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Editorial 06/2015

Das neue Heft ist da!

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An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der Juni-Ausgabe des kreuzer. Chefredakteur Andreas Raabe ist zurück und berichtet, was es im neuen Heft zu lesen gibt.

Eigentlich wollte ich bis nach Sizilien durchfahren, aber daraus wurde nichts. Schuld war vor allem Servas. Damals, im Jahr 2003, hatte ich ein paar Wochen Zeit und reiste nach Italien. Das Internet gab es noch nicht so richtig, kein Airbnb, auch Couchsurfing war unbekannt. Aber trotzdem war da schon die Idee, ein Netzwerk von Gastgebern und Reisenden aufzubauen, die sich gegenseitig besuchen konnten, um einerseits günstig zu reisen – die Übernachtung war kostenlos – und andererseits die Idee der Völkerfreundschaft zu fördern. Servas (Esperanto für »du dienst«) hieß eines dieser Netzwerke, weltumspannend, 1949 in Dänemark gegründet und mit einer Strenge und Wärme organisiert, wie sie erwachsen gewordenen Vollhippies oft zu Eigen ist. Man musste Mitglied des Vereins werden, dazu suchte ich die örtliche Regionalgruppe auf, wurde dort interviewt, auf die richtige Gesinnung (»Peace!«) und die Abwesenheit schwerwiegender Psychosen getestet. Anschließend bekam ich ein dickes blaues Buch in die Hand gedrückt, in dem Telefonnummern und Adressen von Servas-Mitgliedern des Landes standen, in das ich reisen wollte. Insgesamt gab es 110 solcher blauen Bücher.

So ausgerüstet fuhr ich also los und blieb wochenlang in Trento, Südtirol, hängen, was, wie gesagt, an Servas lag – oder genauer an Giuliana, meiner gutaussehenden, im öffentlichen Dienst angestellten und mindestens linksradikalen Gastgeberin. Sie war mein erster und einziger Servas-Kontakt, als Kommunistin teilte sie alles, und so blieb ich dort hängen im Trentino, na ja. Nach zwei Wochen kam uns das Gerücht zu Ohren, ich sei in Wirklichkeit ein deutsches RAF-Mitglied, mit Tarnidentität und so weiter, dem Giuliana Unterschlupf bieten würde. So was kann passieren bei echtem Social Travelling.

Aber ich schweife ja vollkommen ab: In unserer Titelgeschichte geht es um das – so ist es heutzutage eben – gleichsam kommerzielle wie semisoziale Online-Reisenetzwerk Airbnb und dessen Boom, der auch vor Leipzig nicht haltmacht. Mehr als 1.000 Unterkünfte lassen sich in der Stadt bereits über Airbnb buchen. In Berlin (15.000 Airbnb-Unterkünfte) ist deswegen schon der große Gentrifizierungswahnsinn ausgebrochen, da die Leute ihre Wohnungen offenbar lieber an Reisende vermieten, als sie auf dem regulären Markt anzubieten.

In Leipzig ist es noch nicht so schlimm, aber blättern Sie mal auf Seite 18 und lesen Sie die ganze Geschichte. Außerdem haben wir dort für Sie die sechs tollsten Angebote aus dem Tausenderhaufen herausgesucht und abgebildet.

Eine ernste Geschichte lesen Sie ein paar Seiten weiter – dort geht es um die Bezahlung von Doktoranden und studentischen Hilfskräften in den Leipziger Tierkliniken. Der Beitrag auf Seite 26 ist ein Wagnis in vielerlei Hinsicht. Zunächst treten so gut wie alle Informanten und Informantinnen anonym auf, da sie bei Identifizierbarkeit Nachteile in Ausbildung und Karriere fürchten, wie sie berichten. Dies wiederum ist für die Autoren als auch für das veröffentlichende Medium ein Wagnis. Eine klagefreudige und entsprechend solvente Partei könnte die so veröffentlichten Aussagen anzweifeln, zurückweisen und großen juristischen – somit auch hohen wirtschaftlichen – Druck ausüben. Im schlimmsten Fall könnte versucht werden, den Informantenschutz auszuhebeln, um an die Namen der Protagonisten zu kommen. Für das Medium, in diesem Fall der kreuzer, besteht zudem die Gefahr, einer Ente aufzusitzen, falsche Tatsachen zu behaupten, Unwahrheiten zu verbreiten.

Es gibt verschiedene Strategien und Techniken, sich als Redaktion gegen diese Risiken zu schützen, die wichtigsten heißen Sorgfalt und Dokumentation. Letzteres bedeutet, dass die Autoren alle Aussagen und recherchierten Fakten dokumentieren, so dass sie auch von der Redaktion auf Plausibilität und Wahrheit geprüft werden können – und sie sozusagen gerichtsfest machen.

Doch selbst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, bleibt ein weiteres Risiko, das sich einer redaktionellen Kontrolle entzieht: Was, wenn die Öffentlichmachung von Missständen negative Folgen hat, wenn zum Beispiel Institutionen schließen müssen, weil der Betrieb nur noch durch Inkaufnahme dieser Missstände aufrecht erhalten werden kann? Soll man trotzdem veröffentlichen? Wir meinen: Ja. Was meinen Sie?

Eine spannende kreuzer-Lektüre wünscht

ANDREAS RAABE

chefredaktion@kreuzer-leipzig.de

Was sonst noch im Heft steht:  Inhaltsverzeichnis, Monatstipps und Einblicke zeigt die Leseprobe unseres ePapers.

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