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Das Schwein muss weg!

Radikal, ja! Aber nur ein bisschen. Schauspiel lässt Inszenierung platzen

»Welcome to Germany«, Monster Truck, Foto: R. Arnold Größeres Bild

Als Zuschauer hat man beim Schauspiel Leipzig einfach kein Schwein – beziehungsweise bekommt keins. Zum Abschluss der Sebastian-Hartmann-Intendanz wurde eine Prozession mit gekreuzigten Schweinehälften aus der Innenstadt verbannt. Jetzt hat Intendant Enrico Lübbe eine Inszenierung von Monster Truck untersagt – die Performancegruppe wollte in ihrer Produktion »Welcome to Germany« ein totes Schwein auf der Bühne zerlegen. Aufgrund »künstlerischer Differenzen« müsse die Premiere entfallen, hieß es zunächst in der Dienstagabend verschickten Pressemitteilung. Zuletzt wohl wurde ein – künstlich modelliertes – Schwein in »Unfun« (R: Mirko Borscht) vor fünf Jahren in der Skala mit der Kettensäge zerlegt.

»Welcome to Germany« soll als eine Art doppelbödiger Heimatabend Deutschtum und die Colonia Dignidad thematisieren. In dem in Chile liegenden auslandsdeutschen Sektenlager wurden Kinder missbraucht und Gegner des Pinochet-Regimes gefoltert. Die Szene mit dem Schwein war laut Nachtkritik eingebettet in eine Volksfestsituation – wohl so, wie man Spanferkel bei jedem geselligen Ringelpietz findet – und sollte zugleich die Körper der Geschundenen thematisieren. Die Premiere war bereits von der letzten Woche auf den 29. April verschoben wurden – wegen angeblicher Krankheit. Bei der Generalprobe hatte Lübbe von der fraglichen Sequenz das erste Mal Kunde bekommen und Veto eingelegt. Als Monster Truck nun vom Festival »Radikal Jung« aus München zurückkehrten, hat man sich nicht einigen können. Die zwanzigminütige Kadaverzerlegung findet Lübbe als ästhetisches Mittel schwierig, so Schauspielsprecher Matthias Schiffner. Den Vorschlag der Gruppe, dass man diese Szene etwa mit einem eingesprochenen Text kommentiert, habe er abgelehnt, weil sich das Schauspiel ja nicht von einer eigenen Koproduktion distanzieren könne.

Kadaver-Palaver: Da liegt dann wohl auch der Hase im Pfeffer. Ein Intendant hat alle Freiheit zu entscheiden, was an seinem Haus geschieht. Artists in Residence – wie eben Monster Truck – müsste man dann aber etwas mehr Freiheit geben. Die Residence soll doch ein ausgesprochener Ort fürs Experiment sein. Kann man sich eine für Radikalität nicht gerade unberühmte Gruppe einladen und dann Konventionelles erwarten? Man kokettiert mit der ach so freien Freien Szene – und nein, liebe LVZ, die Sophiensäle kooperieren schon viel länger mit einer Leipziger Institution, dem Lofft nämlich – und engt bei erstbester Gelegenheit genau solchen Möglichkeitsraum ein? Gegenüber Nachtkritik beklagt Sahar Rahimi von Monster Truck die Beschneidung der künstlerischen Freiheit. Die Probe habe man einfach abgebrochen, eine Diskussion oder Auseinandersetzung habe es nicht gegeben. »Es ging um Kulturpolitik, darum, dass man in der Stadt nicht aneckt«. Die Hartmann-Sache hat mit der heutigen Entscheidung nichts zu tun, so Schauspielsprecher Schiffner.

Meine Freiheit, ja – deine Freiheit, nein: Reicht es für ein Aufführungsstopp argumentativ wirklich aus, als Intendant zu konstatieren, er wüsste nicht, was die Schweineszene erzählen soll? Könnte man genau das nicht dem Zuschauer überlassen? Die können ab 7. Mai selbst entscheiden, wie gut sich das Schwein in die Inszenierung fügt – allerdings in Berlin.

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Ein Kommentar

  1. Thomas Pannicke | 30. April 2015 | um 16:05 Uhr

    Stimmt, in „Unfun“ wurde ein Video gezeigt, in dem ein Schwein zerlegt wurde. In meiner Erinnerung war es ein echtes, aber da will ich mich nicht streiten. Das Orgien-Mysterien-Spiel wurde zwar komplett ins Innere des Theaters verlegt, allerdings waren da einige Tierkadaver und vor allem einiges an Blut und Innereien auf die Bühne gekommen. Der Versuch der Stadtoberen, den Auftritt von Hermann Nitsch zu verbieten, konnte damals durch kreative Auslegung der Vorgaben verhindert werden. Enrico Lübbe hingegen zeichnet sich durch vorauseilenden Gehorsam aus – ehe es noch zu irgendwelchen Protesten kommt, sagt er einfach einen potentiellen Anlaß dafür aus künstlerischen Gründen ab. (Ich würde ja aus künstlerischen Gründen ganz andere Dinge am Schauspiel absagen, aber das gehört jetzt nicht zum Thema.) Nur noch ein Hinweis auf eine gewisse Inkonsequenz des Intendanten: In seiner eigenen Inszenierung „Rechnitz“ wird ein (allerdings gebratenes) Huhn zerlegt. Ist der Kadaver eines Huhns weniger wert als der eines Schweins oder sogar künstlerisch wertvoller? Das will sich mir inhaltlich nicht so recht erschließen…