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Im Kurzfilm zu kurz gekommen

Mark Michel plant Langfilm über eine körperlich beeinträchtigte Autistin und Autorin

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Der Leipziger Filmemacher Mark Michel beschreibt die außergewöhnliche Welt der Veronika Raila und gibt einen intimen Einblick in die poetischen und vielfältigen Gedanken der mehrfach behinderten Schriftstellerin. Sein Kurzfilm soll jetzt zum Langfilm wachsen.

»Kind war aus Sand. Grobkörniger Sand. Konnte man nicht anfassen, weil man Angst hatte, das Wenige, was es zusammenhält, bröselt auseinander.« Veronika ist 23, lebt in der Nähe von Augsburg und ist körperlich schwer behindert. Sie kann nicht sprechen, nicht laufen und leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus. Aber Veronika schreibt. Geschichten und Gedichte über ihre Wahrnehmung, ihren Lebensweg. Sie studiert katholische Theologie und Literatur an der Uni Augsburg. Mark Michel lernte sie vor fünf Jahren kennen. Der Regisseur aus Leipzig recherchierte für ein MDR-Magazin über Menschen mit Behinderung. Da stieß er auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über Veronika Raila. »Ich bin hingefahren und habe ihr meine Geschichte erzählt und mir ihre Geschichten durchgelesen. Drei Monate später kam ich mit der Kamera wieder, um einen Kurzfilm zu drehen.« Der siebenminütige Film »Veronika« entstand, lief beim Kurzsuechtig und dem DOK Leipzig und reiste von dort zu Festivals in aller Welt.

Aber Mark Michel hatte das Gefühl, dass er die Geschichte nicht zu Ende erzählt hatte. Veronikas Gedanken ließen ihn nicht los. »Oft wird hier das Leben unterschätzt, ebenso wie die Kreativität im Umgang mit Problemen«, schreibt sie selbst über ihre Behinderung. »An dieser Schnittstelle, an der Schnittstelle zwischen den sogenannten Normalen und den ›Nichtnormalen‹, kann viel Neues durch die gegenseitige Befruchtung entstehen. Diese gegenseitige Befruchtung nützt uns allen, nicht nur den Behinderten.« Vier Jahre später will Michel nun erneut nach Augsburg reisen und mit Veronika gemeinsam an einem Langfilm arbeiten.

»Mir geht es darum, zu zeigen, wie reich diese Welt ist, die Veronika in sich trägt. Das ist im Kurzfilm zu kurz gekommen«, erzählt er. »Ich möchte die Mutter-Tochter-Beziehung beleuchten. Wie haben die beiden zueinandergefunden? Wie geht man damit um, wenn seinem Kind ein IQ von null attestiert wird?« Das gegenseitige Kennenlernen, die Entdeckung der gestützten Kommunikation als ein Weg nach außen.

Veronika schreibt mit Hilfe ihrer Mutter. Allein ist sie nicht dazu in der Lage. Ihr Körper gehorcht ihr nicht. Aber wird der Arm gestützt, sendet er Impulse aus, die eine Tastatur in Worte verwandelt. Poetische Zeilen, die ihr Innerstes beschreiben. »Veronika hat eine synästhetische Wahrnehmung. Sie nimmt etwa Musik in Farben und Formen wahr. Ihre sehr intensive Sicht der Welt reflektiert sie, indem sie darüber schreibt.« Sieht man ihr und ihrer Mutter dabei zu, glaubt man zunächst nicht, dass die Worte tatsächlich dem Körper der jungen Frau entstammen, der sich unablässig und meist unkontrolliert bewegt. »Diese Frage tauchte nach dem Kurzfilm immer wieder auf. Sind das wirklich ihre Worte? Auch ich war zunächst skeptisch. Aber ich vergleiche das mit einem Wasserschlauch, der wild herumspritzt, bis man ihm eine Richtung gibt.«

Das Vertrauen zwischen den kreativen Geistern wuchs. Mark Michel zeigte Veronika seine Filme. Er hatte bereits Inklusionstanzprojekte mit der Kamera begleitet und Dokus über Menschen mit Behinderung oder Einschränkungen gedreht. Veronika Raila war begeistert darüber, dass er einen Film mit ihr machen wollte, denn die meisten, die kamen, wollten nur Filme über sie machen. »Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet. Ich habe ihr die erste Schnittversion gezeigt und sie hat Vorschläge gemacht, die in den fertigen Film einflossen.« Die Basis für eine erneute Zusammenarbeit, die allerdings noch einige Hürden zu überwinden hat.

Die Finanzierung des Projekts ist schwierig, da sich kein Fernsehsender fand, der das Projekt unterstützen wollte. Ein künstlerischer Dokumentarfilm ist im öffentlich-rechtlichen TV schwer zu platzieren. Aber ein solches Projekt erfordert die nötigen Mittel und Zeit. »Man kann nicht viele Stunden und Tage am Stück mit Veronika drehen, das wäre eine zu große Belastung für sie, und die wollen wir so gering wie möglich halten.« Einige Filmförderungen sind sicher, reichen jedoch nicht für die Umsetzung des Projekts. Um die Finanzierungslücke zu schließen, hat sich Michel deshalb für eine Crowdfunding-Kampagne bei Visionbakery entschieden. »Wir wollen Veronikas Welt nach außen tragen, ihr eine Stimme geben, die ihren Texten Ausdruck verleiht, und diese sinnlich übersetzen in andere künstlerische Ausdrucksformen. Neben der Sandmalerei von Anne Löper, die bereits im Kurzfilm zum Einsatz kam, möchten wir mit dem Figurentheater Wilde & Vogel zusammenarbeiten, um ihre Geschichten visuell umzusetzen. Außerdem denkt Veronika, dass Aquarellmalerei gut zu einer Geschichte passt.« Wenn alles klappt, wollen sie Ende Mai mit dem Dreh beginnen, im September fertig sein. Anfang 2016 soll die außergewöhnliche Doku Premiere feiern.

http://www.visionbakery.com/sandmaedchen-film
http://www.sandmaedchen.de

Dieser Text erschien in der Mail-Ausgabe des kreuzer.

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