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Mit nacktem Körper auf der Straße

»Straßentheatertage«, was soll das? Organisator Larsen Sechert erklärt

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Das Spiel im öffentlichen Raum ist etwas Besonderes für Künstler wie Zuschauer – und eine sehr ehrliche Form der Darbietung, denn um einen Obulus wird erst nach der Vorstellung gebeten. Ab Donnerstag ist es wieder so weit: Dann wirbeln die 9. Straßentheatertage durch Leipzig-City.

kreuzer: Darf man das überhaupt, sich auf die Straße stellen und Theater machen?

LARSEN SECHERT: Man darf. Aber das unterliegt gewissen Regeln. Man darf das nicht in jeder Region. Es gibt Gegenden, die besonders katholisch geprägt sind und wo Theater tatsächlich als etwas Anrüchiges verstanden wird, als etwas Falsches. Das rührt vom Verbot der Kirche, dass Harlekinerie und überhaupt Schauspiel etwas Teuflisches sei. Da ist es verboten, hier ist es erlaubt. Aber es unterliegt gewissen Konditionen. Man darf keine lautverstärkenden Geräte benutzen, dafür bedarf es einer Genehmigung, die schwer zu kriegen ist. Und man darf nicht länger als 20 Minuten an einem Standort bleiben.

kreuzer: Wie kamen Sie auf die Idee, die Straßentheatertage ins Leben zu rufen?

SECHERT: Ich habe gehört, dass es Anfang der 90er mal so ein Straßenmusikfestival gegeben hat. Also Jazz auf der Straße muss es mal gegeben haben. Das ist dann eingeschlafen, weil es nicht mehr gefördert wurde. Dann weiß ich, dass es in Halle mal ein zwei Jahre tatsächlich so ein kleines Festival gegeben hat, wo verschiedenste Gruppen auf öffentlichen Plätzen, in Parks und möglicherweise auch in der Innenstadt gespielt haben. Und weiter wusste ich, dass es dieses Festival of Fools in Amsterdam nach wie vor noch gibt. Zumindest in den 70er Jahren war Django Edwards einer der treibenden Kräfte, der damit angefangen hat, dass sich Leute – ohne die Absicht zu hegen Geld zu verdienen – zusammengetan haben, um sich auszutauschen und um einfach voreinander zu spielen. Da dachte ich: Okay, das muss doch auch ohne Geld gehen. Also habe ich verschiedene Gruppen angesprochen und es kamen damals immerhin – das war 2007 – zwei drei Gruppen zusammen, die dann drei Tage lang ein paar Mal gespielt haben. So hat es angefangen.

kreuzer: Woher kommen die Künstler?

SECHERT: Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben pro Jahr ein zwei Teilnehmer, die von ein bisschen weiter her kommen. Im letzten Jahr war das Weiteste Stuttgart. Ansonsten hatten wir auch Dresden und Berlin – Halle noch nicht. Aber immerhin! Die meisten kommen schon aus Leipzig. Gruppen, die von außerhalb kommen – das liegt aber auch an dem geringen Budget – sind eher selten. Da können wir maximal die Fahrtkosten zahlen, wenn überhaupt, und das ist für viele dann doch nicht so lukrativ.

kreuzer: Ist das Leipziger Publikum gebefreudig?

SECHERT: Nein. Es gibt schon einige Auftritte, wo es okay ist. Das Leipziger Publikum ist sehr wohlwollend und interessiert. Aber im Vergleich zu Hochburgen wie Köln ist das hier sehr dünn.

kreuzer: Man muss also nach Köln gehen.

SECHERT: Man muss in Städte gehen, wo sehr sehr viel mehr Menschen sind und wo die Menschen das auch mehr gewöhnt sind. Das ist in Köln der Fall. Mir fällt gerade Köln ein, weil ich dort zwei Performer mit einem riesengroßen Publikum drumherum gesehen habe. Dann wurde der Hut gefüllt, und ganz selbstverständlich wurden auch mal fünf Euro reingelegt. Letztendlich zählt Leipzig nicht zu diesen Hochburgen, in denen man Geld verdienen kann. Bei den ersten Straßentheatertagen haben mich Gaukler angesprochen, die sagten, dass sie ihre Straßenprogramme in Leipzig darauf testen würden, ob sie funktionieren. Um dann in den großen Metropolen damit Geld zu verdienen.

kreuzer: Gibt es eine Art Mekka für Straßentheater?

SECHERT: Hier in Deutschland fallen mir spontan zwei Festivals ein, die sehr lukrativ sind. Das sind die Naumburger Straßentheatertage und eins in Berlin. Eigentlich gibt es relativ viele. Aber so ein Mekka … für einen Straßenkünstler gibt es, glaube ich, nicht den Ort, bei dem man sagt: Wenn ich da spiele, dann habe ich es geschafft! Auch weil sich die Inhalte überschneiden. Es gibt nicht viele Festivals, die nur für Straßenprogramme ausgeschrieben sind. Und es gibt sogar welche, bei denen man als Künstler erstmal 500€ zahlen muss, um überhaupt mitmachen zu dürfen.

kreuzer: Wie bringt man Passanten, die wahrscheinlich etwas ganz anderes vorhaben, dazu, stehen zu bleiben?

SECHERT: Was nicht funktioniert ist, ein Kammerspiel mit ganz kleinen, minimalistischen und psychologisch ausdifferenzierten Gesten. Vieles muss größer sein. Es muss weit in den Raum reinreichen, weil der Raum letztlich unbegrenzt ist. Es ist ein Training. Und es ist natürlich auch eine sehr archaische Form des Theaterspielens. Man steht mit dem sozusagen nackten Körper auf der Bühne und bekommt von den Zuschauern unmittelbares Feedback. Wenn es denn Leuten nicht gefällt, gehen sie einfach weiter. Wir hatten Gruppen – und das ist kein Armutszeugnis, sondern das Besondere an den Leipziger Straßentheatertagen –, bei denen von vornherein klar war, dass sie keine riesige Traube um sich bilden würden. Zum Beispiel viele Schülertheatergruppen, die keine große Kostümierung haben und deren Spielweise noch nicht so ausgefeilt ist. Aber mir hat letztes Jahr eine Schülergruppe sehr gefallen, die ein engagiertes Märchen gespielt hat, wie man das vom Schultheater kennt, mit Tuch und so. Manchmal ist es ja einfach nur schlecht, aber das fand ich richtig niedlich, weil sie originell waren. Es geht nicht immer um Theaterkunst. Darum geht es sowieso bei wenigen Teilnehmern – das macht dann die Straßentheatertage aus.

kreuzer: Haben Sie das Gefühl, das Festival hat sich inzwischen herumgesprochen?

SECHERT: Ja, das habe ich tatsächlich. Weil mir Menschen aus Halle manchmal – ohne zu wissen dass ich der Initiator bin – erzählen, dass sie da mal waren oder davon gehört haben. Weil Leute tatsächlich von anderen Städten – das sind jetzt keine Städte wie Paris oder London – hierherkommen. Ob sie nun deswegen kommen oder sich sagen: »Och weißte, fahren wir lieber da hin, weil da sind och eh glei die Straßentheatertage.«. Es spielt trotzdem eine Rolle, für die Entscheidung hierherzukommen. Um in der Innenstadt herumzulaufen und zu gucken, ob sie da was entdecken.

kreuzer: Gibt es ein offizielles Programm?

SECHERT: Ja. Der Grundgedanke war das Entdecken, aber es gibt ein offizielles Programm, das man unter knalltheater.de/strassentheatertage finden kann. Es kann sich aber immer kurzfristig ändern. Auf jeden Fall immer von Donnerstag bis Sonntag zwischen 13 und 18 Uhr auf der Grimmaischen Straße oder der Petersstraße. Das ist dafür gedacht, die Leute, die eh schon da sind, zu überraschen. Also dafür gehen inzwischen ganz schön viele gezielt hin. Also wir haben immer insgesamt rund 2000 Zuschauer bei 20-30 Kurzaufführungen von fünf bis höchstens zwanzig Minuten.

Straßentheatertage: 2.-5.7., 13-18 Uhr, Innenstadt
http://knalltheater.de/strassentheatertage/

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