Wir hatten schon immer ein krass durchmischtes Publikum. Da war ein Punk dabei, eine Zecke und irgendein Student, aber dann halt auch Leute aus der Hiphop-Szene, die wegen Rap da waren. Jetzt gibt es einen Haufen jüngerer Leute, wobei wir auch älter geworden sind. 2003 haben wir uns kennengelernt, 2004 die ersten Tracks zusammen gemacht. Damals war das Publikum so alt wie wir. Jetzt wird es immer größer. Aber das ist auch schön. Wir hatten mal einen Auftritt in einem besetzten Haus, wo einer unserer Freunde auf die Nase bekommen hat, weil er da mit Leuten aneinandergeraten ist. Das passiert in den Clubs, in denen wir jetzt spielen, nicht mehr. Dafür sind das manchmal auch einfach Geldmaschinen, die jeden Idioten einladen würden und wo es keine thematische Identifikation mit den Künstlern mehr gibt. Insofern finde ich es hier heute im UT Connewitz supergeil, weil der Laden auch geil ist. Man merkt, hier sind Leute, die man auch so gern treffen würde.

kreuzer: Wie viel Caught in the Crack steckt noch in euch? Zerstört ihr Hotelzimmer, weil ihr endlich im Geld schwimmt? Das hier sieht ja noch ganz intakt aus.

DAN: Das stimmt nicht, du Hurensohn! (großes Gelächter)

KOLJA: Caught in the Crack war tatsächlich die Konstellation der heutigen Antilopen-Gang. Aber inhaltlich hat sich das sicher ausdifferenziert.

DAN: Die Charaktere, die wir für CITC erfunden haben, sind viel weiter weg von denen, die wir jetzt in der Antilopen-Gang sind. Auch die sind erfunden und Danger Dan kann ich ganz gut ausschalten, wenn ich zu Hause mal einen Liebesfilm schauen will. Dan Juan de Marcos würde bei mir daheim Hausverbot haben.

KOLJA: Aber was die Hotelzimmer angeht, dafür braucht man gar nicht im Geld zu schwimmen. Nur hat man hinterher halt eine fette Schadensersatzklage am Hals.

Dan: Es gab diese Geschichte, wo Panik Panzer auf ein Sofa gepinkelt hat und hinterher hat sich herausgestellt, dass es sein Schlafplatz ist. Diese Jahre haben wir hinter uns gelassen.

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