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Gastspiel

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Kommende Woche gibt es spannende Gäste in der Stadt: »Cinema Schalom – Das jüdische Filmfestival Berlin zu Gast« in der Cinémathèque und der Kinobar Prager Frühling zeigt sechs fiktive und dokumentarische Streifen unter dem Motto »Filme ohne Klischees!«. Die Filmauswahl, die parallel zur Jüdischen Woche in Leipzig läuft, versteht sich als ein Best-of. »Cinema Schalom« schlägt einen zeitlichen Bogen von den Vorbereitungen des Prozesses gegen Adolf Eichmann in den frühen 60ern (trifft ins Mark: »Bureau 06«) über zwei junge Franzosen, die in den späten 70ern nach Odessa reisen, um schikanierten Juden zu helfen und schon bald den KGB auf den Fersen haben (»Friends from France«) hin zu einer Spurensuche im heutigen Polen und Menschen zwischen Gewissheit und Zweifel (»We Are Here«). Außerdem wird in den Passage Kinos das dokumentarische Kleinod »Life in Stills« von Tamar Tal über ein schrulliges Oma-Enkel-Gespann und deren Fotoladen in Tel Aviv noch einmal den Weg gezeigt. Der wunderbar warmherzige Film feierte seine Premiere auf dem DOK Leipzig. Zur Vorführung am 2.7. reist die Regisseurin Tamar Tal in Begleitung eines Protagonisten an. Einzelheiten zum Programm der Jüdischen Filmwoche findet ihr im aktuellen kreuzer.

 

Film der Woche: Ein einsamer Mann kämpft mit seinem Surfbrett gegen die unruhige See. Es wird schnell klar, dass es sich nicht um einen Urlauber handelt oder einen der braungebrannten Hawaiianer, die neue sportliche Herausforderungen an der Küste Marokkos suchen. Der Mann ist Fettah, ein einfacher Fischer, und sein Ziel ist Europa. Über den Atlantik, vorbei an den Grenzpatrouillen, in ein neues Leben – sein Plan klingt halsbrecherisch, doch er muss seinem Herzen folgen, auch wenn ihn das sein Leben kostet.
»Atlantic« ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Film, entstanden unter außergewöhnlichen Bedingungen. Der niederländische Regisseur Jan-Willem van Ewijk, selbst begeisterter Surfer, entwickelte die Idee bei einem Trip nach Marokko vor drei Jahren mit den Bewohnern eines Küstendorfes. Dort fand er auch seinen talentierten Hauptdarsteller Fettah Lamara und begab sich mit ihm und einem Kamerateam auf einen strapaziösen Trip auf hoher See. So verbindet der von Robert Redfords Sundance Lab geförderte Film – der auch ein wenig an dessen Hochseethriller »All is lost« erinnert – atemberaubende Surfaufnahmen mit einer berührenden Story, angereichert mit einem Touch Terrence Malick, wenn Fettah seiner kleinen Cousine aus dem Off von seiner Reise erzählt. Eine berauschende Mischung, die eine aktuelle Flüchtlingsgeschichte kunstvoll verpackt.

»Atlantic«: ab 25.6., Luru Kino in der Spinnerei

 

Der Mittzwanziger Titli teilt sich zusammen mit seinem Vater und seinen beiden älteren Brüdern Vikram und Baawla eine beengte Wohnung. Nach dem Tod der Mutter schlägt sich die Männerfamilie alleine durch den Alltag – und das ist wörtlich zu nehmen. Denn insbesondere der cholerische Vikram neigt zu Gewaltausbrüchen. Schon zu Filmbeginn prügelt er aus nichtigem Grund einen Handwerker krankenhausreif, was früh den Grundton des pessimistischen Sozialdramas definiert. Mit brutalen Überfällen auf Autofahrer finanzieren die drei sich selbst und dem Vater den Lebensunterhalt – eine dieser Attacken wird so drastisch geschildert, dass zartbesaitete Zuschauer besser kurz wegsehen sollten. Titli sind die Hände gebunden, zu perspektivlos scheint die Welt um ihn herum, in der Arbeitslosigkeit an der Tagesordnung und ein Menschenleben nicht viel wert ist. Als er mit Neelu verheiratet werden soll, fügen beide sich zunächst resigniert den Traditionen. Weder Neelu noch ihre Familie ahnen, in welche Verhältnisse die Ehe sie bringen wird. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Ein Junge namens Titli«: ab 25.6., Cineding

1968 – ein Jahr, dass auch in der BRD für Aufbruch und Neuorientierung stand. Die junge Generation sagt dem „Muff aus tausend Jahren“ den Kampf an. Das Bild der Medien ist geprägt von Stones, Sex und Schlaghosen und auf den Straßen tobt der Kampf gegen Vietnam und Vater Staat. In diesen unruhigen Zeiten klammert sich die Kirche mit aller Macht an den Gehorsam durch Züchtigung. Überall im Land haben Fürsorgeheime Hochkonjunktur. Der Ausdruck „wenn du nicht spurst, kommst du ins Heim“ ist ein geflügeltes Wort. Für mehr als 800.000 Jungen und Mädchen von 1945 bis in die Siebziger wird er grausame Realität.
Freistatt ist der berüchtigtste Ort im hohen Norden. Dort landet der 14jährige Wolfgang, weil er seinem Stiefvater und auch seiner Mutter beim bürgerlichen Traum einer harmonischen Familie im Weg ist. Wolfgang hat eine umfangreiche Akte, lehnt sich fortwährend gegen Autoritäten auf und andere staatliche Einrichtungen konnten ihn nicht lange halten. So kommt er in die Diakonie Freistatt, umgeben von Mooren und Deichen, fernab der Zivilisation. Der Hausvater und Hobbygärtner Brockmann macht zunächst einen väterlichen Eindruck, als er den Jüngling willkommen heißt. Doch auf Zuckerbrot folgt bald die Peitsche. Tagsüber schuften die Jungs beim Torfstechen, abends werden sie in den Schlaf geprügelt. Die Brüder beherrschen ein perfides Spiel aus Angst und Selbstregulierung innerhalb der Gruppe. Wenn einer nicht spurt, müssen alle leiden. Doch Wolfgang lässt sich nicht einschüchtern.
Regisseur und Drehbuchautor Marc Brummund wuchs behütet unweit der Einrichtung auf, ahnungslos, was dort vor sicht ging. 2006 schockierte die Öffentlichkeit das Sachbuch »Schläge im Namen des Herrn« von Peter Wensierski über die unchristlichen Erziehungsmaßnahmen in kirchlichen Einrichtungen. »Freistatt« basiert zum großen Teil auf den Erinnerungen von Wolfgang Rosenkötter, der das Martyrium der Heimerziehung durchlebte. In langen Gesprächen schilderte Rosenkötter Brummund seine Erlebnisse. Der Regisseur wählte die Form des Spielfilms, um die Geschichte einem möglichst großem Publikum zugänglich zu machen. Dabei bedient er sich oftmals allzu vordergründigen Effekten der Empathie, der Soundtrack von Anne Nikitin wirkt ab und an zu aufdringlich, die starken Bilder von Judith Kaufmann zu glatt. Getragen wird »Freistatt« von einem starken Ensemble bemerkenswerter Jungdarsteller, aus dem Louis Hofmann in der Hauptrolle heraus sticht. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. So entstand ein wichtiger Film, der die zahlreichen Preise, die er bislang erhalten hat ebenso verdient wie ein großes Publikum.

»Freistatt«: ab 25.6., Passage Kinos

Die Flimmerzeit im Juni

In Zusammenarbeit mir inonemedia präsentieren wir euch wieder drei Highlights aus dem aktuellen Monat. Diesmal mit »Jurassic World«, »Victoria« und »Atlantic«.

Die Filmtermine der Woche

Kurzfilmprogramm

Dokumentarfilm-Spezial des deutschen Kurzfilmpreises: »Ulli« (60 min), »Nach Auschwitz« (20 min), »Shoot me« (30 min) In Anwesenheit der Filmemacher.

26.6., 20 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

18. Klangkino

Das satirische Drama »Das Schwein von Gaza« mit Livevertonung durch EfaM – Ensemble für außereuropäische Musik

27.6., 20 Uhr, Cineding

 

Einsame Geburt – Hebammenn in Not

Wegen der jährlich steigenden Haftpflichtprämie können viele freiberufliche Hebammen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Nicht nur die Hebammen, sondern auch die Eltern haben somit ein Problem. Es wird klar, dass die Hebammen-Problematik ein Problem für die Gesellschaft ist.

27.6., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

Oberhausen on Tour: Internationaler Wettbewerb

Zum neunten Mal schicken die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen Filme aus ihrem Festivalprogramm auf Welttournee. In 54 Spielstätten in 24 Ländern – von Belgien bis Zypern, von Kanada bis Chile – laufen von Februar bis Ende Juni Kurzfilme von dem bekannten Filmfestival. Auch im UT Connewitz gibt es heute eine Auswahl des Internationalen Wettbewerbs zu sehen.

27.6., 20 Uhr, UT Connewitz

 

Shorts Attack

Dumm gelaufen – 10 turbulente Filme über ziemlich schräge Zwischenfälle

27.6., 22 Uhr, UT Connewitz

 

Café Ta’amon – King George Street, Jerusalem

Im Jahre 1938 in Jerusalem von deutsch- jüdischen Emigranten eröffnet, ist das Café Ta’amon zehn Jahre älter als der Staat Israel. Im Rahmen der Jüdischen Woche Leipzig.

28.6., 17 Uhr, Kinobar Prager Frühling

 

Das letzte Einhorn

Ein Einhorn versucht die letzten ihrer Art zu retten, die von einem bösen König gefangen gehalten werden. Wundervoller britischer Animationsfilmklassiker für sanfte Gemüter. Erstmals in überarbeiteter Bildfassung. In Anwesenheit des Autors Peter S. Beagle.

1.7., 19.30 Uhr, CineStar

 

Little Rose

Polen, 1968: Nach studentischen Protesten gegen die kommunistische Regierung werden jüdische Mitbürger gezielt des Verrats verdächtigt, als Sündenböcke gebrandmarkt und viele von ihnen aus dem Land getrieben. In den Strudel dieser Ereignisse gelangt Kamila. Jung und unbedarft lässt sie sich mit dem Geheimdienst ein und wird auf einen Literaturprofessor angesetzt. Bald merkt die Agentin, welche Konsequenzen ihr Sündenfall hat.

1.7., 20 Uhr, Polnisches Institut (OmeU)

 

Fargo

Zur Lösung seiner finanziellen Probleme heuert ein Autoverkäufer zwei Ganoven an, die seine Frau entführen sollen. Das führt zu Chaos und Mord, was eine resolute schwangere Polizistin auf den Plan ruft. Brillante schwarze Krimisatire aus dem Provinz-Kosmos des winterlichen North-Dakota. Zwei verdiente Oscars 1997. – Saisonauftakt mit Cocktailbar und einer psychoanalytischen Filmeinführung von Dr. Mechthild Zeul

2.7., 21 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island (OmU)

 

Haus Tugendhat. Dokumentarfilme von Dieter Reifarth

Das Haus Tugendhat im tschechischen Brno ist ein Solitär moderner Architektur. Es verkörpert den sozialutopischen Anspruch des Architekten Mies van der Rohe und den weltoffenen großbürgerlichen Lebensentwurf seiner Auftraggeber Grete und Fritz Tugendhat. Der Film erzählt die wechselvolle Geschichte des singulären Bauwerks und seiner Bewohner. – anschl. Gespräch mit Prof. Daniela Hammer-Tugendhat

2.7., 19 Uhr, Grassi-Museum für Angewandte Kunst

 

Life in Stills

Miriam Weissenstein, 96, schwerhörig, aber dennoch sehr streitbar und oft genug grantig. Der drei Köpfe größere Ben kümmert sich rührend um seine widerborstige Oma und kämpft mit ihr Seite an Seite, um das Vermächtnis seines Großvaters zu bewahren: das berühmteste Fotogeschäft Israels. – in Anwesenheit der Regisseurin Tamar Tal und eines Protagonisten

2.7., 19.30 Uhr, Passage Kinos

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