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Unter Bäumen

Mit einem künstlerischen Spaziergang treibt Heike Hennig den Winter aus

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Die Deutschen und der Wald, das ist eine Sache für sich. Der teutonische Michel und Holzwurmhaine sind fest miteinander verwachsen und wurzeln tief im uranfänglichen Mythos jenes Territoriums und seiner späteren Bewohner, das man heute Deutschland nennt.

Wenn den Kelten nur eine Angst nachgesagt wird, nämlich dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, so haben Germanen Panik vorm Waldverbot. Kurzum: Die imaginierte Gemeinschaft der Deutschen gründet im Blut- und Waldboden-Phantasma, ganz wie ein Berater beim Autobahnbau 1934 meinte: »Eine Straße aber muß Bäume haben, wenn anders sie ein deutsche Straße sein soll.«

Teutoburger Wald und Arminius, Waldsterben und Borkenkäfer, röhrender Hirsch und Wildbach, Wandervogel und Waldlager, Forst und Wirtschaft: Das Beziehungsdickicht zum Wald ist ein weites Feld. Er markiert wie kein anderes Landschaftsmerkmal den Sehnsuchtsort der Deutschen, strahlt für sie mehr Freiheit aus als der Raum unterm Blätterdach. Und noch heute würden viele das Credo des Schriftstellers Wilhelm Heinrich Riehl unterschreiben, der vor mehr als eineinhalb Jahrhunderten festhielt: »Der Wald allein läßt uns Culturmenschen noch den Traum einer von der Polizeiaufsicht unberührten persönlichen Freiheit genießen. Ja ein gesetzter Mann kann da selbst noch laufen, springen, klettern nach Herzenslust.«

Den Wald als Metapher will die Choreografin Heike Hennig für ein interkulturelles Kunstprojekt nutzen. »Er kann die Kraftquelle überhaupt sein, wie die Redwoods Ruhe ausströmen und stillstehende Zeit darstellen«, sagt Hennig, »oder wie der Auwald ein vitales Symbol für Dynamik sein, für den Wandel in Natur und Leben.« Die Abfolge der Jahreszeiten will sie mit performativen Auwaldspaziergängen begleiten. Bewegung und Begegnung wird es dann nicht nur mit Flora und Fauna geben, wenn Hennig mehr als eine Handvoll Waldelfen einstreut. »Ich suche noch Ausländer«, sagt sie lachend. »Während jetzt so viele wieder ›Ausländer raus!‹ rufen, will ich erfahren und erfahrbar machen, wie verschiedene Menschen dem Wald begegnen, wie er in verschiedenen Kulturen gesehen wird.« Gemeinsam wird der Parcours dann gestaltet und der Winter ausgetrieben.

Wen trifft man im Wald? Wilder Mann und Wolfsmensch sollen mit von der Partie sein, die Hexe Baba Jaga ebenso und ein Pferd auf der Flur stehen. Auch Pflanzenrassismus soll Thema sein, so Hennig. »Nietzsche meinte, Vorurteile kann man nicht rational entwaffnen. Also sind wir irrational und gehen mit Kunst in den Wald.«

»WALD/Lec/Lic/ةابغ«:
26. und 27.3., 16 Uhr, Sachsenbrücke. Weitere Termine: 27. 6., 26.9. und 5. 12. 2015
http://www.heikehennig.de/

Dieser Text erschien in der März-Ausgabe des kreuzer.

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