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Der ferne nahe Osten

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Ein Oscar für »Ida«, internationale Ehren für »In meinem Kopf ein Universum« und »Die Maisinsel« – Filme aus dem Osten Europas zählen derzeit zum Spannendsten, was das Kino zu bieten hat. Wer sich einen kleinen Überblick darüber verschaffen möchte, wozu osteuropäisches Kino in der Lage ist, der kann es in dieser Woche in der Kinobar Prager Frühling erleben. Zwar öffnet sich an den vier Tagen nur ein kleines Fenster in Richtung Osten, aber dies sollte den Ausgangspunkt für eine Reise in eine facettenreiche Kinoregion bieten. Daneben zeigt die Cinémathèque in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut in der Reihe »filmPOLSKA reloaded« regelmäßig neues polnisches Kino – bei freiem Eintritt. Es gibt also keine Ausrede mehr, den Blick in eine spannende Kinoregion abzuwenden. Schließlich würde man etwas verpassen.

Film der Woche: Der Fluss erschafft, der Fluss zerstört: inmitten eines Stroms, der Abchasien, eine Region im Süden des Kaukasus, von Georgien trennt, entstand eine Insel, wie geschaffen für den Anbau von Mais. Ein alter Bauer, dessen zerfurchtes, sonnengegerbtes Gesicht über die Jahre immer mehr das Antlitz der Erde, die er bestellt, angenommen hat, bearbeitet das Land, ohne zu wissen, wie lange es bestehen wird. Schweigsam verrichtet er seine tägliche Mühsal, fast rituell sind seine Handlungen. Der einzige Mensch an seiner Seite, ist seine Enkeltochter. Als sie eines Tages einen jungen Soldaten auf der Insel entdeckt, ändert sich ihr Schicksal.
»Die Maisinsel« ist eine kraftvolle Parabel, geschaffen von einem außergewöhnlichen Regisseur: George Ovashvili, dessen Erstling »Das andere Ufer« mehr als zwanzig Preise auf internationalen Filmfestivals erhielt, kehrt mit seinem neuen Werk zurück in die fragile Grenzregion seiner Heimat. In ausdrucksstarken Bildern stellt er die Landschaft in den Mittelpunkt seines psychologischen Dramas. Die Jury des 49. Karlovy Vary International Film Festival honorierte sein künstlerisch versiertes Werk mit dem Chrystal Globe, den Hauptpreis des Festivals. Produziert wurde der Film von der Halleschen Firma 42film, unterstützt von der Mitteldeutschen Medienförderung.

»Die Maisinsel«: ab 28.5., Kinobar Prager Frühling

Die Weimarer Republik, so einer der Interviewten in Rüdiger Suchslands Dokumentation, war ein »Treibhaus für kulturelle Produktion«. Sie brachte innovative Filme wie »Das Cabinett des Dr. Caligari«, »M« oder »Berlin – Die Sinfonie der Großstadt« hervor. Suchslands filmvermittelnde Dokumentation durch »das deutsche Kino im Zeitalter der Massen« trägt nicht von ungefähr seinen Titel: Siegfried Kracauers psychologische Geschichte des deutschen Films »From Caligari to Hitler« stand Pate für eine elegante, manchmal jedoch zu verbale und zu wenig auf die Bilder vertrauende, kinematographische Annährung an das Goldene Zeitalter des deutschen Films. Rüdiger Suchslands filmische Symphonie folgt dabei nicht nur den bekannten Wegweisern des Weimarer Kinos, sondern nimmt uns auf der Filmreise auch auf unausgetretene Pfade mit und weckt unsere Neugierde. Ausführliche Kritik von Claudia Cornelius im aktuellen kreuzer.

»Von Caligari zu Hitler – Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen«: 28.–30.5., Schaubühne Lindenfels

Im verfallenen Städtchen Lost River überlebt die alleinerziehende Mutter Billy mit ihren Söhnen, dem kleinen Franky und dem erwachsenen Bones. Manch einer nennt sie dickköpfig, weil sie ihr Haus nicht aufgeben und die Stadt nicht verlassen will. Stattdessen kämpft sie gegen die Bank und nimmt schließlich den zwielichtigen Job des schmierigen Bankmanagers Dave an, der sie in einen seltsamen Club der Perversionen treibt. Währenddessen versucht Bones mit dem Verkauf von Metall aus den Ruinen etwas hinzu zu verdienen. Dabei legt er sich allerdings mit Bully an, dem selbsternannten Herrscher der Stadt. In »Rat«, die alleine mit ihrer verrückten Großmutter lebt, findet er eine vertraute, ebenso verlorene Seele.
»Lost River« ist ein klassisches Debüt, mit all den typischen Anfängerfehlern. An Ambitionen fehlt es Gosling nicht. Vielmehr reicht der Stoff seines sozial engagierten Mystery-Thriller-Dramas für mindestens drei Filme. So wird kein ganzer draus, aber viele Ansätze sind gelungen. Dabei wirken vor allem die atmosphärischen Bilder nach. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Lost River«: ab 28.5., Passage Kinos

kreuzer verlost Freikarten und T-Shirts. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: Verloren)

Jahrelang war er den Feinschmeckern von Los Angeles zu Diensten – doch jetzt reicht es Gourmetkoch Carl Casper (Jon Favreau): Restaurantbesitzer Riva (Dustin Hoffman) lässt ihm keine kreative Freiheit, seine Ehe mit Inez (Sofia Vergara) ist gescheitert, die Beziehung zu seinem 11-jährigen Sohn Percy (Emjay Anthony) liegt brach, und dann muss er seine Kochkünste auch noch von einem snobistischen Kritiker (Oliver Platt) verreißen lassen. Am Nullpunkt angekommen, besinnt sich der Sternekoch auf seine kulinarischen Wurzeln und kauft in Miami einen heruntergekommenen Imbisswagen.
Zusammen mit Percy und seinem Souschef Martin (John Leguizamo) begibt er sich auf einen kulinarischen Road Trip durch den amerikanischen Süden und begeistert die Massen mit seiner exotisch-kreativen Küche. Endlich spürt er wieder, was ihn wirklich glücklich macht: Freunde, Familie und die Lust am Kochen.

»Kiss the Cook«: ab 28.5., Passage Kinos

kreuzer verlost Freikarten. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: Chef)

Emil Forester, Londoner Filmregisseur mit Kurzfilm-Oscar in einer Schaffenskrise, wird zur Retrospektive aller seiner zweieinhalb bisherigen Filme zum vermutlich schlechtesten Filmfestival der Welt in die neugegründete Kaukasus-Republik Karastan eingeladen. Dort eröffnet ihm der allmächtige Präsident Abashiliev eine ungeahnte Möglichkeit: Das nationale Filmepos Karastans zu drehen, ohne finanzielle Beschränkungen, ein opulentes Schlachtengemälde mit tausenden Statisten und dem Hollywood-Action-Star Xan Butler in der Hauptrolle. Emil braucht nicht lange, um sich zu entscheiden.
Doch in Karastan gelten eigene Regeln. Der durchgedrehte Xan Butler hat seine besten Tage offenbar hinter sich, beim Statisten-Casting hilft das Militär mit vorgehaltenem Sturmgewehr, in den malerischen Bergen operiert eine geheimnisvolle Guerrilla und die verführerische Assistentin Chulpan ist in seltsame Aktivitäten verstrickt. Emil müht sich redlich, die explosive Gemengelage zusammenzuhalten – aber bald schon steht weit mehr auf dem Spiel als seine künstlerische Integrität als vielversprechender Autorenfilmer. Herrlich absurde Satire auf das Filmbiz von Ben Hopkins (»Die neun Leben des Tomas Katz«).

»Welcome to Karastan«: ab 28.5., Kinobar Prager Frühling

Ihr kleines Haus musste Nana verlassen. Ihr fiel es zunehmend schwerer, sich um sich selbst zu kümmern. Jetzt wohnt sie auf dem Kölnberg viele Stockwerke hoch und findet, die Landschaft auf die sie von oben blickt, gleicht der in Schlesien. Von dort musste sie mit ihrer Mutter fliehen. Damals als kleines Mädchen. Ihre Freundin Martha hört geduldig zu – trinkt und raucht. Auch sie lebt in der Hochhaussiedlung am Rande von Köln – dort, wo 12 Uhr mittags 24 Stunden lang ist. Biene sagt das und kocht sich für den nächsten Rausch Heroin auf der Alufolie. Sie schafft an, um ihre Sucht zu finanzieren und bleibt oft drei Tage wach, um danach drei Tage durchzuschlafen. Denn Aufwachen ist teuer. Dann muss sie wieder raus, zum Fahrstuhl, runter auf die Straße. Eine Junkie-Hure wie sie, stehe auf der allerletzten Stufe. Doch sieht sie dies als Beruf und schreibt im dunklen Treppenhaus auf Knien ein Gedicht. Karl-Heinz liebt seine Katzen, nennt sie Kinder und spielt mit ihnen – immer die Bierflasche griffbereit. Es fällt ihm schwer diese an den Mund zu führen. Seine Hände zittern zu heftig. So kann es nicht weitergehen und seine Entscheidung in ein Heim für alkoholkranke Menschen zu ziehen, lässt ihn hoffen. Dafür nimmt er sogar in Kauf, den Kölnberg zu verlassen. Geduldig begleiten Robin Humboldt und Laurentia Genske – beide Studierende der Kunsthochschule für Medien Köln – diese vier Menschen zwei Jahre lang. Sie zeigen sie im Dunkeln im Fahrstuhl, in ihren beengten Wohnungen, beim Anschaffen und bei der Essensausgabe der Tafel. Intensive Szenen – wie die, wenn Biene berauscht nach Worten ringt – wechseln sich mit Fernaufnahmen der Hochhaussiedlung und der beleuchteten Fenster ab. Die Armut scheint greifbar und der Zusammenhalt der Personen, die einzige Möglichkeit ihrer unschönen Lage zu entgegnen. In den Hochhaussiedlungen am Kölnberg leben die Menschen, die im »entfernten« Köln keinen Platz mehr finden. Biene, Nana, Martha und Karl-Heinz stehen exemplarisch für die Bewohner der entkoppelten Wohnsiedlung. ANNE KATHRIN WEBER

»Am Kölnberg«: 28.5. – 3.6., Cineding


Flimmerzeit Mai2015 from inonemedia on Vimeo.

 

Die Filmtermine der Woche

The Making of: Hitchcocks »Vertigo«

Die Entstehung eines Meisterwerks. Bebilderter Vortrag der Filmwissenschaftlerin Claudia Cornelius.

29.5., 20.15 Uhr, Memento

 

Nosferatu – eine Symphonie des Grauens

Passend zum Start des Dokumentarfilms »Von Caligari zu Hitler« zeigt das Stummfilmkino im Clara-Zetkin-Park Murnaus Klassiker von 1922 im Rahmen der Stummfilmtage mit dem Wanderkino, begleitet von Gunthard Stephan (Violine) und Tobias Rank (Klavier).

30./31.5., 21.30 Uhr, Warze im Clara-Zetkin-Park

 

Nicht alles schlucken

Jeder Mensch kann in seelische Krisen geraten. Trotzdem werden psychische Erkrankungen als Makel und Schande erlebt, geheim gehalten und schamvoll versteckt. Der Film bricht mit diesem Tabu. Psychoseerfahrene Menschen, Angehörige sowie Ärzte und Pfleger erzählen in einem eigens für den Film geschaffenen Raum vor der Kamera von ihren Erfahrungen. Sie sprechen aus, was bisher verschwiegen wurde: die subjektiven Erfahrungen mit Psychopharmaka, das innere Erleben. Heilsam oder kränkend? Segen oder Fluch? Am 3.6. mit Filmgespräch mit Regisseurin Jana Kalms und Regisseur Sebastian Winkels.

2./3.6., 20 Uhr, Cinémathèque in der naTo

 

Yemeni Film Festival

Das JEMENITISCHE FILM- UND KUNSTFESTIVAL zu Gast im Cineding. Das Festival wird veranstaltet von The Yemen Peace Project in Kooperation mit der Deutsch-Jemenitischen Gesellschaft und dem Eurient e.V. und wird neben verschiedenen Kurz- und Dokumentarfilmen auch eine Fotoausstellung und eine Podiumsdiskussion beinhalten.

4./5.6., Cineding

 

Kurz & Gut

Aktuelle Kurzfilme von Studenten der Uni Leipzig.

4.6., 21 Uhr, Passage Kinos

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