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Fiebertraum von einem Film

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Oft liest man, dass Filme »einen Sog entwickeln, dem sich keiner entziehen kann«. »Victoria« von Sebastian Schipper geht darüber hinaus: Er muss nicht erst diesen Sog kreieren, sondern ist von Anfang an dieser Sog. Mit einer »hirnrissigen Ladung von übersteigertem Selbstbewusstsein« (Schipper) ist »Victoria« als Onetake gedreht, als eine Einstellung ohne Schnitt. Regisseure sollten sich beim Filmemachen vermehrt Gefahren ausliefern, so Schipper. Das Kino sehne sich zu sehr nach dem Perfekten. Dabei »wollen wir gar nicht unbedingt das Perfekte sehen, sondern den Drang, die Nähe zur Katastrophe und die Aggression erleben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Kino wie ein wohl dressiertes Tier von der Streichelwiese geworden ist und seine Gefährlichkeit verliert.« Hoffentlich beweist das Publikum ab dieser Woche, dass es reif ist für diesen radikalen Ansatz. In der kreuzer-Redaktion hat »Victoria« auf jeden Fall einen lodernden Funken Hoffnung für das deutsche Kino entflammt und auch andernorts brennts: Neben dem Silbernen Bären auf der Berlinale ist Sebastian Schippers Fiebertraum nun auch für insgesamt sieben Deutsche Filmpreise nominiert – mit Heimvorteil, denn die Verleihung findet am 19.6. in Berlin statt.

Film der Woche: Als die Spanierin Victoria (Laia Costa) aus einem Club im nächtlichen Berlin tritt, trifft sie auf Sonne (Frederick Lau) und seine Kumpels Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff). Zwischen Sonne und Victoria klickt es. Spontan schließt sie sich den Jungs an und wird in einen Strudel der Ereignisse einer atemlosen Nacht gezogen.
Dabei ist die Form das Bestechende an diesem filmischen Experiment: Sebastian Schipper wagte mit »Victoria« den längsten Spielfilm in einem Atemzug. Über zwei Stunden gleitet die Kamera durch die Hauptstadt. In Echtzeit entfaltet sich die Handlung vor dem Zuschauer. Er wird Teil dieses Erlebnisses. Ein irrwitziges Wagnis, das gerade wegen seiner kleinen Fehler so charmant und lebendig wirkt. Die Schauspieler gingen dafür an ihre Grenzen: Die Dialoge sind improvisiert, der Dreh ohne Pause forderte höchste Konzentration. Für den Film zahlt es sich aus. Er entwickelt eine einnehmende Sogwirkung, die einen bis zum Abspann nicht mehr loslässt. Die Chemie zwischen den Akteuren stimmt, die Musik von Nils Frahm treibt voran und gibt Zeit zum Durchatmen, wenn die Dialoge für einen Moment in den Hintergrund treten. Das Ergebnis ist ein gelungenes Experiment und einer der spannendsten deutschen Filme seit Langem. Dafür gab es bei der diesjährigen Berlinale verdient den Silbernen Bären. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Victoria«: ab 11.6., Passage Kinos

kreuzer verlost Freikarten. eMail an film@kreuzer-leipzig.de (Betreff: Fiebertraum)

In einem Raum sitzen sich 30 Straftäter und zahlreiche Opfer gegenüber und nebeneinander. Der Reihe nach erzählen sie ihre Geschichte, hören einander zu. Es entsteht Verständnis zwischen Tätern und Opfern, das ihnen hilft, mit der Vergangenheit abzuschließen. Dieser einmalige Gesprächskreis in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin ist der Ausgangspunkt für den Berliner Regisseur Hubertus Siegert. In seiner fünf Jahre dauernden Arbeit begleitete er Opfer und Mörder und versuchte, aktiv den Dialog herzustellen.
Mutter Leola und ihre erwachsene Tochter Lisa warten seit elf Jahren darauf, dass der im Alter von 21 Jahren verurteilte Sean zugibt, ihren Sohn und Bruder erschossen zu haben. Siegert regt einen Briefwechsel an, der vielleicht endlich einen Schlusspunkt setzt. Den sucht auch Erik. Die Jugendliebe seiner Tochter Stiva endete tödlich. Ihr Freund, der im Rahmen des moderaten norwegischen Gesetzes in Sicherheitsverwahrung sitzt, bereut die Tat und sucht die Begegnung. Zu einem Treffen kommt es auch in Berlin, wo sich Patrick, Sohn eines von der RAF ermordeten Beamten des Außenministeriums, und Manfred, der im Namen der RAF getötet hat, gegenüber sitzen.
Die deutsche Episode fällt ein wenig heraus und bedarf vielleicht einer eigenen geschichtlichen Aufarbeitung. Gemein ist allen drei Fällen aber neben der stilistischen Nüchternheit eine akribische Recherche, Mut und bemerkenswerte Beharrlichkeit des Regisseurs. Dafür gab es verdientermaßen den Max Ophüls- und vielleicht auch bald den Deutschen Filmpreis.

»Beyond Punishment«: ab 11.6., Passage Kinos

Palermo 1970: Am Tag, an dem der bekannte Mafioso Vito Ciancimino zum Bürgermeister von Palermo gewählt wird, kommt Arturo zur Welt, und dieses Zusammentreffen hat weit mehr Konsequenzen für Arturos Leben, als zunächst angenommen. Denn der heranwachsende Arturo hat zwei Obsessionen, von denen ihn jede vollständig einnimmt: seine unglückliche Liebe zu seiner Banknachbarin Flora, die er seit der Grundschule anbetet und seine fixe Idee von den beängstigenden Beziehungen zwischen seiner Heimatstadt und der Mafia. Diese zweite Obsession isoliert ihn von seiner Umwelt, Flora mit eingeschlossen, bis ihm unglücklicherweise die Ereignisse Recht geben. Vor dem Hintergrund der tragischen, mit der Mafia verbundenen Ereignisse, die sich zwischen den 1970er und 1990er Jahren in Sizilien zutragen, entwickelt sich die zarte und äußerst unterhaltsame éducation sentimentale eines kleinen Jungen.

Der Schauspieler Pierfrancesco Diliberto legt in seinem Spielfilmdebüt eine beeindruckende Innenansicht des italienischen Volks vor, das sich auf kreative Weise zwei Jahrzehnte lang die Moritaten der Mafia schön redete. Generationen umspannend schildert der Regisseur die persönlich geprägte Geschichte seiner Heimatstadt Palermo und erzählt vom Einfluss der Mafia auf das alltägliche Leben. Überraschend humorvoll und mitreißend inszeniert.

»Die Mafia mordet nur im Sommer«: ab 11.6., Kinobar Prager Frühling

Die blonde Melinda hat keine Ahnung, wer da in ihren Autosalon gekommen ist. Doch schnell gibt sich der Kunde, von dem zunächst nur die Füße aus dem Cadillac ragen, zu erkennen: Brian Wilson, Gründer und kreativer Kopf der Beach Boys. Je näher Melinda ihm kommt, desto mehr erfährt sie über sein Leben und seine schwere Kindheit. Sie hört Geschichten über einen Vater, der für seinen Sohn immer nur Geringschätzung übrig hatte. Aus nächster Nähe erlebt sie Brians zwanghaften Perfektionismus, mit dem er seine musikalischen Ideen umsetzt, und erfährt schließlich von der Krankheit, die sein Psychotherapeut diagnostiziert hat. Doch leidet Brian tatsächlich an paranoider Schizophrenie? Oder gibt es andere Ursachen für seine Panikattacken, die Empfindlichkeit gegen Lärm, die immer lauter werdenden Stimmen in seinem Kopf? Und bringen seine Songs nicht genau jene Nöte zum Vorschein, die tief in seinem Inneren nach oben drängen?

»Love & Mercy«: ab 11.6., Passage Kinos

Was vor 22 Jahren John Hammond sich einst erträumt hat, ist nun Wirklichkeit. Die Isla Nublar ist nun ein Vergnügungspark mit Dinosauriern, der jährlich zehn Millionen Besucher anlockt. Doch eines Tages geht etwas schief und die Dinosaurier brechen aus und machen Jagd auf die Besucher, unter ihnen Owen Grady (Chris Pratt).
Der Park hat geöffnet. Nach zwei Dekaden und zwei mittelprächtigen Fortsetzungen wagen die Produzenten um Steven Spielberg nun einen Neuanfang. Die Dino-Welt ist dabei mit modernen Mitteln in 3D beeindruckend zum Leben erweckt worden. Doch es geht natürlich schneller als man sich daran satt sehen kann etwas schief und wir sind mitten drin in einem Eventkinoblokbuster erster Güte. Wie gut, dass uns Chris Pratt als sanftmütiger Großwildjäger zur Seite steht. Er macht dabei eine ebenso gute Figur wie die beeindruckenden Special Effects und die rasante Action. Zwar bewegt sich Jurassic World ganz in den Konventionen des Hollywoodkinos. Einen besseren Unterhaltungsfilm für die ganze Familie wird es aber wohl in diesem Sommer nicht geben. Zumindest keinen, der so viel Biss hat.

»Jurassic World«: ab 11.6., Cineplex, CineStar, Regina Palast

 

Flimmerzeit Juni

 

Die Filmtermine der Woche

Art N More »Paris«

Ein Film von Paul Bowler und Georg Weißbach. Entstanden im Rahmen des Projektes »Wunderland Wunderbar Wunderschön«, kuratiert von Chloé Curci & Lætitia Gorsy.

12.6., 20 Uhr, LURU-Kino in der Spinnerei

 

Lichtspiele

Kinotournee Deutscher Kurzfilmpreis 2014, ein Programm aus Preisträgern und Nominierten.

12.6., 22 Uhr, Baustelle/Schauspielhaus

 

Samsara

Nach dreijähriger Meditation in völliger Abgeschiedenheit wird der junge Lama Tashi von seinem alten Lehrmeister Apo wieder zurück ins Kloster geholt. Doch anstatt sich weiterhin geistlichen Themen zu widmen, entdeckt Tashi mit einem Mal die Freuden erotischer Gelüste. Die bildschöne Bauerstochter Pema verdreht ihm so heftig den Kopf, dass er beschließt, dem Mönchsleben gänzlich den Rücken zu kehren. Tashi verlässt das Kloster, um Pema zu heiraten. Doch das ungewohnte Dorfleben fordert seinen Tribut. Als angesehener Landbesitzer und Familienvater mag Tashi sich jetzt nur noch ungern an seine früheren Prinzipien erinnern. Ganz besonders, als die verführerische Sujata ihm immer deutlichere Avancen macht. Als Tashi nicht mehr länger widerstehen kann und Pema betrügt, steht er plötzlich vor der schwersten Entscheidung seines Lebens. – »Psychoanalyse trifft Film« mit psychoanalytischer Betrachtung durch Dr. Arndt Ludwig

12.6., 19.30 Uhr, Passage Kinos

 

Alphabet

Unser Bildungssystem ist im Eimer. Erwin Wagenhofer blickt in seinem wichtigen Dokumentarfilm zum Thema über den Tellerrand und zeigt Alternativen. Vorführung in Anwesenheit des Protagonisten Gerald Hüther.

15.6., 20 Uhr, Passage Kinos

 

Eines Tages …

Der Spielfilm erzählt in drei ineinander verwobenen Episoden von Menschen mit Demenz in unterschiedlichen Krankheitsstadien. – »Wissenschaftskino« thematisiert die Demenz mit einer Diskussion mit Medizinern der Universität Leipzig

16.6., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

 

Love Hotel

Täglich besuchen 2,5 Millionen Menschen eines der 37.000 Love-Hotels in Japan. Hier lebt die japanische Gesellschaft ihre Liebe, Wünsche, Fantasien und Geheimnisse diskret und anonym aus. Der Dokumentarfilm gewährt einen bislang nie da gewesenen Zugang hinter die Kulissen dieser Branche mit ihren grellen, kitschigen Fassaden und verspielt eingerichteten Zimmern.

14.–17.6., Cinémathèque in der naTo
am 16.6.,19.30 Uhr mit anschließendem Gespräch mit Dr. Katrin Gengenbach

 

14 Kurze rund ums Rad

Runder Kurzfilmabend im Luru.

17.6., 21 Uhr, LURU-Kino in der Spinnerei

 

Filmriss Filmquiz

André Thätz und Lars Tunçay entführen in die Untiefen der Filmhistorie mit einem bunten Mix aus zeitlosen Klassikern und kontemporärem Kino zum Mitraten. Zu gewinnen gibt es einen Haufen Freikarten, Merch und Kram zu aktuellen Filmen und obendrein das gute Gefühl, Bescheid zu wissen.

17.6., 20.30 Uhr, Conne Island

 

Die Unberatenen. Ein Wendekinderportrait

Filmvorführung und Gespräch mit der Regisseurin Dörte Grimm und dem Protagonisten Robert Meister. Eintritt frei.

18.6., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

 

Ist Leipzig noch zu retten?

… und weitere Dokumentationen zur Leipziger Stadtgeschichte. – Filmabend im Rahmen der Ausstellung »Ansichtssache – Leipziger Maler und ihre Stadt«
18.6., 18 Uhr, Galerie im Neuen Augusteum

 

L.Æ.nimation – Animationsfilme HGB

In Leipzig ansässige Animationsfilm-Schaffende zeigen erlesene und ungestüme Animationsfilme verschiedenster Techniken, von analogem Zeichentrick über Papier- und Puppentrick bis zum innovativen Gebrauch digitaler Techniken.

18.6., 20 Uhr, Cineding

 

The Immortal Sergeant

Als die Revolution in Syrien ausbrach, wurde Regisseur Ziad Kalthoum eingezogen. Mit der Handkamera versuchte er seinen Alltag zu dokumentieren, während ihm seine Kameraden ihre Geschichten erzählten. In der Reihe Musalsal, Dokumentarfilmreihe aus dem Nahen und Mittleren Osten. Im Anschluss Gespräch mit dem syrischen Regisseur Ziad Kalthoum

19.6., 20 Uhr, Cineding (OmeU)

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Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. Nica Geese | 15. Juni 2015 | um 11:44 Uhr

    Kann es sein, dass in der kreuzer-Druckausgabe der hier genannte Samsara Film mit dem Samsara Film von Ron Fricke (2011) verwechselt wurde? Zumindest findet sich in der Druckversion die Beschreibung zum Film von Ron Fricke.. Zum Glück habe ich es letzten Freitag nicht ins Kino geschafft, ich hätte nämlich nur den von 2011 sehen wollen :)

  2. Onlineredaktion | 15. Juni 2015 | um 16:35 Uhr

    Hallo Nica, das ist leider richtig und passiert, wenn zwei Filme den exakt gleichen Titel tragen. Sorry. Wir haben es dann im Onlinekalender korrigiert und auch hier steht dann ja der richtige Inhalt. Viele Grüße, Lars