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Übertreibung, Übermut und doch noch Stille

Eine Runde auf dem Spinnerei-Rundgang

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Der Spinnerei-Rundgang lockt im zehnten Jahr mit viel lokaler Kunst, Bratwürsten und der Frage, warum Menschen eigentlich immer nur zu solchen Events in Massen zur Kunst strömen? Wäre eine kontinuierliche Kunstzufuhr nicht viel gesünder für alle?

Wieder mal war es soweit – der erste Tag des Frühjahrsrundgangs: Das Wetter schwankte zwischen nicht schlecht und nicht überdurchschnittlich gut, sodass die Fahrt auf das Spinnereigelände durchaus eine Option für sehr viele Menschen darstellte, die es nicht zur Pferdebahn zog.

Sie trafen auf sehr viele Leipziger Positionen, was dem Künstlerstamm der hier ansässigen Galerien entspricht. So etwa zeigt Archiv Massiv Margret Hoppe. Sie präsentierte uns vor einigen Monaten bei ihrer Ausstellung im Museum der bildenden Künste anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Sachsen Bank ihre Fotografien zu Le Corbusier in Paris. Nach einem DAAD-Aufenthalt in Indien nun also sehen wir Le Corbusier in Indien. Im Gegensatz zu ihren noch viel früheren Arbeiten gibt sie dabei den strengen Dokumentarblick zugunsten von Fotos auf, denen das innere Gleichgewicht fehlt. Die aus dem Zusammenhang gezogenen Farbflächen wirken oftmals zu formalistisch und unverhältnismäßig zur Gesamtansicht. Dass einige Motive den Status eines Kalenderblattes nicht aufheben können, klang bereist im Museum schon an.

Johannes Rochhausen zeigt uns seine Malerei bei Aspn unter dem Titel »Südseite« und überrascht mit kleineren Landschaftsarbeiten, die farblich seinen gängigen Zimmeransichten nicht unmittelbar in den Rücken fallen, aber doch kleinere bis mittlere Zweifel aufkommen lassen. Zweifelloser dagegen präsentiert sich B2 mit einem Reihumschlag der hier vertretenden Künstlerschaft ohne großen Ausschlag nach unten und oben.

Im Laden für Nichts wiederum gibt Paule Hammer mehr als einen Blick auf seine Weltenzyklopädie frei. Dieses Mal geht es im fünften Teil um »Übertreibung«. Auch wenn eingangs leuchtend gemalte Blumen eine gute Laune versprühen könnten, der Schrecken liegt im klein geschriebenen der Geschichten, die sich rings um die mittig gesetzten Motive ranken.

Nicht Übertreibung, sondern Übermut und Selbstüberschätzung bilden die Basis der Halle 14-Ausstellung. Unter »Das Hybris-Projekt. Hochmut und sisyphale Vergeblichkeit« vereinen sich die unterschiedlichsten Arbeiten, die von körperlichen Anstrengungen, Mücken, deutschen Schicksalsorten, Verschwörungstheorien, gebauten Unmöglichkeiten reichen und eins sehr klar machen: Übermut tut selten gut!

Ganz und gar nicht übermütig präsentiert sich die Galerie Eigen + Art. Streng auf Linie gehängt, zeigt Ricarda Roggan ihre Serie »Apokryphen«. Der standardisierte Blick auf Objekte aus Nachlässen scheint als klare Kontinuität ihrer bisherigen Arbeiten auf, aber so richtig fordernd für Auge und Geist erscheint die Masse nicht.

Die Masse der Spinnerei verdeutlicht dagegen Werkschauhalle. Für Leute, die öfters im örtlichen Kunstfeld verweilen, entspannt sich daraus ein loses »Ich-erkenne-Dich-Spiel«, was für eine kontinuierliche und nicht überraschende Kunstproduktion auf dem Gelände steht. Wenn nun aber aus über einhundert Ateliers die Werke treten, dann bleibt natürlich eine gewisse Hierarchisierung nicht aus, sodass Neo Rauch und Michael Triegel jeweils an einer Mauer gehangen, sich der schnöden Stellwand erwehren. Wer die passenden Gesichter zur jeweiligen Arbeit sehen möchte, dem sei der Spinnerei-Report 2015 empfohlen. Ähnlich wie der Vorgänger blickt Geschäftsführer Bertram Schultze mit seiner Kamera in fast jedes Atelier.

Ganz im Gegensatz zu den vielerorts vollen Räumen stellt Jochen Hempel eine Ausnahme dar. Die filigranen Installationen von Jong Oh verschwinden auf heilsame Art fast im Ausstellungsraum.

Schauen Sie also selbst – am besten wenn sich der Bratwurstgeruch verzogen hat und Ihnen auch keine Pantomime den Weg absperrt.

http://www.spinnerei.de

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