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Was an einer Kunsthochschule trainiert werden sollte

Die HGB, der Staatsschutz und vorauseilender Gehorsam – Ein Kommentar

Wo das umstrittene Bild hing, wurde aufgeräumt Größeres Bild

Wenn ein Student der Malerei wegen eines anonym ausgestellten Bildes von der Rektorin ohne dessen Wissen an den Staatsschutz ausgeliefert wird, dann wirft das kein gutes Licht auf eine 251-jährige Kunstakademie.

Vergangenen Mittwoch forderten daher Vertreter der Studierenden die HGB-Rektorin – Ana Dimke – bei der Senatssitzung um eine Erklärung. Zuvor geschah Folgendes: Wie fast alle Studierenden stellte Martin Schwarze zum HGB-Rundgang Anfang Februar eine Arbeit aus. Sie hing im Flur der 3. Etage und neben ihr fand sich kein Titelschild. Auf der Leinwand stand vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund Angela Merkel mit ihrer sehr charakteristischen Händestellung. Zu ihrer Linken war ein Maskierter zu sehen, der sein Gewehr auf ihren Kopf richtete. Während des Rundgangwochenendes sprühte ein Maskierter »WIR TÖTEN DICH« auf das Bild, was die Intention des Studierenden darstellte und mitnichten klärte, welches »wir« und welches »dich« gemeint war: Käufer oder Verkäufer von Waffen? Auf Anraten einer besorgten Bürgerin fragte der EU-Parlamentarier der CDU – Hermann Winkler – bei der Rektorin nach, ob sich diese Arbeit im Rahmen der künstlerischen Freiheit befände, und unterrichtete die Polizei. Es existieren bisher sicherlich nur sehr wenige Fälle, dass besorgte Bürger Schutz beim Staat suchen, um sich vor ihrer Meinung nach schlechter Kunst retten zu lassen. Die Ermittlungen drehten sich allerdings nicht in erster Linie um eine ästhetische Erscheinung, sondern Sachbeschädigung (Schriftzug auf Bild) sowie der »strafbaren Aussage eines Bildes« im Hinblick auf den Produzenten des Bildes selbst. So gab die Rektorin den Namen des Studierenden und die Emailadresse an die Polizei weiter, ohne ihn im direkten Gespräch darüber zu informieren.

Wenn Bilder gemalt werden, die sich mit Waffenhandel und Täter-Opfer-Verhältnis beschäftigen, dann regt das im Idealfall zu Gesprächen an, etwa zur Kunst und dem ihr innewohnenden Potential gesellschaftspolitische Probleme zu thematisieren. Oder vielleicht auch den Fragekatalog eines Politikers öffentlich zu besprechen einschließlich der Einflussnahme von Politik auf künstlerische Freiheit und Lehre. Oder auch, um sich in der HGB selbst einmal umzuschauen.

Im Lichthof der HGB gastiert gerade für zwei Wochen eine Trainings-Akademie. Mit Tischtennisplatte und Turnmatten soll das von Studierenden initiierte Projekt »Relax with Sisyphos« Bewegung in die Hochschule bringen. Von subversiver Sprachbewegung bis zur Fernsehgymnastik ist alles dabei, was auch den eigentlichen Sporthasser halbwegs Freude bereiten könnte. Der Trend zu Beweglichkeit im Kunstfeld gilt als ungebrochen. Darüber hinaus steht körperliche Ertüchtigung für teambildende Maßnahmen, Solidarität und Gemeinschaft. Alles hohe Werte, denen an einer Ausbildungsstätte eine große Rolle zukommen sollte.

Idealtypisch herrscht an einer solchen sowohl der Geist eines Ponyhofes wie der von noch ungeschliffener Avantgarde. Hier spielen Experimente ebenso eine große Rolle wie das Erlangen handwerklicher Kompetenzen. Eine Ausbildungsstätte bereitet auf das da draußen vor der Tür vor. Außerdem sollten in einer Akademie mindestens drei Standards obligatorisch im Pflichtprogramm stehen, die im Idealfall von den Hochschulangehörigen aktiv vorgelebt werden: ein kritischer, wacher Geist, soziale Kompetenz und die Fähigkeit zur Kommunikation. Sie garantieren, dass eine Kunsthochschule nicht zum Trimm-Dich-Pfad verkommt, um möglichst eckenlose Wesen ohne jegliche Eigenschaften zu produzieren.

Dies sollte einer Hochschulleitung wichtiger sein als vorauseilende Gehorsamkeit. Auch wenn mal wieder ein Politiker kräht, dass öffentlich subventionierte Häuser nur der Lobpreisung des Staates dienen sollen.

Gerade in solchen Fällen hilft ein starker Rücken, um die richtige Haltung einnehmen zu können.

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