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Wenn Gott Füße hat …

Beim Bachfest wurde Thomaskantor Biller mit Taschentüchern verabschiedet

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Mit dem traditionellen Abschlusskonzert der h-Moll-Messe, in diesem Jahr unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann, ging am Sonntag das Leipziger Bachfest zu Ende. Über 74.000 Besucher aus 34 Nationen erlebten ein Festival des Ankommens und des Abschiednehmens. Das Motto des Festivals »So herrlich stehst du, liebe Stadt«, das aus Bachs Ratswahlkantate stammt, nahm Bezug auf das 1.000-jährige Stadtjubiläum und spannte in weit über 100 Veranstaltungen einen dramaturgischen Bogen über Leipzigs Musikgeschichte.

Auffällig in diesem Jahr war die Qualität der Veranstaltung für junges Publikum. Das Bachfest engagierte sich mit der 2012 ins Leben gerufenen Marke »Bach für uns« erst relativ spät für sein Publikum von morgen. Dafür umso intensiver. Mit dem eigenständigen Programmschwerpunkt bekennt sich das Bachfest deutlich zu seiner Rolle als Musikvermittler. Die Chorakademie, die zum wiederholten Mal unter Leitung von Hermann Max arbeitete, einte in diesem Jahr den Gewandhaus-Jugendchor mit jungen chinesischen Sängern. Von der Bühne auf dem Markplatz breitete sich jene »Bachmosphere« junger Leute aus, um die die Veranstalter seit Jahren ringen. Auch für Schulklassen gab es – leider wenige, dafür umso erlesenere – Angebote. Das restlos ausverkaufte Puppenspiel »Au Claire de la Lune« von Frank Schenke erwies sich als Kleinod und war im Sommersaal des Bacharchives bestens aufgehoben. Schenke, im Puppentheater Sterntaler beheimatet, ist mit dieser Collage aus Puppenspiel, Scherenschnitt und Cello eine poetisch-fantasiebewegende Inszenierung gelungen, die das Bachfest gerade durch diese leisen, erdigen Töne wohltuend bereicherte.

Musikalisch durfte Bachs erste Leipziger Passionsmusik, die Johannespassion, nicht fehlen. Philipp Herreweghe, der mit dem Collegium Vocale Gent als einer der führenden Bachinterpreten gilt, dirigierte sie in der Nikolaikirche, dem Ort der Uraufführung. Wenn man einen musikalischen Höhepunkt im Bachfest nennen soll, muss man auf dieses Konzert verweisen. Herreweghes Bach ist rein und schlicht, die Kreuzige-Chören voller Nuancen, jede Linie geistlich durchdrungen und transparent gemacht von den Stimmen des Collegium Vocale Gent. Bei Konzerten wie diesem wird klar, auf welch hohem internationalem Niveau sich das Bachfest in seinem 17. Jahrgang bewegt.

Weitere Interpreten waren neben Sir John Eliot Gardiner Hans-Christoph Rademann, Gideon Kremer und Georg Christoph Biller. Als dieser am Mittwochabend in der Thomaskirche »Haddock« von Stephan König dirigierte – und damit noch einmal seinen Thomanerchor –, wurde klar, wer hier im Januar seinen Hut genommen hat. Dass Biller sein Amt aus gesundheitlichen Gründen niederlegte, ist nicht nur für die Thomaner, sondern auch für das Bachfest ein Verlust. Biller ist es zu verdanken, dass die Tradition der Bachfeste, die es erstmals 1908 gab, seit 1999 wieder auflebte und der Thomanerchor verstärkt zeitgenössische Musik auf- und uraufgeführt hat.

Königs chorsinfonische Kantate »Haddock« war das Auftragswerk des Bachfestes. Er thematisiert dabei ein Stück Leipziger Stadtgeschichte, indem er die Flucht des Thomanerchores im 2. Weltkrieg nach Grimma mit Psalmen und Exil-Gedichten von Else Lasker-Schüler vertont. Der Komponist nimmt den Duktus der Dichterin auf, schafft poetisch-schroffe Stimmungsbilder. Frenetisch bejubelt verbeugt sich ein sichtlich bewegter Alt-Thomaskantor von der Empore ins Publikum der ausverkauften Thomaskirche. Es war Billers vorerst letztes Konzert mit dem Thomanerchor.

Auch am nächsten Morgen war die Thomaskirche voll besetzt, als Biller mit einem bewegenden Festakt aus seinem Amt verabschiedet wurde. Biller, dem durch die Erkrankung das Sprechen und Gehen schwer fiel, wurde die Stufen hinauf zum Podest gestützt. Am Mikrofon erzählte er dann mit Witz und Charme Anekdoten der Thomaner und sagte schließlich: »Zu Füßen Gottes, wenn Gott Füße hat, sitzt Bach. Ich hoffe, irgendwann wenigstens zu Füßen Bachs sitzen zu dürfen.« Minutenlang stehende Ovationen, im Publikum führen manche Taschentücher an die Augen.

Jenem großen Abschied ging eine große Ankunft voraus. Noch vor dem Eröffnungskonzert kehrte mit der Schenkung des originalen Bach-Porträts des Malers Elias G. Hausmann von 1748 aus dem Nachlass des US-Musikwissenschaftlers Willam H. Scheide das wohl bekannteste Bach-Bildnis, feierlich in der Nikolaikirche enthüllt, zurück in die Schatzkammer des Leipziger Bachmuseums.

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Ein Kommentar

  1. Constantin Jacobi | 29. Juni 2015 | um 13:03 Uhr

    Wenn in diesem Artikel die Bedeutung der Vermittlung von (Bachscher) Musik an ein junges Publikum hervorgehoben wird, bedarf es einer wichtigen Ergänzung.
    Die BachSpiele sind – erst als Nachwuchswettbewerb, dann als Nachwuchsfestival – seit 5 Jahren fester Bestandteil des Bachfestes. Initiiert vom Geschäftsführer des Bach-Archivs, Dettloff Schwerdtfeger, finden sie als Kooperation von Bachfest, naTo und Promenaden jährlich auf dem Hauptbahnhof statt.
    Mit der Wahl der ebenso ungewöhnlichen wie exponierten Spielstätte und der naTo als Partner aus der sog. Freien Kultur, bewies das Bachfest einmal mehr den Willen und auch einen gewissen visionären Geist in Bezug auf dezidierte Nachwuchsförderung.
    Und weil, wie es im Artikel richtig festgestellt wird, es dabei um das Publikum, aber auch um die Künstler von morgen geht, darf dieser wichtiger Teil der Arbeit des Bachfestes nicht unerwähnt bleiben. :-)

    Mit freundlichen Grüßen
    Constantin Jacobi – naTo e.V. / Projektleitung BachSpiele
    http://www.bachspiele.de
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